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06.09.2009
Wein-Architektur in Deutschland
Wenn Winzer die Moderne wagen
Von Uwe Kauss
Leserkommentare (bisher 1)
In Österreich, Spanien und Kalifornien demonstrieren Weingüter ihr Selbstbewusstsein längst mit anspruchsvoll gestalteten Palästen. In Deutschland beginnen die Winzer erst langsam, ihr Selbstverständnis auch mit Architektur zu vermitteln. Doch was geschieht, wenn Betriebe zeigen, dass sie anders sind als die anderen? Uwe Kauss besuchte drei Weingüter in der Pfalz, in Franken und Rheinhessen.
 

Pfalz, Weingut, Bauhaus. Bauhaus? Das Ortsbild des pfälzischen Weinortes Kindenheim ist - wie die meisten Dörfer der Region - geprägt von Kalkstein, Fachwerk und Fertighaus-Idyll. Ein strahlend weißes Gebäude am Ortseingang ist anders: Symmetrische Flächen, Viertelkreis, Flachdach und Kubus. Es sind die Gestaltungsprinzipien von Bauhaus und klassischer Moderne, die das Weingut der Familie Kreutzenberger zum Baudenkmal gemacht haben. „Mein Großvater Emil hat das Gebäude 1928 vom Architekten Marcel Prott bauen lassen“, erzählt Winzer Jochen Kreutzenberger, „beide waren überzeugt von den Ideen der Neuen Sachlichkeit, von Licht und Luft in der Architektur.“ Damals zog das Weingut aus der engen Ortsmitte heraus auf die Anhöhe. Ein Solitär im Bauhaus-Stil entstand, inmitten der Weinberge. Doch Kindenheim wuchs, und heute ist der Familienbetrieb, der Wein aus sechs Hektar Weinbergen erzeugt, von Einfamilienhäusern umgeben. 2007 erwachte der Geist der Moderne zum zweiten Mal: Das renovierungsbedürftige Betriebsgebäude, das viel später gebaut und immer wieder erweitert worden war, ließ Kreutzenberger abreißen und neu bauen.

Gestaltet hat es der Oppenheimer Architekt Prof. Heribert Hamann, der den Winzer bereits von 16 Jahren kennen gelernt hatte. „Er war auf der Durchreise und machte eine Vollbremsung, als er das Gebäude erblickte“, erinnert sich der Winzer. Hamann bat staunend, das außergewöhnliche Bauhaus-Exemplar besichtigen zu dürfen. Er durfte. Hamann probierte auch die Weine und kam wieder. Der Winzer und der Architekt freundeten sich an. Nun hat Hamann das neue Betriebsgebäude entworfen und dabei behutsam die Moderne und die Architektur der Jahrtausendwende verbunden. Das ebenfalls weiß und symmetrisch gestaltete Gebäude bietet eine Dachterrasse, die der Winzer privat und für Weinproben nutzt. Der fantastische 180-Grad-Ausblick über die Pfälzer Weinberge hinweg reicht vom Odenwald bis zu den Schornsteinen der BASF in Ludwigshafen.

„Wir haben allein zwei Jahre geplant“, erinnert sich Jochen Kreutzenberger. Denn er bedachte sämtliche Arbeitsabläufe, modernisierte die Kellertechnik, kaufte eine neue Traubenpresse und temperaturkontrollierte Edelstahltanks. Doch das neue Gebäude sollte auch „etwas Besonderes sein“, obwohl es nur als Betriebsfläche genutzt werden würde. Heute arbeitet er auf einem roten Fußboden, der sich als Stilelement durch den Neubau zieht. Das Rot spielt in der Farbenlehre des Bauhauses eine wichtige Rolle als eine der Grundfarben. Die Kombination des roten Bodens mit den in traditionellem Kalkstein verputzten Wänden, den blitzenden Stahltanks und der intelligent gesetzten Beleuchtung macht deutlich: Hier wird Wein auf moderne Weise erzeugt. Ein langer Gang, der Kelterhaus und Ausgang verbindet, ist zugleich Flaschenlager. Die klar gereihte Anordnung der Flaschen ist zugleich ein Gestaltungselement - Design und Handwerk verbinden sich. An Großvaters Mut zur Moderne erinnert Jochen Kreutzenberger mit seiner „Emil Edition“: Dazu gehören eine Riesling Spätlese trocken der Lage „Bockenheimer Vogelsang“ aus fast 45 Jahre alten Reben sowie ein handgerüttelter Riesling-Sekt 2002 in limitierter Menge, der fünf Jahre auf dem Hefelager reifte und so runde, volle Frucht- und Beerenaromen ausprägen konnte.

2007 erhielt die Arbeit von Hamann den „Architekturpreis Wein“ der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, dem ersten bundesweiten Preis zu diesem Thema. Der Andrang des Fachpublikums ist seitdem groß: „Mehrmals pro Woche kommen Architekten und Winzer, um die Gebäude zu besichtigen“, berichtet Jochen Kreutzenberger, „viele suchen Ideen, weil sie selbst umbauen wollen.“ Die Gäste sind um jede Anregung aus der Region dankbar: Denn anders als in Weinländern wie Österreich, Spanien oder Kalifornien sind anspruchsvoll gestaltete Gutsgebäude in Deutschland nur selten zu finden. Erst ganz langsam beginnen deutsche Winzer, ihre Betriebsphilosophie auch am Weingut selbst abzubilden. Ludwig Knoll vom Weingut am Stein in Würzburg hat dafür eine einleuchtende Erklärung: In Spanien und Kalifornien etwa seien große Weingüter meist Industriebeteiligungen. Sie hätten ausreichend „Kapital und Selbstbewusstsein“, um sich elegante Paläste bauen zu lassen. Die meist in Klein- und Familienunternehmen strukturierten deutschen Betriebe hätten dagegen jahrelang ausschließlich in die Qualität ihres Weines investiert. Architektur sei Nebensache. „Das ist ehrlich und genau richtig“, betont Knoll. Er gehört wie Kreutzenberger zu den Pionieren des neuen Wein-Baus. Sein Gut liegt direkt in der berühmten Weinlage Würzburger Stein, mit einem wunderbaren Blick auf die Dächer und Türme von Würzburg. Mit dem „Weinwerk“ hat er sich 2005 in exponierter Lage vom Architektenbüro Hofmann, Keicher, Ring eine zehn auf zehn Meter große Kubus-Konstruktion aus grünem Glas und Eichenholzpfählen als Verkostungs- und Tagungsraum bauen lassen. Die Farben sollen den Charakter des Weinbergs abbilden, und je nach Lichteinfall ändert sich das innere und äußere Erscheinungsbild. Zudem entwarf das Büro ein ebenfalls quadratisches Gästehaus, das vom Mauerwerk bis zum Holzfußboden in einer horizontalen Struktur gestaltet ist. Für die Außenmauern verwendeten sie Muschelkalk, der aromatisch auch Knolls Weine prägt. „Das Gebäude ist eine bildliche Darstellung der Knoll-Weine: Klare Struktur, nichts Aufgesetztes, nichts Verspieltes; eigenständig und kompromisslos“, schreiben die Architekten.

Auch Knoll hat nicht nur aus optischen Gründen gebaut, sondern wie Kreutzenberger das Gut auch modernisiert. Die Traubenverarbeitung geschieht nun unter einer Schirmkonstruktion im Freien. Zudem hat er ein komplexes geothermisches System zur Nutzung von Erdwärme installieren lassen, das die Gebäude heizt und zugleich die Edelstahltanks etwa bei der Gärung kühlt. Mit drei Architektur-Preisen ist das Weingut mittlerweile ausgezeichnet worden. „Jeden Tag führen wir interessierte Winzer und Architekten durch den Betrieb“, berichtet Ludwig Knoll. Mittlerweile sei der Andrang so groß, dass er auch immer wieder absagen muss. „Wir machen Wein, und das ist unsere Kernaufgabe“, betont er.

Zu denen, die mit einem neuen Gebäude ein neues Wein-Selbstbewusstsein abbilden, gehört auch das rheinhessische Weingut Kühling-Gillot in Bodenheim bei Mainz. Ihr neues Gebäude versteckt sich mitten im Ortskern hinter einem barocken Tor. Wer die Einfahrt durchschreitet und rechts eine schlichte Tür öffnet, steht in einem 20 Meter langen und fünf Meter hohen Gang, der wie ein Klostergang anmutet. Zwei schmale Glasdurchbrüche geben den Blick auf die dahinter gelagerten Rotwein-Barriquefässer frei. Vorne öffnet sich der rund 100 Quadratmeter große Verkostungsraum mit Bar, Lounge und freiem Blick auf Terrasse und Garten. Die Innenarchitektur würde auch als Großstadtbar in eine gute Figur machen: Die Lounge ist mit eigens entworfenen Möbeln in kräftigen Farben bestückt, die vom Designer-Star Philippe Starck beeinflusst sind. In die glatte Fläche der Bar ist ein blau beleuchtetes Eisbecken zur Sektkühlung integriert. „Wir sind eine anders denkende Generation als unsere Eltern, wir haben ein jüngeres und offenes Publikum“, erläutert sie ihre Philosophie, „deswegen definieren wir unsere Arbeit auch über die Architektur.“ Die Eltern hätten die Entscheidung eines konsequent modernen Neubaus mitgetragen – im traditionellen Rheinhessen ist das nicht immer so.

Von der Terrasse fällt der Blick auf ein großes, altes Jugendstil-Gebäude – das Wohnhaus der Familie Kühling-Gillot, die seit dem 19. Jahrhundert Weinbau betreibt. „17 Jahre lang haben wir hier eine Straußwirtschaft betrieben, das machen wir nun nicht mehr“, erzählt Carolin Spanier-Gillot, die den weitgehend ökologisch arbeitenden Betrieb leitet. Stattdessen vermietet sie den eleganten Pavillon nun für Events an Unternehmen – ein florierendes Geschäftsfeld, „bei dem man aber hervorheben muss, dass Wein der Mittelpunkt des Hauses ist.“

Das alte Verkostungsgebäude bestand aus imitiertem Fachwerk. Bis es schließlich komplett abgerissen wurde, dauerte es fast drei Jahre. Carolin Spanier-Gillot und ihr Mann Oliver Spanier reisten, schauten sich zuvor viele moderne Weingüter und Hotels an. „Nichts hat uns wirklich inspiriert, denn Architektur funktioniert nur im Kontext der Umgebung“, betont Carolin Spanier-Gillot. An die Gestaltung des Pavillons machte sich schließlich das Wiesbadener Architektenbüro Seidel. Die Ganzglasfront zum Garten hin ist außen eingerahmt in gemahlenem und eingefärbtem Kalk; ein dunkler Holzboden verströmt Wärme im Innern, durch die großen Fenster fällt viel Licht. Das Ehepaar hatte „von Beginn an konkrete Vorstellungen“. So wollten sie kein Flaschenglas als Gestaltungselement verwenden: „Das war uns zu kühl, ebenso wie Sichtbeton. Wein ist etwas Emotionales, Beton ist cool.“ Nun kommen die Winzer und Architekten auch in Bodenheim vorbei; zum Anschauen, zum Reden, um sich Ideen zu holen. Doch Abgucken oder Kopieren sei der falsche Weg, betont auch der Würzburger Ludwig Knoll: Wer als Winzer neu bauen wolle, brauche eine klare Definition seiner Identität. Daraus lasse sich die Gestaltung meist leicht ableiten. Man benötige, so Knoll, Antworten auf drei einfache Fragen: „Was biste, was machste, was kannste?“


Uwe Kauss

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