
Ich entwickele eine Anwendung für das Internet. Das Internet ist noch recht jung. Quälend langsame Verbindungen sind an der Tagesordnung. Es besteht völlige Unklarheit über Standards. Was darf ich benutzen? Tabellen, Frames und andere "aufwendige" HTML-Techniken sollte man jedenfalls nicht nutzen. Und bitte möglichst keine Bilder - wegen den Übertragungszeiten. Und natürlich wegen der horrenden Kosten: Immerhin kostet jede Internet-Minute viel Geld. Und das bei "Geschwindigkeiten" von 9600 baud. Farbe ist natürlich längst nicht Standard. Die meisten Endgeräte unterstützen noch keine Farbe. Auch die Bildschirmauflösungen, also die Menge der darstellbaren Information auf einem Bildschirm, liegen deutlich unter den heute üblichen Werten für Computermonitore.
Welch eine Quälerei, unter diesen Bedingungen ordentliche Anwendungen für das Internet zu entwickeln!
Alles längst Vergangenheit? Nein! Das betrifft das Jahr 2003. Die Rede ist von Internetanwendungen für mobile Endgeräte, "mobil devices" auf Neudeutsch genannt. Das sind aktuelle Erfahrungen beim Versuch, mobile Lösungen für Weinliebhaber zu entwickeln. Wie z.B. der Zugriff auf für Weinliebhaber so hilfreiche Datenbanken wie das Weinglossar von Norbert Tischelmayer oder den Weinführer von Marcus Hofschuster.
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Die technische Seite einer solchen Entwicklung ist für mich als Internetpionier in der Tat ein wahres Deja-vu-Erlebnis und erinnert sehr an vermeintlich längst abgehakte Zeiten. Das mobile Internet befindet sich in den Kinderschuhen. Mehr als erste Gehversuche sind bisher nicht gemacht. Neue Standards kommen und gehen teilweise praktisch ungenutzt. Ist WAP jetzt die Zukunft oder doch schon Vergangenheit? Genutzt hat es jedenfalls bisher fast niemand. Imode, GPRS, MMS, UMTS. Alles Standards über die viel geredet wird, die aber teilweise nicht einmal eingeführt, geschweige denn verbreitet sind. Wir wissen alle nicht, ob sie sich durchsetzen werden. Nicht nur beim Übertragungsstandard ist alles offen. Auch die Technik der zukünftigen Handheld-Geräte selbst ist offen. Werden das Handy und der Handheld in Zukunft zu einem Gerät verschmelzen? Liegt die Zukunft beim Palm-OS oder bei Windows-CE? Oder doch Java oder oder oder...
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Auf dieser Basis Entwicklungen zu betreiben ist ein Glücksspiel. Es ist kaum abzuschätzen, wohin der Zug geht und welche Techniken von den Benutzern in Zukunft wirklich akzeptiert werden. Trotzdem ist es irgendwie faszinierend. Da eröffnen sich für Weinfreunde bisher ungeahnte Möglichkeiten. In Zukunft werden wir nach einem Blick in unser Handy feststellen, dass der vom unerfahrenen Verkäufer vermeintlich als schlechter Ersatz für Chasselas angebotene Fendant in Wahrheit doch aus der Rebsorte Chasselas gemacht wird. Und - zufällig an die Mosel verschlagen - können wir auf die Schnelle in der mobilen Version des Weinführers nachsehen, welchen Erzeuger man hier am Ort besuchen sollte. Und natürlich auch, welchen Wein man dort unbedingt probieren muß.
Das alles übt auf Benutzer und Entwickler eine gewisse Faszination aus. Das ist die gleiche Faszination wie vor vielen Jahren, als das Internet erwachsen wurde und nicht nur von Bill Gates noch als Spielzeug abgetan wurde. Einige Pioniere auf Anwender- und Entwicklerseite haben es dennoch ernsthaft versucht und wirklich was daraus gemacht. Ich bin mir sicher, für viele Weinliebhaber wird der mobile Zugriff auf Weininformationen schon sehr bald zur Killeranwendung für mobile Geräte. Killeranwendungen sind die Lösungen, deren Vorteile so deutlich sind, dass alte Gerätegenerationen verschrottet und neue Gerätegenerationen, hier ein neues Handy oder einen Handheld, angeschafft werden.
Packen wir es also an, so wie damals, als das WorldWideWeb das Laufen lernte.