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25.05.2010
Vom Lernen und Ausprobieren
Der Stilwandel im kalifornischen Wein
Von Anja Hanke
Leserkommentare (bisher 0)

Wenn man jung ist und noch keine lange Geschichte hat, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Man orientiert sich an anderen. Zweitens: Man schafft sich seine eigene Geschichte. Doch was passiert, wenn man die eigene Vergangenheit mit nimmt und der Lehrer für die anderen ist? Walter Schug ist ein Deutscher aus Assmannshausen und Winzer im kalifornischen Sonoma-Valley. Seine Weine erzählen die Melodie seiner Heimat. Verholzte Barrique-Bomben sucht man bei ihm vergebens. Was für Schug eine Philosophie ist, bedeutet für die meisten kalifornischen Winzer ein Umdenken. Es ist Bewegung im Stil des Weines – weg vom Holz, hin zur Frucht.

Walter Schug erklärt seine Philosophie Wein zu machen. Gelernt hat er sie in Deutschland

Glossar zum Thema
„Man muss sich ganz in den Wein hineindenken“, meint Walter Schug, der 1961 aus dem Rheingau nach Kalifornien kam. Aufgewachsen ist der heute 74-Jährige in einer der größten Weinregionen Deutschlands. Als Absolvent der bekannten Weinakademie in Geisenheim war er von Anfang an fest von seinem erlernten, europäischen Stil überzeugt. „Ein Wein will leben und gelebt werden. Ihn zu überdecken ist nicht das Ziel.“ Lediglich 20 Prozent seiner 600.000 Flaschen-Produktion wird in geringem Maß in neuer Eiche ausgebaut. Noch vor nicht allzu langer Zeit war er mit seinen Weinen ein Exot unter den kalifonischen Winzern. Heute wird er für seinen Weitblick und seinen Stil gelobt. Denn was Schug schon seit Jahr praktiziert, ist nun auch bei vielen kalifornischen Winzern im Napa und Sonoma Valley angekommen. Der Trend beim Wein geht weg von den in Holz ertränkten, schweren und marmeladigen Alkoholbomben. Eine Erklärung für diesen Wandel hat Schug auch gleich parat: „Es treffen hier wohl gleich zwei entscheidende Faktoren aufeinander. Der eine ist der Export in die alte Welt, nach Europa, der heute noch immer in den Kinderschuhen steckt. Hier ist kein Markt für diese parfümierten Wein-Schwergewichte. Der andere Grund liegt im Essen.“ Die Amerikaner haben, laut Schug, endlich erkannt, dass Essen und Wein eine Verbindung eingehen und Weine in dieser Kombination zurückhaltender und eleganter sein müssen.

Für Eric Wente aus dem Livermore Valley ist der Prozess des Weinmachens wie würzen mit Salz und Pfeffer.

Eine Erkenntnis, die viele Winzer sich auf die Fahne geschrieben haben und umsetzen. Eric Wente vom Traditions-Weingut Wente im Livermore Valley erklärt den neuen Ansatz sehr anschaulich: „Das ist wie mit Salz und Pfeffer. Man kann es im richtigen und geschmackvollen Maß benutzen – oder man überwürzt.“ Dass er den Fehler des „overoaked wine“ früher selber begangen hat, beweisen die rund 30.000 Barrique-Fässer, die in seinem Keller liegen. Und obwohl er in der fünften Generation das 126 Jahre alte Weingut leitet, bekennt auch er sich zum Umdenken und spricht von einer Trendwende, einem Wechsel in der Ausrichtung des Geschmacks, die auch durch neue Anbaumethoden leichter zu praktizieren sei. Beim sogenannten „Vertical Shot“ werden die Reben uniformiert, in einer Höhe gezüchtet, so dass der Wind und die Sonne gleichmäßig auf die Pflanzen treffen. „Die Früchte sind dadurch gesünder und wir können den Geschmack des einzelnen Weines viel besser herauskitzeln.“ Einer der Wege, die es möglich machen, die Weine eleganter und fruchtbetonter auszubauen.

Relikte der Vergangenheit - Auch bei Wente im Livermore Valley setzte man lange Zeit auf den 'overoaked' Wein.

Walter Schug klopft sich bei solchen Aussagen nur auf die Schulter: „Wir haben an unserem Stil immer fest gehalten, auch als hier alle so nach Barrique verrückt wurden.“ Heute hat er den Trumpf der Erfahrung auf seiner Seite. Sein ganzes Leben ist vom Wein bestimmt. „Ich wurde sogar mit Rotwein getauft“, lacht der 74-Jährige. Schug wurde auf allen deutschen Staatsdomänen ausgebildet, machte ein Praktikum in der Weinabfüllung in London und studierte dann in Geisenheim. Von dort vermittelte ihn sein Vater, der auch mit Wein arbeitete, in die USA. Nach einem Jahr Praktikum war er infiziert von der neuen Weinwelt, die sich für ihn in Kalifornien bot. Er nahm seine Frau und seinen vollbepackten VW-Käfer mit auf den neuen Kontinent und begann 1961 als zweiter „Winemaker“ auf einem Weingut im südlichen Kalifornien. Er arbeitete sich hoch, bis ihm sein ehemaliger Arbeitgeber Reben verkaufte. Seit Anfang der 80er Jahre macht er Wein nur noch nach seinen Vorstellungen und nach den Vorbildern des Rheingaus. Auch sein Sohn lebt mit diesem Denken. „Ich bin damit aufgewachsen, Wein als Essensbegleiter zu sehen. Das ist zwar eine europäische Denkweise, aber auch meine“, sagt Axel Schug.

Bei Beringer im Napa Valley wird der Zusammenhang zwischen Essen und Wein dem Laien näher gebracht.

Diese europäische Denkweise bringt nun vielen Neue-Welt-Winzern erwachende Aufmerksamkeit aus der alten Welt. Schließlich sind die kalifornischen Weine vielen Weinfreunden überwiegend als schwer, alkoholstark und holzbnetont bekannt. Doch der Findungsprozess, durch den die Winzer gehen, ist bemerkenswert und sorgt für viele spannende Weine und Projekte. So nutzt Beringer im Napa Valley, nicht unweit von Mondavi, den neu erkannten Zusammenhang zwischen Essen und Wein für Seminare, die den Weintourismus stärken, einen für das Tal entscheidenden Einkommensfaktor. Der Ablauf ist einfach: Sechs Weine, ein Apfel und schnell merkt auch der Laie, dass die Süße des Apfels die Frucht des Pinot Noirs abtötet, beim Cabernet Sauvignon hingegen die prägnante Weinsäure neutralisiert. Oder, dass Salz mit Zitrone kombiniert die Süße des weißen Zinfandels belebt. „Wir haben viel gelernt in den vergangenen Jahren“, bestätigt der Marketingdirektor Peter Willmert und spielt damit auf den großen Stilwandel der Beringer-Weine an. „Der Einsatz von Eiche ist viel reduzierter und sensibler geworden und der reine Stahlausbau hat überproportional zugenommen.“ Immer wieder betont er die Angleichung an die Weine der "Alten Welt".

Hier im Sonoma Valley vereint Walter Schug auf seinem Land deutsches Weindenken mit kalifornischen Klimabedingungen.

Ob dass die Lösung der Aufgabe ist? Sich anzugleichen? Eines ist sicher: Kalifornischer Wein wird in Europa oft noch verkannt. Zu wenige Winzer erreichen die alte Welt. Viele exportieren kaum und wenn, dann meist nach Kanada oder Asien. Der deutsche Konsument kennt meist nur die großen Namen wie Gallo, die Weine extra für den Export nach europäischem Geschmack produzieren. Aber auch aus Massenproduktionen, die im Supermarkt die Exotik Kaliforniens zu günstigen Preisen versprechen. Doch gerade an den Winzern in den beiden ungleichen Tälern Napa und Sonoma mit ihren vielen unterschiedlichen und prägnanten Mikroklimata liegt es nun, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und dem immer noch jungen Weinland eine eigene Identität zu verschaffen, die dennoch kompatibel ist. Die Aufgabe lautet nämlich nicht, sich mit der alten Wein-Welt Europas zu vereinigen, sondern eine Eigenständigkeit zu entwickeln, die die klimatischen Bedingungen gekonnt in die Flasche bannt. Natürlich gibt es sie, die Bomben mit viel Holz und viel Alkohol, die wie flüssige Marmelade über die Zunge gleiten und das Vorurteil gegenüber kalifornischen Weinen schüren. Aber die Mehrheit der Winzer hat sich für eine Entwicklung und Neufindung entschieden, die für viele positive Überraschungen sorgt. Wenn es nach Winzern wie Walter Schug geht, dann wird der Wein aus dem goldenen Staat in Zukunft mit den Worten elegant, fein und spannend geadelt. Und dann haben die Kalifornier nicht nur eine sehr schwierige Aufgabe brillant gelöst, sondern auch eine eigenständige Geschichte geschaffen.


Anja Hanke

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