Ein König, dessen Reich langsam schwindet; jährlich verringerten sich die Dolcetto-Rebflächen und so finden wir 2007 im gesamten Piemont zirka 100 Hektar weniger als noch vor 10 Jahren. Man pflanzte lieber Nebbiolo und jagte dem Erfolg von Barolo & Co. hinterher. Heute setzt man auf Biovielfalt und Tradition. Von den verbleibenden 5.279 Hektar Dolcetto liegen etwas mehr als 2.000 im Monferrato. Der Wein, der im oberen (alto) Monferrato fast die gesamte Identität ausmacht, ist in Italien selbst oft aufgrund seines Namens, der „kleine Süße”, verkannt, denn man nimmt an, er sei süß oder zumindest lieblich. Doch der antike Name erinnert nur an den Reichtum des natürlichen Fruchtzuckers in der reifen Traube. Damals scherte man sich wenig um Marketingstrategen und darum, ob ein Name missverständlich sein könnte, weil der Wein oft nur für den eigenen und lokalen Bedarf bereitet wurde. Der Zucker wurde schon immer komplett vergoren und der Dolcetto-Wein ist trocken. Doch beginnen wir am Anfang, mit der Rebe aus Acqui.
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Acqui Terme, der Ursprung der „Traube aus Acqui” (Foto: Katrin Walter)
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Die Rebe
Bei der Beschreibung des Dolcetto ist es schwierig, die Synthese von Giorgio Gallesio, einem der wichtigsten piemontesischen Ampelografen des neunzehnten Jahrhunderts, zu übertreffen: „Rebe aus Acqui, unter allen die am frühesten reifende, mittelgroße Traube, einfach, länglich, wenige runde Beeren, sehr dunkel, rötliche Blütenstiele. Der Wein hat eine intensiv purpurne Farbe, ist zart, weich gut verdaulich und bereits kurze Zeit nach der Ernte trinkreif. Das Volk nennt ihn Traube aus Acqui oder Dolcetto del Monferrato.” Gallesio gab uns auch Hinweise zum vorteilhaften Standort für diese Rebsorte: „Das Klima der Gegend um Ovada scheint das am besten Geeignete zu sein, da in diesem Gebiet die Reifung ohne das Beerenabfallen (caduta) erfolgt. (...) Die frühe Reife ist ein großer Vorteil in kühlen Klimazonen, wird jedoch zu einem Problem in warmen Gegenden, weil die Beeren frühzeitig vertrocknen und abfallen”.
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Nibieu oder Nibiö der Colli Tortonesi, sehr lockerbeerige Variante des Dolcetto (Foto: Az. Colombera)
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Die Wahlheimat des Dolcetto ist das apenninische Vorgebirge, der Hügelgürtel, in dem das untere und obere Langagebiet aufeinander treffen und sich überschneiden, das Gebiet um Acqui (auch der Süden von Bormida), das Gebiet um Ovada, das Ormeasco (das dem ligurischen Dolcetto seinen Namen gibt) im oberen Tanarotal, in Pieve di Teco und in Pornassio. Die Geologen unterstreichen jedoch, dass all diese Gebiete im Scrivatal, in Wirklichkeit eher der Alpenformation zuzuschreiben sind anstatt des Apennins; sie liegen direkt auf der Grenze beider Gebirgszüge. Das obere Tortonese ist demnach Teil des Apennins. Der Dolcetto ist hier weniger verbreitet, auch wenn er vorhanden ist. In Gavi und im Gebiet um Tortona gibt es einen lokalen Biotypus des Dolcettos mit spärlicher Traube und einem intensiv roten Blütenstiel; er wird traditionell „Nibieu” genannt, obwohl er nichts mit dem Nebbiolo zu tun hat. Vom klimatischen Standpunkt ist dieser Landstrich von kühleren Temperaturen, leicht höherer Regenwahrscheinlichkeit und stärkerer Belüftung geprägt als in der Wahlheimat des Barbera mit niedrigeren Hügeln und Anbauflächen, die eher in die Ebene übergehen.
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Der Dolcetto ist eine empfindliche Traube, die unter zu hoher Hitze leidet, vor allem im Reifestadium. Die Festsetzung des Lesedatums ist sehr wichtig, weil sich in der überreifen Traube, wie zum Beispiel auch beim Syrah, die Kanäle der Stängel schließen: Praktisch gibt es einen beschränkten Zeitraum, in dem die Assimilate vom Blatt zur Frucht passieren. Hat man den Zeitpunkt verpasst, kommt nichts mehr durch, und die Veränderungen, die sich in der Beere vollziehen, basieren nur noch auf enzymatischen, internen Reaktionen und auf dem Verlust an Wasser durch Verdunstung. Wegen dieser frühen Alterung des Blütenstiels auf fruchtbaren und feuchten Böden fallen die Beeren buchstäblich ab, manches Mal auch ohne völlig reif zu werden.
Während der Reifephase mag der Dolcetto Temperaturschwankungen am Tag, fürchtet aber zu kalte Nächte. Auch Trockenheit verträgt er schlecht. Er ist darum eine Rebsorte mit hohen klimatischen Ansprüchen ähnlich wie denen des Spätburgunders. Sie ist allerdings noch weniger kälteresistent und kann sich nur unter sehr speziellen Klima- und Bodenverhältnissen zur Bestform entwickeln. Dies, sowie das späte Austreiben, erklären die Verbreitung des Dolcettos auf den mittleren bis oberen Hügellagen (auf 300 bis 600 m ü. M.) aber nicht auf den Abhängen, die nach Norden (Tramontana) ausgerichtet sind.
Man muss kein Ampelograph sein, um den Dolcetto wiederzuerkennen. Sein Blattwerk hat bei Licht bronzefarbene Schattierungen, die im September zu einem intensiven Rot aufflammen. Die Traube ist ausgesprochen groß mit runden, im Reifezustand sehr dunkelblauen Beeren: sie ist süß, hat wenig Säure (daher der Name Dolcetto), zeichnet sich manches Mal durch einen Mandelnachgeschmack aus, den man oft im Wein wiederfindet. Das Austreiben erfolgt spät, was die Rebe vor der Frostgefahr schützt, der Beginn der Reifephase hingegen ist verfrüht: in günstigen Jahren wettstreiten die Weinbauern schon gegen Ende Juli, wer die erste dunkle Beere findet, ein Vorzeichen einer guten Ernte.
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Dolcetto-Weinberge im September (Foto: Az. Agr. Castello di Tagliolo)
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Dolcetto ist keine fruchtbare Rebsorte. Sie hat zudem einen kurzen Knotenabstand. Dies beides erlaubt es, sehr eng bestockte Anlagen zu realisieren, auch mit über 5.000 Setzlingen pro Hektar. Die am stärksten duftenden Dolcetti des Alto Monferrato kommen von den weißen Böden (terre bianche), die kalkhaltig, mittelmäßig kompakt und gut dräniert sind. Die besten Jahrgänge für Dolcetto sind die, in denen der letzte Sommerabschnitt sonnig aber nicht zu heiß ist und der Boden eine ausreichende Feuchtigkeitsreserve anreichern konnte. Er reift nach der Muskatraube, gegen Mitte September. Der Dolcetto ist kein Kosmopolit und passt sich nur schwerlich an Umgebungen an, die nicht die seinen sind. Es gab bisher nur wenig Erfahrungen mit Anpflanzungen außerhalb des Piemonts: von Mittelitalien, über Australien bis in die Vereinigten Staaten, fast alle enttäuschend. Nur im Santa Ynez Valley in Kalifornien, im Norden von Los Angelos habe ich guten Dolcetto getrunken.
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Dolcetto-Rebenreihe im vollen Reifestadium (Foto: Az. Agr. Castello di Tagliolo)
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Die Geografie und der Verlust an Fläche
In den letzten vierzig Jahren hat sich das traditionelle Areal des Dolcetto verkleinert und dieser Wein ist rarer geworden. Die hauptsächlichen Beweggründe sind einerseits das sich Abwenden von der Berglandschaft und den unwegsamsten Hügeln des Tanaro-, Bormida-, Belbo- und Orbatals und anderseits der Wettbewerb durch mehr am Markt nachgefragte Sorten: vor allem Nebbiolo aus den Langhe und Moscato aus dem Gebiet um Acqui. Aber der Dolcetto bleibt stark verwurzelt in seiner traditionellen ”Domäne”, dem Monregalese, einem Teil der Langa in der Provinz Cuneo sowie dem Gebiet um Ovada in der Provinz Alessandria. Entfernen wir uns von diesen Arealen mit den wichtigsten kontrollierten Herkunftsbezeichnungen (DOC), verschwindet der Dolcetto immer mehr, bis er die Rolle des Protagonisten komplett verliert, auch wenn er trotzdem eine bedeutende Rolle im gesamten südlichen Piemont beibehält. Um Asti ist er bereits ein rares Produkt. Es gibt noch zehn Gemeinden im ganzen Piemont, in denen der Dolcetto als DOC-Wein eine Fläche von hundert Hektar übersteigt, davon liegen acht in den Langhe und zwei im Alto Monferrato Ovadese (Carpeneto und Rocca Grimalda).
| Einige Eigenschaften der Sorte Dolcetto: |
| Austrieb | Später Austrieb, der die Pflanze schützt, da die Knospen häufig erst nach der kritischen Frostzeit austreiben. |
| Böden | Sie bevorzugt wenig fruchtbare Böden aber keine ausgetrockneten. Fruchtbare Böden zeigen sich in einem übermäßigen Wuchs, gesteigerter Beerengröße und erhöhter Sensibilität gegenüber Pilzkrankheiten. Trockene, nährstoffärmere Böden förden hingegen die Bildung von Polyphenolen und Anthocyanen (Farbstoffen) . |
| Fruchtbarkeit | Mittlere Fruchtbarkeit. Besonders enger Knotenabstand. Sie eignet sich daher für besonders dichte Anpflanzungen (4.000 - 6.000 Reben/Hektar). |
| Reifung | Frühreif, Reifung zwischen Pinot Nero und Merlot. |
| Anfälligkeit gegenüber Pilzerkrankungen | Nicht sehr hoch. Sensibel gegenüber Botrytis, jedoch begünstigt durch die eher frühe Reife, da der Dolcetto häufig vor der kritischen Befallszeit geerntet wird. |
| Temperatur-abhängigkeit | Leidet an zu hohen Temperaturen und Sonneneinstrahlung auf die Frucht. Liebt keine heißen und wenig belüftete Umgebungen. (Akkurater Beschnitt der Laubkronen nötig). |
| Wasserversorgung | Leidet Stress bei Wassermangel in der Reifephase. Das Wasser ist der hauptsächliche Einschränkungsfaktor im Piemont (Rebflächen werden nicht bewässert). Moderater Wassermangel ist der Qualität der Trauben eher zuträglich. |
Hier geht es zum 2. TeilÜbersetzung von Katrin Walter