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15.06.2009
Wer in Deutschland von Weisswein spricht, der denkt an Riesling
Die Bekehrung
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 0)

Mein Namenspatron heisst Petrus, es ist also jener Jünger, der seinen Herrn verleugnet hat, noch ehe der Hahn dreimal krähte. Färbt die biblische Überlieferung auf mich ab, wann und wo ich auch immer Deutschlands Weisswein Nummer eins, den Riesling, verleugne, als ob der Hahn dauernd krähen würde? Meine deutschen Weinfreunde sind überzeugt, dass ich nicht als Petrus, schon eher als Paulus, noch besser als Saulus durch die Weinwelt ziehe und daher irgendwann zu bekehren sei. Keine Gelegenheit dazu bleibt ungenutzt.

Das Weingebiet Deutschlands, das wohl auch jeder Schweizer kennt: die Mosel

Doch die Bekehrung hat noch nicht stattgefunden. Bis heute habe ich immer meine heimliche Liebe zum Riesling verleugnet. Dabei liegt es weniger am Riesling als vielmehr an meiner Sozialisation. Ich trinke nämlich kaum Weißweine und wenn schon, einen Chasselas, in der Schweiz auch mit Dorin, Fendant oder Perlan bezeichnet, je nachdem, aus welchem Kanton er stammt. Selbst trockene Rieslinge, mit einem Restzuckergehalt von unter 8 Promille, sind mir noch zu süss. Was soll ich tun? Ich will doch meine deutschen Weinfreunde nicht verlieren. Sie zum „Chasselas“ oder gar zum „Räuschling“ zu bekehren, ist weit schwieriger als mich dem Riesling zu nähern. Hinter ihrer Haltung steckt eine riesige Portion Überzeugung und eine schon fast unvorstellbare Standhaftigkeit. Ist es jetzt dem deutschen Weininstitut gelungen, meine Uneinsichtigkeit zu brechen? Jedenfalls glaube ich bereits eine warnende Stimme zu vernehmen: „...warum, warum verfolgst Du mich?“

Einer der vielen Bekehrungsversuche. Hier durch Marcus Hofschuster, den Chefverkoster von Wein-Plus

Nein, du Herrscher Riesling, eine Verfolgung ist es nicht. Vielmehr eine ganz klein wenig andere Geschmacksempfindung. Vielleicht auch nur der Widerstand gegen eine Haltung, die den deutschen Riesling zum König aller Weißweine macht. Mag sein, dass er der Größte, Schönste, Beste und Stärkste ist. Oder wie es die Werbung formuliert: „Verspielt und leicht an der Mosel, mineralisch-elegant am Rhein, deftig und saftig in der Pfalz, fein und duftig in Baden und Württemberg.“ Was ist mir doch bisher alles entgangen! Meine Freunde haben mich zum Riesling im Rheingau, in Franken, an der Mosel, in der Pfalz und nach Württemberg entführt. Bisher (fast) ohne Erfolg. Jetzt geht es – wohl die alles entscheidende Attacke – nach Rheinhessen. Gut vorbereitet und dokumentiert durch das Deutsche Weininstitut, das in Zürich ein Büro eröffnet hat, und jetzt auch versucht, mich vom deutschern Wein zu überzeugen: „Die Schweiz ist ein wachsender Markt für deutsche Weine.“ Vor allem Rieslinge und Pinot Noirs sind es, welche die Schweizer entzücken sollten.

Zwei meiner Weinfreunde leisten Ueberzeugungsarbeit für den Riesling auf dem Weingut Hensel in Bad Dürkheim (Pfalz).

Adressaten dieser Attacke sind „neben Weinprofis auch private Weinliebhaber“. Also auch ich! Vielleicht funktioniert die gewünschte „Bekehrung“ nicht über den Gaumen, sondern über das Wissen, die Fakten und Zahlen. So weiss ich jetzt, dass Deutschland mit einer Fläche von rund 21‘000 Hektaren das grösste Riesling-Anbaugebiet der Welt ist, dass mehr als 60 Prozent aller Rieslinge also deutsch sind. Anders ausgedrückt: der Riesling ist ein echter Deutscher. Ob dies meine Lust auf Riesling steigert, weiss ich nicht. Ich weiß nur, dass ich jetzt meine deutschen Weinfreunde besser verstehe. Sie sind eben – so wie ich mit dem „Chasselas“ – mit dem Riesling weinsozialisiert worden. Allerdings – und das gibt mir zu denken – nimmt in Deutschland die Weißweinfreudigkeit von Jahr zu Jahr ab. Galt vor 16 Jahren der Weinkonsum noch zu 58 Prozent dem Weißwein, so hat der Rote mit 53 Prozent (Weisswein 38%) den Weißen längst überholt. Allerdings verteidigt sich (zumindest in bezug auf die Rebfläche) der Riesling heldenhaft, hat er doch seit 1980 kontinuierlich zugenommen, während sich in dieser Zeit der Müller-Thurgau von 26,2 auf 13, 5 Prozent und der Silvaner von 10,2 Prozent fast auf die Hälfte (5,2 %) reduziert hat.

Eine weitere Überzeugungsarbeit. Diesmal auf dem Weingut Schnaitmann in Fellbach (Württemberg)

Nun, die Deutschen sind halt keine ausgesprochenen Weintrinker – im Zweifelsfall geben sie wohl dem Bier den Vorzug. Statistisch werden in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung „nur“ rund 20 Liter Wein pro Jahr getrunken, während es in der Schweiz immerhin fast 40 Liter, in Frankreich und Luxemburg sogar weit über 50 Liter sind. All diese Zahlen sind interessant, sogar spannend, doch können sie meine Bekehrung zum Riesling einleiten, verschiebt sich die Lust vom Hirn in den Gaumen?

Nun ist ein nächster verzweifelter Versuch gestartet worden: Eine Degustation des „Deutschen Weininstituts“, getarnt als „Pressegespräch“ soll endlich die längst fällige Verführung herbeiführen, geschickt arrangiert als „Traumpaar Riesling und Pinot“. Pinot Noir! Ja, da haben wir Deutschschweizer auch ein Wörtchen mitzureden, beim Riesling hingegen nicht. Wie aber zieht man ein „Bekehrungsritual“ auf? Jetzt weiß ich es also: zuerst eine Spätlese, trocken, „Alde Gott Winzer“, 2007, aus dem „Wein- und Blumendorf“ Sasbachwalden im Schwarzwald. Ein Genossenschaftswein also, mit gutem Namen. Eine blumige Angelegenheit, frisch, rassig, unkompliziert und alles was man so von einem „einfachen“ Riesling sagt. Jedenfalls habe ich es in meinen „Bekehrungsnotizen“ so registriert. Dann aber wurde es weit anspruchsvoller. Wiederum Riesling Spätlese, trocken, „vom Buntsandstein“, Weingut Ökonomierat Rebholz aus der Pfalz. Jetzt werden meine Notizen bereits unübersichtlicher, schwer zu entziffern. Gelbe Früchte, oder ist es nur die Farbe, die mich daran erinnert? Zitrusfrüchte. Trockener, als ich mir Riesling vorstelle. Ich meine auch Holz zu erkennen, etwas kühl, für mich – den Rieslingignoranten – sogar etwas „frostig“, holzig. Das Verständnis kommt allmählich, die Liebe aber nicht.

Familie Keller in Flörsheim-Dalsheim (Rheinhessen)

Dritter Versuch: Riesling Großes Gewächs, „Westhofen Kirchspiel“, 2006, Weingut Keller aus Rheinhessen. Die Notizen werden spärlicher. Ein Zeichen dafür, dass ich nicht nur analysiere sondern beginne zu genießen? Dieser Zitrusduft, saftig, saftig, und ein Abgang, wie ein Bummelzug, der am Horizont einfach nicht verschwinden will. Ich denke: Keller müssen wir besuchen, wenn wir in ein paar Tagen ins Weingebiet Rheinhessen fahren. Doch es steht uns – nach den Roten – noch ein Riesling bevor: Auslese, „Saarburger Rausch Nr. 3“, Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken, Saar. Also ein alter Wein, für einen Riesling – nach meinen bescheidenen Kriterien – ein sehr alter. Doch lasse ich mich belehren. Auch Rieslinge – wenn sie edelsüß sind – können reifen und sind nach 15 Jahren wohl etwas leiser, zurückhaltender als ungestüme Jünglinge, dafür aber – sagt mein Gaumen – weit komplexer. Halb mit Verwunderung, halb mit Entsetzen stelle ich fest, dass ich mich doch eingelassen habe mit dem deutschen Riesling. Und – dass es gar nicht so sehr schmerzt, ob trocken oder süß, ob alt oder jung. Doch bekehrt bin ich (noch) nicht und warte so auch „bis heute vergeblich auf die göttlichen Eingebungen.“

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig

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