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15.02.2007
Müssen Bioweine anders schmecken?
„Bio” modernes Märchen?
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 5)

Wir sind im Rhônetal bei einer Weinpräsentation der „Découvertes en Valée du Rhône”. Da stürzt „Weinnase” auf mich zu, mit einem Glas in der Hand: „Peter, riech einmal daran!” Ich bemühe die Nase, dann den Gaumen. Der Wein schmeckt anders! Aber wie? Da - etwa vor vier Jahren - ist bei mir erstmals der Gedanke aufgetaucht: Bioweine könnten anders schmecken, denn das, was Christian ( „Weinnase”) aus dem riesigen Angebot ausgewählt hat, ist ein Biowein.

„Biodorf”, eine „biologische” Siedlung, vor 30 Jahren erbaut270

Ich hatte die kleine Episode längst vergessen, als im Forum die Frage aufgetaucht ist: „müssen Bioweine wirklich anders schmecken”? Die Diskussion ist angestoßen, doch nur wenige nehmen daran teil. Bioweine sind - zumindest für „Weingenießer” - offensichtlich kein Thema (mehr).

Und wieder erinnere ich mich, es sind noch weit mehr Jahre her, da hat mein Freund (ein Burgunderkenner) kategorisch erklärt: „Bioweine sind keine Weine!” Er könne sie „blind” erkennen. Tatsächlich habe ich bei der nächsten Bordeaux-Probe einen Biowein als Piraten eingeschmuggelt. Er wurde sofort entlarvt.

Der Rebberater zeigt Schädlinge an den Reben
Inzwischen ist das Label „Bio” marktfähig geworden. Im Inhalt zwar immer noch verschwommen, ein werbewirksamer Kurz- und Universalbegriff für unterschiedliche Dinge: naturnah, ökologisch, giftfrei, anthroposophisch, gesund, besser....

Auch Weinzeitschriften und Fachblätter haben sich des Themas angenommen. Nirgendwo habe ich so viele Winzer getroffen, die behaupten, „biologisch” zu arbeiten, wie in Frankreich.

Was „biologisch” bedeutet, das bleibt definitionsbedürftig. Die Deutung reicht von der vielzitierten Mondphase hin zur großindustriellen Bioproduktion.

Vor gut 30 Jahren bauten wir - 12 Familien und ein bekennender anthroposophischer Architekt - ein „Biodörfchen”. Damals kam - nach der Betonphase - die „Baubiologie”, und wir galten als Pioniere, die ihre Häuser getreu nach den Ideen von Hubert Palm, dem Vater des biologischen Bauens, errichteten. Fast dreißig Jahre lebe ich nun in diesem Haus. Lebe ich besser?

Ich lebe gut. Aber besser?

Weinabfüllen im Biodorf
An einer Instruktion erklärt uns der regionale Rebberater, wie die Reben im Winter zu schneiden sind. Dabei zeigt er auch Triebe mit Schildläusen, Schwarzflecken und Schwarzrot: Sie sind zu behandeln mit Ölpräparaten und Fungiziden. Sofort geht die Diskussion los. Gibt es Alternativen? Es werden auch Namen von Bioprodukten genannt. Der Rebenexperte schüttelt den Kopf.

Man spürt, von „Bio” hält er nicht viel, dafür plädiert er: „Bitte nur die betroffenen Stellen behandeln, nicht den ganzen Rebberg mit Giften vollspritzen. Sonst trifft es zu viele Nützlinge. Dies ist keine Annäherung an die Grünen und kein Kniefall vor den Biophantasten, dies ist schlicht gesunder Menschenverstand!” Poing, das sitzt.

Wieder erinnere ich mich an meine eigene „Annäherung” an die Bio-Philosophie unseres Biodörfchens. Mir ist die Begegnung nicht leicht gefallen - noch heute gelte ich als (fast) unbelehrbar. Nachdem ich meine kleinen Salatsetzlinge im Biogarten (trotz Schneckenhag) zum fünften Mal ersetzt habe (20 Cent das Stück), halten die „verbotenen” Schneckenkörner halt doch Einzug in meinen Garten, schön versteckt unter üppigwachsenden Zierblumen. Auch Fernsehen, mit all den schädlichen Strahlen wurde mir schon damals (berufsbedingt) zugestanden, und mein Laster (Wein) produzierte bestenfalls ein mitleidiges Lächeln. Als ich aber begann, auf unserer Terrasse Wein aus einem natürlichen Holzfässchen in Flaschen abzufüllen, dabei Naturkorken verwende, da wird mir mein Laster verziehen. Ich bin - wenigstens weinmässig - rehabilitiert.

Hans-Ulrich Kesselring, ein sensibilisierter Schweizer Spitzenwinzer
Und meine Winzerkontakte. Dazu gehört auch ein profilierter Schweizer Winzer, Hans-Ulrich Kesselring. Sein Image: ein Tüftler und Analytiker, der in seinem hauseigenen Labor - das selbst einem Michel Rolland Ehre machen würde - all das analysiert, was Wein gut, ja besser machen könnte: Boden, Pflanzen, Naturprodukte, Nützlinge etc. Im Weinberg und im Keller handelt er danach. Kesselring ist also in vielem das „Gegenbeispiel” eines Biobauern. Nun hat aber dieser Ostschweizer Winzer einen mehrtägigen Kurs zum Thema biologischer Rebbau besucht. Er gibt offen zu, dass er mit den Mondphasen, den Kuhhörnern und den homöopathischen Dosen immer noch seine Mühe hat: „Als ein Zweifler sitze ich hier, nicht weil ich nichts glaube, sondern weil ich alles für möglich halte.” Mit diesem Thomas-Mann-Zitat beschreibt er sein Gefühl nach 4 Tagen Biodynamik. „Also ließ ich mir von einem Anthroposophen den besten und den schlechtesten Pflanzzeitpunkt dieses Frühjahrs errechnen. In je 5 Blöcken à 10 Exemplaren pflanzten wir gleiche Reben zu den beiden Zeitpunkten und warten gespannt auf ihr Werden unter verschiedenen Sternen! Eine unerwartete Veränderung bemerkte ich an mir selber: Plötzlich fällt es mir leichter, Geld für Kompost auszugeben als für einen neuen Traktor.”

Solche Gedanken kommen schon fast einer „Bekehrung” gleich. Bekehrung? Tatsächlich hat der Biogedanke rasch einmal etwas mit Religion zu tun, vor allem dann, wenn der „alleinseligmachende” Anspruch und damit eine Bekehrung verbunden sind. Fast jede „Bekehrung” zieht eine Art Krieg mit sich, ein heiliger Kriege, und wo Krieg ist, ist auch die Inquisition nicht fern.

Aber weiß ich jetzt, ob Bioweine anders schmecken?

Jugendsünde eines streng katholisch erzogenen Buben: als Messdiener haben wir, wann immer es ging, Messwein verkostet, natürlich vor der Wandlung (Konsekration), also wenn der Wein noch Wein ist und nicht „Blut Christi”. Schon da wollte ich - neugierig, wie ich nun mal bin - wissen, ob denn nach der Wandlung der Wein anders schmeckt. Erst viele Jahre später, nach dem 2. Vatikanum, erhalte ich eine Antwort. Dem Laien wird nun ab und zu in der Kirche nicht nur das Brot (Oblate) gereicht, sondern auch ein Kelch mit Wein. Meine grenzenlose Enttäuschung: er schmeckte nicht anders... und doch ist er - nach der Lehre der Kirche - anders, nicht mehr nur Wein, sondern....

Angebot von „Bioweinen” im Spezialgeschäft

Seit dieser Urerfahrung lebe ich auch mit dem Biowein in Frieden. Ich versuche zwar ab und zu herauszufinden, ob er nun wirklich „anders schmeckt”. Verkoste zwei Weine, vergleiche einen aus „biologischem” Anbau und einen „Konventionellen”. Sicher, sie sind unterschiedlich. Sie sind anders. Es sind aber auch nicht die gleichen Weine: anderes Terroir, andere Vinifikation, andere Reben... Genau so, wie zwei konventionell ausgebaute Weine immer anders sind, wenn sie nicht aus dem gleichen Fass, dem gleichen Jahrgang oder vom gleichen Winzer stammen. Nur nennt man dies dann nicht „Biodifferenz”!

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)


Peter Züllig

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