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14.03.2007
Das Monferrato und die Colli Tortonesi
Die neue Jugendlichkeit des Barbera
Von Maurizio Gily
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Der Barbera hat es neben dem Nebbiolo schwer im Piemont, doch mehr und mehr gewinnt er an Terrain, auch dank der langsam erwachenden Herkunftsregionen DOC Barbera Monferrato und DOC Colli Tortonesi Barbera, die sich mit beachtlicher Qualität neben den bekannteren DOC Barbera d‘Asti und DOC Barbera d’Alba behaupten und von sich reden machen.

Das Gebiet von Monferrato in der Provinz von Alessandria. (Karte von Cantina Sociale Vinchio)


Ein Star, der arm geborgen wurde

In den zwanzig Jahren von 1975 und 1995 gab es eine Wende. Obwohl viele Techniker und Produzenten schon immer vom großen Potenzial des Barberas (im Piemontesischen ist er weiblich: die Barbera) überzeugt waren, wenigstens auf einigen besonderen Terroirs, war das Image dieses Weins beim breiten Publikum bis vor wenigen Jahrzehnten noch das des billigen Schankweines. Üppig, mit intensiver Farbe und einer akzentuierten Säure war er der perfekte Begleiter eines Brötchens mit Salami oder salzigen Anschovis, aber er war nicht gern auf eleganten Tafeln gesehen, fast als gehöre er einer minderwertigeren Klasse an. Der Barbera oder besser die Barbera-Weine, da die Rebsorte praktisch im gesamten Piemont angebaut wird und auch im Oltrepò Pavese und in der Umgebung von Piacenza, waren Fohlen: Um auf den Olymp der großen italienischen Weine zu steigen, mussten sie gezähmt werden. Zu dieser historischen Unternehmung schickte sich eine Gruppe von Produzenten an, die man anfangs als Träumer titulierte. Zum Leitbild wurde - der leider verstorbene - Arturo Bersano. Sein visionärer Enthusiasmus, sein Scharfsinn und sein Großmut begleiteten den Vorreiter der Renaissance des Barbera: Giacomo Bologna aus Rocchetta Tanaro.


Die Barbera-Bändiger

Das Castello di Camino Monferrato im Nebel. Man spürt fast den Geist, der dort noch heute spucken soll. (Fotos Katrin Walter)
Barbera ist eine ziemlich anpassungsfähige Rebsorte, die nur kalte Klimazonen scheut, weil sie viel Wärme braucht. Aber nur an wenigen Orten gibt sie wirklich einen großen Wein ab. Die ersten, die als große Terroirs anerkannt waren, sind einige Bezirke im „magischen Dreieck” des Barbera d’Asti, zwischen Tanaro und Belbo. Nizza Monferrato, Sitz so berühmter Kellereien wie Bersano, Scarpa, Agliano, Costigliole, Castelnuovo Calcea und Vinchio, ist einer der Orte, an denen die besten Unternehmer der Epoche sich als „Barbera-Bändiger” versuchen. Und hier ist es auch gelungen, die Anerkennung als Heimat großer Weine unter der DOC Barbera d’Asti zu erlangen. Die „Barbera-Bändiger” haben begonnen die Art der Weinbereitung zu verändern. Einst war es selten, dass der Wein die Milchsäuregärung vollzog, man wußte damals nicht einmal, was das war. Die Kontrolle dieses Prozesses erlaubt es heute, das Potential der Rebsorte Barbera besser herauszuarbeiten, indem man die „Kantigkeit” aufgrund des Überschusses an Apfelsäure abrundet. Dabei half auch die Einführung der Barrique, die am Anfang in einer etwas ungeschickten Art benutzt wurde. Dann richteten die Bändiger ihre Aufmerksamkeit auf die Rebflächen und verstanden, dass die Partie hier gespielt wurde, will man noch weiter an Qualität gewinnen. Die Veränderungen am Markt erforderten ebenfalls ein grundsätzliches Umdenken. Es war nötig, die natürliche Generosität der Rebe mit kurzem Schnitt und mäßiger Düngung zu minimieren und die Richtung der genetischen Selektion sowie der Ausbildung der Techniker zu verändern, die noch an maximaler Produktivität orientiert waren. Des weiteren versuchte man die Trauben voll ausreifen zu lassen, weil man das Gleichgewicht zwischen Zucker und Säure nur bei hoher Gradation erreicht. Die großen Weine aus Barbera haben selten weniger als vierzehn Volumenprozent Alkohol.

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Neue Heimat für einen großen Barbera

Es braucht Jahrzehnte um jene Eingebungen vollständig zu realisieren und sie auf die neuen Territorien auszudehnen, die sich wegen besonderer Konditionen des Klimas und Bodens auf der Höhe der Herausforderung zeigen. Für den Barbera d’Alba war es eher einfach, das Territorium und die Produzenten waren schon auf die Philosophie der Qualitätsproduktion eingeschworen. Das Problem war und ist der Wettbewerb mit dem Nebbiolo, der die besten und sonnigsten Hänge belegt, und um so mehr das Gebiet der Langhe, wo es etwas mehr regnet, frischer und windiger ist als im „sancta sanctorum” des Barbera d’Asti.
Aber wir wollen hier vor allem über die „Entdeckung” von zwei Territorien der Provinz Alessandria sprechen, die, obwohl hier immer Barbera produziert wurde, erst kürzlich zu allgemeiner Bekanntheit gelangten und nun die Reihe großer Terroirs für die Rebsorte Barbera komplettieren, sie variantenreicher und stärker machen:

° das Monferrato Casalese (nach dem Namen seines Hauptortes, Casale Monferrato, bereits Hauptstadt des späten Mittelalters und der Renaissance des Marquisats Monferrato, und jüngere Heimat großer Weinwissenschaftler wie Giuseppe Antonio Ottavi) und

° die Colli Tortonesi (nach dem Namen seines Hauptortes, Tortona, der antiken römischen Stadt Derthona, Tor zwischen der Poebene und dem Meer).

Rebflächen im Winter bei untergehender Sonne im Tortonese. (Foto Katrin Walter)

Pur oder mit kleinen Anteilen anderer autochthoner Trauben (Freisa im Monferrato, Croatina im Tortoneser Gebiet), produziert man heute in diesen Gebieten einige der besten Barbera-Weine absolut. Das ist bereits ausführlich attestiert, sowohl von wissenschaftlichen Rebflächen-Studien, als auch seitens der Präferenzen des Marktes und der Kritik. Beim letzten, vom Schutzkonsortium organisierten Barbera-Meeting im Juni 2006 nahm die Presse viele Weine des Monferratos und der Tortoner Hügel mit Enthusiasmus auf. Und in der kürzlich zweiten Ausgabe des Wettbewerbs „Concorso Internazionale del Barbera” gewannen in der Hauptkategorie zwei Weine aus dem Monferrato Casalese: die Goldmedaille ging an den Barbera d’Asti Superiore 2004 „Paion” der Tenuta Fiammenga aus Moncalvo und Bronze an Barbera del Monferrato Superiore 2003 „Schiavino” von Ca’ San Carlo aus Vignale. Die Silbermedaille verlieh man hingegen an den Barbera d’Asti Superiore „Vigna di Meriggio” der Azienda Agricola Baretta in Fontanile, im Süden von Asti.

Casale Monferrato - Hinterm Dom (Foto Katrin Walter)

Das Monferrato Casalese mit herrlichen Landschaften, Hügeln mit mittelalterlichen Burgen und exzellenter Weingastronomie erstreckt sich zwischen den Flüssen Po und Tanaro, zwischen Casale Monferrato und Moncalvo. Die beiden originalen Herkunftsbezeichnungen Barbera d’Asti und Barbera del Monferrato leben zusammen und überschneiden sich, wie die gesamte Provinz von Asti. Das ist leider oft Grund für ein prächtiges Durcheinander, das dadurch noch konfuser wird, dass die DOC Barbera del Monferrato vom Markt oft mit jungen und „lebhaften”, also leicht prickelnden Weinen in Zusammenhang gebracht wird. Offenbar neigt man dazu, den Namen eines Territoriums mit einer Warentypologie zu verwechseln: mit dem Wein, der, obwohl angenehm zu gewissen Gerichten, sicher nicht den besten Ausdruck der Rebsorte repräsentiert und nicht die Anziehungskraft auf internationalem Niveau hat. Obwohl die DOC Barbera d’Asti als stiller Wein mit Struktur im Allgemeinen einen besseren Ruf genießt, entscheiden sich viele Produzenten des „neuen Barbera” aus dem Monferrato für die Herkunftsbezeichnung, in der sie sich und ihr Territorium besser präsentiert fühlen: Barbera del Monferrato. Das gilt auch für die Topp-Weine der Betriebe. Eine Entscheidung, die im ersten Moment kühn erscheint aber die Produzenten wollen das Image des Monferrato weiter aufwerten und Schritt für Schritt gelingt es ihnen, auch weil die Berufung des Gebietes zweifellos vorhanden ist: in Vignale, Rosignano, Cella Monte, Sala, Ottiglio, Serralunga di Crea und vielen anderen. Die zusätzliche Erwähnung „Superiore” auf dem Etikett (Barbera del Monferrato Superiore) ist für die Weine reserviert, die mit strengeren Regeln und obligatorischer Reifung produziert werden. Eine Anfrage zur DOCG ist gestellt, wie für die besten Weine Italiens.

Tortona - Turm des Rathauses (Foto Alexala)

Die Colli Tortonesi (Tortoner Hügel) erheben sich im Süden des Po und im Westen des Flusses Scriva und erstrecken sich bis zur Grenze der Lombardei (Oltrepò Pavese). Wir sprechen von einer Zone mit komplexer Orografie, die von der Ebene in die Berge der Apenninenkette aufsteigt, die das Piemont von Ligurien trennt. Wir haben es also mit unterschiedlichen Höhen, Ausrichtungen, Klimazonen und den Bodenverhältnissen zu tun. Auf den Hügelhängen zwischen 150 und 350 Metern Höhe pflanzt und kultiviert man seit undenklichen Zeiten den Barbera mit exzellenten Ergebnissen: Es sind Weine, die fruchtigen Charakter und Frische mit einem beeindruckenden Körper verbinden. Wie im Monferrato Casalese, existieren auch hier Crus mit besonderem Prestige. Vho, Sarezzano und Monleale sind einige der am meisten berufenen Zonen.

Eine Auswahl der Weine Barbera del Monferrato Superiore und Colli Tortonesi Barbera kann man auf der ProWein verkosten, vorgestellt durch die Enoteca Regionale del Monferrato, am Stand der Provinz Alessandria.

Übersetzung von Katrin Walter


Maurizio Gily

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