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08.01.2010
Wein ist eine Reise wert
Weintourismus
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 0)

Da reise ich von Zürich nach Berlin, verlängertes Wochenende. Warum? Nein, nicht beruflich, einzig und allein, um mit ein paar Freunden ein paar gute Weine zu verkosten. Weintourismus! Es geht nicht einmal um tüchtiges Trinken, vielmehr um Goutieren, Probieren, Degustieren auserwählter Weine. Besonderer Raritäten? Weine, von denen man träumt, „die man einmal im Leben trinkt“? Nein, auch das nicht. Warum, um himmelswillen, fliege ich denn 850 Kilometer nach Norden, zu Weinen, die rund 800 Kilometer südlich von mir gewachsen und ausgebaut wurden? Ist es das wert?

Sind so viele Weine vom Kultwinzer Pierre Clavel (Languedoc) wirklich eine Reise wert?

Ja, denn es ist wohl nicht ganz unerheblich, wo, wie und mit wem man Wein trinkt – oder auch nur degustiert. Da ist einmal die Zusammenstellung, die Reihenfolge, so quasi die Umgebung eines Weins, seine Nachbarschaft beim Verkosten. „Vertikalen“ sind besonders beliebt, das heißt, die gleichen Weine aus verschiedenen (möglichst vielen) Jahrgängen unmittelbar nacheinander zu probieren. Da lohnt es sich sicher, ab und zu irgendwohin, zu den Weinen zu fahren.

Dann aber taucht rasch einmal die Frage auf: „mit wem?“, quasi die „Freud- und/oder Leidgenossen“ mit denen man die Erfahrung mit einem Wein unmittelbar nach der Verkostung teilt, sozusagen das Echo aus dem Augenblick heraus. Auch gegenüber dem Wein gibt es halt Sympathien und Antipathien, wie im Leben.

Berliner Weinrunde auf den Spuren des Copa Santa

Und schliesslich ist nicht ganz unerheblich, wie man Wein genießt. Ob man ihn trinkt, zum Essen oder nicht mit einer Mahlzeit verbindet; ob man viel trinkt vom gleichen Wein oder wenig; ob man nur „verkostet“ und anschließend spuckt oder vor allem mit dem Auge, mit der Nase und im Gaumen den Wein erforscht; ob man sich einfach vom ersten Schluck bestimmen lässt oder versucht den Wein mit Punkten zu beehren; ob man Wert auf Rituale und eine stimmungsvolle Umgebung legt oder ohne viel Umstände einfach das Glas füllt. Dies alles ist für den Liebhaber viel wichtiger, als die Weine bloss irgendwo, irgendwann einmal getrunken zu haben. Deshalb reise ich oft und gern zum Wein, auch wenn er nahezu 2‘000 Kilometer entfernt von seinem Ursprung zu verkosten ist. Vielleicht ist es gerade die Distanz, die dem Wein einen andern, neuen Charakter geben kann.

Zwei Orte - zwei Welten. Languedoc und Berlin

Glossar zum Thema
Languedoc in Berlin, Châteauneuf-du-Pape, Graz, Bordeaux, Köln, deutscher Riesling an der südlichen Rhone. All dies (und noch viel mehr) habe ich schon erlebt und – ich gebe es zu – mit Begeisterung mitgemacht. Wein, in Flaschen abgefüllt, kennt keine Grenzen (mit Ausnahme von Zollbarrieren). Nein, Wein ist international und – daran denken leider nur wenige – trägt die Kultur, das Klima, die Landschaft, die Lebensart einer Gegend in die Welt. Wo auch immer man einen bestimmten Wein (der noch die Individualität einer Weingegend oder eines Winzers verrät) trinkt, begegnet man oft fernen Welten. Hier mitten im winterlichen Berlin glaube ich plötzlich die provenzalische Hymne zu hören, der ich zum letzten Mal im Mai auf einem Rhoneschiff in Avignon begegnet bin, gesungen von den Winzern aus Rasteau (www.youtube.com/watch?v=nENDpq7p52g)

Das nächtlicher Avignon auf einer Rhone-Fahrt der Winzer von Rasteau, begleitet von der Hymne Coupo Santo.

„Copou Santo e versanto – vuejo an bord plen – erste vuejo – lis estrambord – e di forts“, so der Refrain, in provenzalischen Sprache, nur schwer zu übersetzen und wohl nur mit kultur-historischem Hintergrund zu verstehen: „Coupe Sainte - et débordante, verse à pleins bords - verse à flots les enthousiasmes - et l'énergie des forts“. Genau so wie dieses Lied kann auch der Wein eine Stimmung, einen Geist, ein Gefühl, ein Stück Geschichte in die Welt tragen. „Coupo Santo“, der heilige Kelch, eigentlich das „heilige Weingefäss“, symbolisiert die Eigenständigkeit und Kraft der Provence, indem sie dem katalanischen Poeten, Victor Balaguer – Kämpfer gegen die Politik von Isabelle d’Espagne – einst ein Exil, eine neue Heimat gegeben hat.

„Copa Santa“, der Wein des Winzers Pierre Clavel, schon allein wegen seines Namens ein Kultwein.

Wenn ich nun in Berlin einen Spitzenwein aus dem Languedoc verkoste, der in Anlehnung an das beliebteste Volkslied des französischen Südens „Copa Santa“ heißt, dann zieht mit diesem Wein der ganze Süden nach Norden, nach Berlin.

Wenn ich über den Wein und seine Qualitäten hinausdenke, dann sind es nicht einfach neun Weine, aus neun verschiedenen Jahren, die ich da im Glas habe und die ich miteinander vergleiche; denen ich Qualitäten, Eigenschaften, Merkmale, (im Stillen) sogar Punkte zuordne. Es ist weit mehr ein Begriff, der vom Weinliebhaber so oft und gedankenlos, meist auch sehr technokratisch verwendet wird: „Terroir“, als die geographischen, geologischen und meteorologischen Bedingungen einer bestimmten Reblage. Im übertragenen Sinn ist Terroir auch Kultur, nämlich jene Kultur, in der ein Wein entsteht: dazu gehören sicher auch geologische und meteorologische Besonderheiten, weit mehr aber noch der Mensch, der genau unter diesen Bedingungen auch Weine macht.

Kritisches Prüfen an der „Copa Santa“ Probe in Berlin.
Und so zieht für ein paar Stunden ein ganz anderes Terroir in Berlin ein. Zugegeben, nur dort, in der Stube, wo die Verkostung stattgefunden hat. Nur dort, wo die Provence und der Geist des „Coupo Santo“ auch wahrgenommen wurde. Dies, geographisch ausgedrückt, ist eine Reise Zürich-Berlin wert. Und nur so kann Weintourismus zum Weinerlebnis werden.

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig

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