Dass sich Wien und Wein aus denselben Buchstaben bilden, scheint mehr als eine reine Zufälligkeit zu sein. Im Mittelalter wurde in mehreren deutschen Mundarten (zum Beispiel im Niederrheinischen) die Stadt mit „Weyn“ bezeichnet. Der bekannte Weinautor Hugh Johnson schreibt, dass keine Stadt so voller Weinseligkeit wie Wien ist. Der Wiener Heurige ist weltweit bekannt und viele Gäste kommen (auch) deshalb nach Wien. In den 180 Heurigen-Betrieben hat sich auch der glasweise Verkauf von hochwertigen Flaschenweinen etabliert. Bekannte Weinorte mit vielen Heurigen-Lokalen sind Grinzing, Heiligenstadt, Jedlersdorf, Mauer, Neustift am Walde, Nussdorf, Oberlaa, Sievering, Stammersdorf und Strebersdorf. Der typische Wiener Heurigenwein ist der Gemischte Satz, bei dem nach alter Tradition verschiedene Rebsorten im Weingarten gemischt angepflanzt sind. Im Jahre 2009 wurde der „Wiener Gemischte Satz“ vom Verein Slow Food als „Passagier“ der „Arche des Geschmacks“ aufgenommen. Er gehört damit zu den ausgezeichneten Lebensmitteln, die vor der großen Gefährdung durch industrielle Landwirtschaft und Nahrungsmittel-Industrie streng geschützt und für zukünftige Generationen erhalten werden sollen.
Bei der Weingartenerhebung 2009 ergaben sich gegenüber 1999 keine gravierenden Änderungen im Rebsortenspiegel. Die Rebfläche hat sich in diesen zehn Jahren nur geringfügig um 3% von 594 auf 612 Hektar erhöht. Veränderungen siehe in der Tabelle:
Der Wiener Weinbau hat eine zweieinhalbtausendjährige Geschichte und ist zumindest so alt wie die Stadt selbst, als diese noch eine kleine Ansiedlung war. Schon die Kelten und vor ihnen die Illyrer hatten 500 v. Chr. auf diesem Gebiet, das sie „Vedunia“ nannten, schon vor den Römern Weinbau betrieben, was zahlreiche Funde wie Weinfässer, Pressvorrichtungen und Weintraubenkerne beweisen. Unter anderem auch am berühmten Nußberg im Norden der Stadt, wo noch heute viele Weingärten angelegt sind. Als Kaiser Marcus Aurelius Probus (232-282) das von Kaiser Domitian (51-96) erlassene Verbot aufhob, Weinstöcke außerhalb Italiens anzupflanzen, begannen die Legionäre in der Anlage „Vindobona“ Weinbau zu betreiben und römische Methoden anzuwenden. Die heutige Großstadt mit über 400 km² Fläche ist buchstäblich auf Weingärten erbaut.
Noch im späten Mittelalter waren die größten Teile der späteren Wiener Bezirke voll von Weinbergen. Es gibt Urkunden, die Weinberge in den heutigen Stadtteilen bzw. Bezirken Stadtpark, Minoritenplatz, Rennweg, Alserbach, Alsegg, Matzleinsdorf, Linke Wienzeile, Weißgerberlände, Landstraße, Wieden und Mariahilf bezeugen. Das ganze Mittelalter hindurch war der Weinbau in Wien die Haupterwerbs-Quelle und die Wiener lebten davon. Schon im frühen Mittelalter galt das Gastwirt-Gewerbe als einträgliches Geschäft und es sind Weinschenken-Namen aus dem 14. Jahrhundert urkundlich nachgewiesen.
Dem heutigen „Stubenviertel“ im 1. Bezirk gaben die vielen Weinstuben und Gastgärten in dieser Gegend auch den Namen. Es gab Verordnungen, wer mit welchen Auflagen Wein ausschenken und verkaufen durfte mit Schutzmaßnahmen gegen Zechpreller und Raufbolde. Dies war auch notwendig, denn das „Saufen und Raufen“ war auch ein Teil der damaligen Wiener Lebensart. Darüber gibt die Epistel Sauffnarr vom berühmten Prediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709) beredt Auskunft. Zum Schutz des Weines wurden strenge Gesetze und Verordnungen erlassen. Eine starke Konkurrenz entstand durch Bier und Herzog Albrecht V. (1397-1439) verbot 1430 den öffentlichen Ausschank, wan daraus der Stadt und unseren Burgern, die Weinwachs haben, großer Schaden gehen mag.
Ab Mitte des 14. Jahrhunderts begann der Export zu blühen und der Wiener Wein wurde in das Deutsche Reich, nach Polen und nach Böhmen verkauft. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wuchsen die Weingärten in Wien und Umgebung rasant und verdrängten fast vollständig den Ackerbau. Deshalb wurde 1426 von Herzog Albrecht V. das Anlegen neuer Weingärten verboten, um die Ernährung der Stadt zu sichern. Kaiser Ferdinand I. (1503-1564) bezeichnete den Wein in einem Stadtrecht als erste Nahrung der Stadt Wien. Das berühmte Weinbuch des Geistlichen Johann Rasch (1540-1612) beschreibt ausführlich den Weinbau, die Weine, die Kellereitechniken und auch die Trinksitten in dieser Zeit.
Kaiser Ferdinand III. (1608-1657) finanzierte sozusagen mit Wein die Verteidigung Wiens gegen die Belagerung der Schweden im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), indem er im Jahre 1639 eine spezielle Weinsteuer in der Höhe von einen Groschen pro gelagertem Eimer Wein einführte. Es gelang erfolgreich, die Schweden abzuwehren. Die gefangenen Schweden erhielten als Spott ein Glas des besteuerten Weines, der als „Schwedenwein“ bezeichnet wurde. Die besten Weine lagerten im dreigeschossigen k.k. Hofkeller tief unter der Burg. Der damalige Kaiser Leopold I. (1640-1705) beauftragte den Bau eines Riesenfasses mit einem Fassungs-Vermögen von 5.050 Eimern, das waren 285.000 Liter Wein. Eine Weingeschichte Wiens ohne die Erwähnung des berühmten Bänkelsängers Lieber Augustin (lebte im 17. Jahrhundert) wäre unvollständig. Berichtenswert ist das Jahr 1443, in dem der Wein so extrem sauer war, dass angeblich sogar die Reifen der Fässer angegriffen wurden. Im Wiener Volksmund, der es immer schon treffend verstanden hat, „Dinge auf den Punkt zu bringen“, wurde deshalb die Bezeichnung Reifbeißer kreiert.
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