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29.04.2008
Vernatsch-Vertikale
Die Gschleier sind gelüftet
Von Marcus Hofschuster
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Eine reife Vernatschtraube, Quelle: www.laimburg.bz.it
Vernatsch gilt im Allgemeinen als Sorte für helle, jung zu genießende Alltagsweine, denen man kaum eine längere Lebenszeit als bis maximal zur übernächsten Grillsaison zutrauen würde. Gerade in jüngerer Zeit bemüht man sich in Südtirol jedoch zunehmend, aus der in Deutschland als Trollinger bekannten Sorte auch charaktervolle Weine mit gewisser Tiefe zu keltern, die bei aller Trinkigkeit auch höheren Ansprüchen genügen sollen und die sich zumindest über einen überschaubaren Zeitraum positiv entwickeln können.

Wie groß dieser Zeitraum sein kann, das demonstrierte am 31 März die Kellereigenossenschaft Girlan, die als Pionier unter den Produzenten hochwertiger Vernatsch gelten kann. Seit 1975 wird hier aus der Lage Gschleier ein Einzellagen-Vernatsch erzeugt, der von Anfang an als Spitzenwein positioniert war und sich auch preislich von anderen Prestigegewächsen des Hauses kaum oder gar nicht unterschied. Der Weinberg fußt auf dem Gelände einer alten römischen Garnison, liegt auf 430 Meter Höhe und gehört zu den wenigen nach Süden ausgerichteten Lagen Girlans. Sie befindet sich auf einem Moränenhügel mit einem Boden aus Kalk-, Schotter- und Lehm und ist mit inzwischen 80 bis 100 Jahre alten Reben bestockt, die hier - ohne Bewässerung und chemischen Dünger - einen für Vernatsch ungewöhnlich niedrigen Ertrag von 50 bis 60 Hektolitern pro Hektar bringen.

Nach einer Gärung im Stahltank kommt der Wein für 10 Monate in große Holzfässer und darf anschließend noch einige Monate auf der Flasche reifen, bis er in den Verkauf kommt. Der nur in guten Jahren erzeugte Gschleier fällt häufig schon in seiner Jugend durch größere Tiefe und Komplexität auf, als man es von Vernatsch gewohnt ist. Neben der guten Lage und dem Alter der Rebstöcke ist hierfür wohl auch der relativ lange Holzausbau zuständig, der sich auch mit leichten Vanille- und Rösttönen und einer kräftigeren Tanninstruktur als üblich bemerkbar macht. Damit setzt sich der Gschleier bei Puristen möglicherweise dem Vorwurf aus, nicht ganz authentisch zu sein, doch scheint der Wein die Behandlung bestens zu vertragen, ja sogar davon zu profitieren.


Die Kellerei Girlan

Das zeigt sich besonders auf lange Sicht, wie die Verkostung in den Räumen der Genossenschaft eindrucksvoll bewies. 12 Jahrgänge wurden einem kleinen Kreis von Gästen vorgestellt; der älteste Wein stammte aus dem Jahr 1976, der jüngste war eine Fassprobe der 2007er Version. Das Ergebnis war mehr als nur überraschend: die ältesten Weine konnten mit am meisten überzeugen. Der 76er erinnerte an einen bestens gereiften Beaujolais Cru oder Villages-Burgunder und auch der 83er glänzte trotz trüber Farbe mit erstaunlicher Vitalität und mineralischem Biss. Auch in der geöffnete Flasche hielten sich die meisten alten Vernatsch über einige Stunden überraschend gut, wovon man sich während des Abendessens, das vom Restaurant „Zur Rose” in Eppan - einer der vorzüglichsten Adressen des Gebietes - ausgerichtet wurde, immer wieder überzeugen konnte.

Die Jahrgänge im Einzelnen:

 

1976 - ein warmes Jahr, früher Lesebeginn, vollreife Trauben

Klares Rubin bis Rehbraun. Vielschichtiger Duft nach getrockneten roten Beeren, vor allem Hagebutten, mit Noten von welkem Laub, ledrigen Tönen, leicht altholzigen und rauchigen Aromen sowie mineralischen Nuancen. Relativ fest gewirkt im Mund, gereift, aber alles andere als alt, gewisse Saftigkeit, wieder auch holzige und auch ein wenig röstige Aromen, zarter Säurebiss und gewisse Mineralität, leicht trocknende Tannine, mittlere Tiefe, guter Abgang.

Die Lage Gschleier

 

1983 - ein eher kühler Jahrgang mit geringerer Zuckerausbeute in den Trauben und guten Säurewerten

Etwas mattes, fast trübes, aber relativ dichtes Granat mit leichten Aufhellungen am Rand. Würziger, dichter, eine Spur röstiger und holziger Duft nach teils getrockneten roten Beeren und einer Spur Zwetschgen mit zart ledrigen Anklängen. Straff und saftig im Mund, relativ dicht gewirkt, reif wirkende Frucht mit würzigen und holzig-röstigen Nuancen, nachhaltig am Gaumen, gute Komplexität und Tiefe, feiner Biss, mineralische Anklänge, wirkt erstaunlich vital, sehr guter Abgang mit welk-floralen Aromen.

 

1985 - gilt als exzellentes Jahr in Südtirol, warm und früh reifend

Klares Granat bis Rehbraun. Etwas kompottiger Duft nach teils getrockneten roten Beeren mit zart malzigen und oxidativen Noten sowie röstigen und welk-floralen Anklängen. Auch im Mund ganz zart oxidativ, gereifte, rote Frucht, wieder ein wenig Holz und Röstung, etwas trocknendes Tannin, am Gaumen dunkles Karamell, würzige Noten, nicht ewig tief, ordentlicher bis guter Abgang.

 

1989 - kühles Jahr, später Lesebeginn

Glänzendes Rubin-Granat mit leichter Aufhellung. Erstaunlich frischer Duft nach eingemachten und angetrockneten roten und schwarzen Beeren mit Noten von welken Blüten und etwas Laub. Relativ fruchtig im Mund, aber auch ein wenig verwaschen wirkend, gewisse Holz- und Rösttöne, etwas trocknende Tannine, nicht allzu tief, ordentlicher, wiederum leicht trocknender Abgang.

 

1990 - warmes Jahr mit vollreifen Trauben, aber auch guter Säure

Leicht mattes Rehbraun. Gereifter, holzwürziger Duft nach eingemachten roten Beeren mit röstigen Spuren sowie mineralischen und kräuterigen Noten. Holzwürzig und leicht oxidativ auch im Mund, relativ straff gewirkt, wieder mineralische und kräuterige Töne, würziger Abgang mit leicht trocknenden Tanninen und Röstaromen.

Die Protagonisten des Tages

 

1995 - eher kühles Jahr mit einem warmen September, späte Lese, hohe Säurewerte

Klares Rubin-Granat. Lebendiger, leicht mineralischer Duft nach roten Früchten und etwas schwarzen Beeren mit Noten angetrockneter Blüten. Leicht kompottig im Mund, rote Beeren, röstige Anklänge, leicht trocknendes Tannin, recht nachhaltig am Gaumen, hat Kraft und gewisse Saftigkeit, Spuren von welkem Laub und Leder im Hintergrund, mineralische Anklänge, sehr guter Abgang.

 

1997 - sehr warmes Jahr, besonders guter Rotweinjahrgang

Etwas mattes Granat mit rehbraunen Spuren. Marmeladiger und eine Spur schweißiger Duft nach roten Beeren und etwas welkem Laub. Holzig und wieder an welkes Laub erinnernd im Mund, zurückhaltende Frucht, zart rauchige Noten, trocknendes Tannin, gewisse Kraft am Gaumen, auch im Abgang leicht trocknend.

 

1998 - schwieriges Jahr mit verregnetem Herbst

Helles, glänzendes Granat. Duft von roten Beeren und etwas Zwetschgen mit floralen Nuancen. Schlank im Mund, eher kühl, vegetabile Noten, ein wenig trocknendes Tannin, nicht sehr tief, passabler Abgang.

 

2000 - gutes Jahr mit „goldenem” Herbst, relativ frühe Ernte, gute Säurewerte

Rubin. Recht klare, rotbeerige Nase mit floralen und kräuterigen Nuancen. Klar und geradlinig im Mund, rote Beeren, etwas Holz und leicht trocknende Tannine, relativ fest gewirkt, mineralische Nuancen im Hintergrund, leicht spürbarer Alkohol, guter Abgang. Gewinnt mit Luft.

 

2005 - schwieriges Jahr, Ausreifung der Trauben nur in guten Lagen

Glänzendes Rubin. Geradlinig in der Nase, nach roten Beeren und etwas Kirschen, mit kühl-floralen Tönen im Hintergrund. Recht saftig im Mund, rote Frucht und gewisse Mineralität, zarter Biss, gute Nachhaltigkeit am Gaumen, feines, leicht trocknendes Tannin, mittlere Tiefe, animierend, guter Abgang.

 

2006 - trotz verregnetem August warmer Sommer, späte Ernte, vollreife Trauben

Jugendliches, glänzendes Rubin. Geradlinig in der Nase, jugendlich, nach roten Beeren mit deutlich floralen und leicht mandeligen Tönen. Rotbeerig-fruchtig im Mund, etwas floral und vegetabil, holzige Töne am Gaumen, trocknendes Tannin, nicht allzu tief, ordentlicher Abgang.

 

2007 - sehr gutes Jahr

(Fassprobe)Frischer Duft nach roten Beeren, vor allem Himbeeren, mit noch leicht hefigen Tönen und floralen Nuancen. Klar, saftig und lebendig im Mund, etwas Holz, feiner Biss, gute Nachhaltigkeit am Gaumen, harmonisch, mittlere Tiefe, guter Abgang. Vielversprechend.


Marcus Hofschuster

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