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10.02.2003
Weingut Peter Jakob Kühn
Ein Jahr Erfahrung mit der stainlesscap
Von Utz Graafmann
Leserkommentare (bisher 6)
Angela Kühn ist gemeinsam mit Ihrem Mann Peter Jakob Kühn Vorreiterin in Sachen Alternativverschlüsse
Die Diskussion um den optimalen Verschluss für Weinflaschen wird heftig geführt. Einerseits ist es nach Ansicht fast aller Erzeuger nicht mehr tragbar, dass 5 bis 10% aller Weine durch Naturkorken beeinträchtigt werden; andererseits bestehen große Ängste bei den meisten Erzeugern, dass alternative Verschlüsse nicht auf Akzeptanz bei den Kunden führen. Wenn eine Alternative, dann stellt sich auch gleich die Frage welche. Peter Jakob Kühn, 3-Sternewinzer aus dem Rheingau, ist einer der Vorreiter der stainless cap, eines Kronkorkens aus Edelstahl. Utz Graafmann sprach mit Angela Kühn über ein Jahr Erfahrung mit diesem Verschluss, über die bittere Erfahrung, einen Jahrgang zum großen Teil wegen fehlerhaften Korken wegschütten zu müssen und auch über eine neue Idee: Dem Verschluss mit Hilfe eines Glasstopfens.

Frau Kühn, seit wann ist für Sie und Ihren Mann der Naturkork nicht mehr selbstverständlich?

Es ist jetzt ca. 10 Jahre her, dass wir die damaligen Plastikstopfen gesehen haben. Damals noch hart, bunt und nicht wirklich einsatzfähig. Seitdem beschäftigen wir uns mit diesem Thema.

Und seit wann setzen Sie Alternativ-Verschlüsse ein?

Zuerst im Jahr 1999. Damals haben wir unsere Basisweine mit Kunststoff-Stopfen verschlossen. Das waren ca. 30% unserer Weine. Die Resonanz bei den Kunden war sehr positiv. Die Kunden wollten lieber Kunststoff als die normalen.

Im Jahrgang 1999 haben Sie dann ja ein großes Desaster erlebt. Was war damals?

Wir haben für diesen Jahrgang zwei Naturkorken eingesetzt. Einen einfacheren für die Basisweine. Von Spätlese an aufwärts haben wir dann einen angeblich sehr hochwertigen Naturkork verwendet. Ausgerechnet dieser hat sämtliche Weine vernichtet. Ausgerechnet die guten Weine, bei denen man jede Beere quasi einzeln selektiert, haben wir in diesem Jahr komplett verloren.

Wie haben Sie da reagiert?

Wir mussten sämtliche betroffenen Weine vom Markt nehmen, wieder aufziehen, ausschütten und vernichten. Dabei stehen einem die Tränen in den Augen. Neben der Enttäuschung, die besten Weine eines Jahrganges vernichten zu müssen, ist das natürlich auch ein wirtschaftlicher Schaden. Das ist wie eine rückwirkende Gehaltskürzung um 30%. So etwas verkraftet man einmal, aber nicht mehrmals. Das war für uns jedenfalls eine sehr schmerzhafte Erfahrung.

Der Schadenersatzprozess gegen den Hersteller dieser Korken läuft noch.

Froh sind wir darüber, dass wir das Problem sofort offen kommuniziert haben. Wir haben das Problem nicht verschwiegen, sondern es unseren Kunden deutlich mitgeteilt. Die meisten Korkprobleme werden doch heute unter den Tisch gekehrt.

War das der endgültige Auslöser sich verstärkt um Alternativen zu bemühen?

Ja, wir wollten den nächsten Jahrgang dann praktisch durchgehend mit der stainlesscap verschließen. Leider war das nicht möglich, weil die Flaschen dafür nicht schnell genug hergestellt werden konnten. Wir mussten daher für den Jahrgang 2000 erst noch verstärkt auf Kunststoffkorken ausweichen.

Seitdem setzen Sie ja die stainlesscap ein. Für alle Weine?

Wir setzen die stainlesscap für 80% unserer Weine ein. 20% füllen wir noch mit Kunststoffkorken bzw. bei den Rotweinen verwenden wir noch Naturkork.

Warum Naturkork bei den Rotweinen?

Uns reicht im Moment unser Kampf an der Rieslingsfront. Bei Rotweinen ist auch der Handlungsbedarf nicht so hoch, da die Erkennungsschwelle für Korkbeeinträchtigungen bei Rotwein höher ist.

Was bedeutet das praktisch für Sie? Benötigen Sie jetzt verschiedene Abfüllanlagen?

Wir nutzen keine eigene Abfüllanlage, sondern nutzen eine mobile Anlage. Diese ist mit verschiedenen Bausteinen jeweils für Naturkorken, Kunststoffkorken und stainless cap ausgerüstet. Das hat den Vorteil, dass man die Verschlussart auch mitten in der Abfüllung eines Weines wechseln kann.

Wie teuer war die Umrüstung?

5000 Euro. Dadurch ist jetzt aber für alle Kollegen, die diese mobile Anlage nutzen, ein Umstieg offen.

Glauben Sie, dass ein Trend zu Gunsten von Alternativverschlüssen einsetzt?

Eindeutig ja. Es interessieren sich immer mehr Winzer für Alternativen. Wir werden von Kollegen ständig gelöchert, wie die Resonanz bei unseren Kunden ist. Man spürt deutlich, dass viele Erzeuger nur noch einen kleinen Schubs benötigen um umzustellen.

Warum haben Sie sich für den Kronkorken und nicht für Schraubverschlüsse entschieden?

Äußerlich ist der Flasche der eigentliche Kronkorken kaum anzusehen
Das hat zwei Gründe: Zum einen ist die Optik beim Kronkorken besser. Der andere Grund hängt mit unserer Betriebsstruktur zusammen. Wir sind ein 15 ha-Betrieb, bei dem der Wein nicht erst nach Bedarf, sondern jeweils vollständig in einer Charge abgefüllt wird. Die abgefüllten Flaschen lagern dann unetikettiert in Stahlboxen. Dabei liegen die Flaschen teilweise über Monate übereinander. Der Schraubverschluss wäre dabei jeweils dem Druck durch den Bauch der jeweils darunter und darüber liegenden Flasche ausgesetzt. Dabei ist die Gefahr einer Beschädigung relativ hoch.
Außerdem könnte es zu leichten Korrosionen kommen, die dann beim Öffnen des Schraubverschlusses zu einem Knirschen führt.

Bei Großbetrieben sieht das anders aus. Dort wird jeweils nach Bedarf abgefüllt. Danach kann jede einzelne Flasche aufrecht und ohne Belastung gelagert und abverkauft werden.

Der Kunstoff-Verschluss war aber für Sie auch keine Dauerlösung?

Nein, dagegen sprach unsere eigene Erfahrung mit unseren Weinen. Bei Kunstsoffstopfen gibt es mehr Oxydation und es kommt zu einem schnelleren Frischeverlust, da das CO2 schneller entweicht. Da viele unserer Weine jedoch mehrere Jahren gelagert werden sollen, kommt das für diese Weine nicht in Frage.

Wir nutzen jedoch für einzelne Weine, z.B. unseren Weißherbst, nach wie vor Kunststoff. Wir werden die Sache weiter beobachten. Evtl. können ja die Probleme in Zukunft durch Weiterentwicklung gelöst werden.

Wie wurde der neue Verschluss von Ihren Kunden akzeptiert?

Wir haben die Kunden nicht einfach kommentarlos bei schönem Wetter unsere Weine probieren lassen um dann quasi im Nebensatz fallen zu lassen, dass es einen neuen Verschluss gibt. Statt dessen haben wir unsere Kunden vorab darüber informiert. Dadurch waren diese zumindest erst einmal neugierig. Mittlerweile wissen wir, dass wir keine Einbussen bei Privatkunden haben. Im Handel und in der Gastronomie sind jedoch Kunden weggefallen. Auf der anderen Seite sind aber auch Händler und Importeure dazugekommen, weil diese eben aufgrund des neuen Verschlusses Kühn ins Programm genommen haben.

Unter dem Strich hatten wir sogar entgegen dem allgemeinen Trend einen Umsatzzuwachs.

Führen Sie den Umsatzzuwachs auf die Stainlesscap zurück?

Da besteht wohl kein direkter Zusammenhang, sondern das hängt auch mit dem guten Ruf des 2001er Jahrganges im Rheingau zusammen. Dieser wiederum hat natürlich sehr dabei geholfen, die Akzeptanz der stainless cap zu erhöhen.

Mittlerweile ist ja auch die Rede von einem Glasstopfen als Verschluss. Wie stehen Sie dazu?

Glossar zum Thema
Mein Mann ist jemand, der sehr sehr viele Experimente macht. Mal erfolgreich, mal nicht. Er hat schon lange gesagt, das ideale wäre es, Glas mit Glas zu verschließen. Wie z.B. die Ampullen in der Medizin. Noch ist das für Wein natürlich Zukunftsmusik. Wir finden es  aber fantastisch, dass diese Möglichkeit nun in greifbare Nähe rückt.

Kürzlich hat mein Mann sich mit dem Entwickler des Systems, dem Ingenieur Gantenbrink, im Rheingau getroffen. Dieser hat uns angeboten, einige Flaschen eines edelsüßen Rieslings mit dem Glasverschluss zu verschließen. Dafür muss aber erst einmal eine mobile Anlage für diese Technologie verfügbar sein. Wir denken an eine 2002er Beerenauslese.

Warum ein edelsüßer Riesling?

Diese hochwertigen Weinen, die sehr lange gelagert werden können, rechtfertigen am ehesten die relativ höheren Kosten für diese Technologie.

Was glauben Sie, wie lange die Entscheidung pro oder kontra Alternativverschlüsse noch ein Thema sind?

In 5 Jahren ist das Problem gelöst. Entweder alle Erzeuger sind bis dahin auf alternative Verschlüsse umgestiegen, oder die Korkindustrie schafft es durch den hohen Marktdruck doch noch rechtzeitig das Problem wirklich zu lösen. Wir wollen ja nicht den Naturkorken für alle Ewigkeit verdammen. Nur, so wie er heute angeboten wird, kommt er einfach nicht mehr in Frage.



Weitere Infos unter www.stainlesscap.com
Zum Weingut Kühn im Weinführer
Essay zum Thema "Wie wichtig ist der Plopp-Effekt?"

Utz Graafmann

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