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24.07.2007
Vernatsch
Von wegen hässlich, das Entlein!
Von Marcus Hofschuster
Leserkommentare (bisher 6)

In Zeiten, in denen die Rotweine immer dunkler werden, immer dichter, konzentrierter und extrahierter, hat es eine Rebsorte wie der Vernatsch nicht leicht. Nicht nur bringt diese uralte südtiroler Rebsorte eher hellrote Weine hervor, sie geizt zudem sowohl mit Säure als auch mit Tannin. Nicht wenige Weinfreunde verspotten den Vernatsch daher gern als getarnten Rosé.

Doch am Rufverfall des Vernatsch sind nicht nur seine in vieler Weintrinker Augen unzeitgemäßen Charaktereigenschaften schuld. Auch die Südtiroler Weinbauern haben ihren Anteil daran. Viel zu oft wurde und wird der Vernatsch als Massenträger missbraucht und in Liter- und Doppelliterflaschen unter die Touristen und in die Regale der deutschen Supermärkte gebracht. Dünn und unreif, wie er in dieser Form oft ist, bestätigt der Vernatsch schließlich auch die unfreundlichsten Klischees.

Ausgereift, behutsam ertragsreduziert und aus guten Lagen ergibt der Vernatsch hingegen einen weichen, fruchtigen, in Bestform ungeheuer animierenden Rotwein, dessen zartherbe Würze ihn obendrein zu einem vielseitigen Essensbegleiter macht. Trotz seiner hellen Farbe, seiner moderaten Tannine und der tiefen Säure erreichen die besten Vernatsch eine erstaunliche Komplexität und Tiefe, die man in den weit teureren, barriquegelagerten, leider viel zu oft holzüberladenen Lagrein, Cabernets oder Merlots häufig vergeblich sucht. Inzwischen besinnen sich wieder mehr und mehr Produzenten auf die Qualitäten der Sorte und man trifft im Gebiet heute wieder weit mehr hochklassige Vernatschweine an, als man dies noch vor einigen Jahren für möglich gehalten hätte.

Die Pergola, traditionelle Erziehungsform für Reben in Südtirol, Quelle: EOS-Südtiroler Weinwerbung


Mit den steigenden Qualitäten treten auch die Unterschiede der verschiedenen Herkünfte immer deutlicher zu Tage. Die zarteste und feinste Version des Vernatsch wächst rund um den Kalterer See. Man täuscht sich leicht beim ersten Schluck dieses hellroten Weins. Die besten Versionen sind jedoch so verführerisch und bei aller Zurückhaltung so vielschichtig und nachhaltig, dass man sich ihnen nur schwer entziehen kann. Sie duften nach roten Beeren, angetrockneten Blüten und Mandeln. Eine angebrochene Flasche ist meist viel zu schnell leer als dass man es riskieren könnte, keine Zweite parat zu haben.

Glossar zum Thema
Die kräftigste Vernatsch-Variante wächst nahe Bozen und kommt als St. Magdalener auf den Markt. Die Weine verfügen zumeist über deutlich mehr Schmelz, wärmere Frucht und festeres Tannin. So ist es kein Wunder, dass der St. Magdalener häufig auch solche Weintrinker anspricht, die sich sonst nur für barriqueausgebaute Schwergewichte erwärmen können. Allerdings kommen manche Produzenten diesen Konsumenten inzwischen auch dadurch entgegen, dass sie zumindest bei den kräftigsten Exemplaren aus guten Jahren mit zumindest kleinen Anteilen neueren Eichenholzes experimentieren. Wohl ein kapitaler Irrweg: dort, wo die Holzaromen deutlich werden, verlieren die Weine an Finesse, an Tiefe und an Länge, man bezahlt die Anbiederung an den Massengeschmack mit einem erheblichen Verlust an Identität und Trinkfreude.

Obwohl es im Grunde überall erlaubt ist, dem Vernatsch gewisse Anteile an Lagrein und Pinot Noir hinzuzufügen, wird dies im Magdalener-Gebiet offenbar wesentlich regelmäßiger praktiziert. Interessanterweise spricht man - dort wo er statt findet - zumeist offen über den Zusatz von Lagrein, während man den Blauburgunder kaum erwähnt, obwohl die Aromatik mancher Weine auf einen gewissen Anteil Pinot Noir hindeutet. In den meisten Fällen behält der Vernatsch jedoch glücklicherweise die Oberhand.

Zwischen den beiden Vernatsch-Antipoden Kalterersee und St. Magdalener stehen südtiroler Vernatsch, Grauvernatsch oder Meraner, die in allen Gewichtsklassen vorkommen können. Einige Produzenten erzeugen inzwischen Prestigeweine, teils aus Einzellagen, teils als spezielle Selektionen, die unter Eigennamen verkauft werden. Auch hier wird bisweilen mit etwas Eichenholz nachgeholfen und manchmal übertreibt es der eine oder andere Produzent mit der Reife und Konzentration, was wiederum auf Kosten von Finesse und Tiefe geht, doch einige dieser Spitzenvernatsch sind wirklich hervorragend und machen so manchem Burgunder Konkurrenz - nicht nur jenen aus Südtirol.

Viele südtiroler Weinberge sind Steillagen, Quelle: EOS-Südtiroler Weinwerbung


Vernatsch gilt in der Regel als jung zu trinkender Rotwein und die meisten seiner Anhänger schätzen die Frische und Lebendigkeit dieser Weine. Die besten Weine können sich jedoch über einige Zeit verfeinern und entwickeln sich bisweilen erheblich günstiger als viele Barriqueweine der Gegend, die oft nur immer spröder und rußiger werden. Manche Erzeuger produzieren inzwischen ganz bewusst Vernatsch, die sich erst im zweiten Jahr nach der Lese in ihrer Idealform befinden. Wird die frisch-fruchtige Variante auch gerne leicht gekühlt getrunken, sollte man die komplexeren Exemplare allerdings durchaus bei normalen Rotweintemperaturen und aus großen Gläsern genießen.

Eine reife Vernatschtraube, Quelle: www.laimburg.bz.it
Als Essensbegleiter ist der Vernatsch vielseitig wie nur wenige andere Rotweine. Nicht nur die klassische Südtiroler Jause wird aufs Beste bedient. Wohl kaum ein Wein ist so leicht mit Käse zu kombinieren, auch Salat, Oliven, Sülze oder sogar Räucherfisch stellen kein Problem dar. Dank der moderaten Tannine und der tiefen Säure lässt sich Vernatsch auch zu Speisen kombinieren, zu denen andere Rote hart und blechern schmecken. Ein ausgewachsner St. Magdalener lässt sich zudem auch von so manchem Braten nicht unterkriegen.

Unsere Verkostungen der letzten Wochen förderten eine ganze Reihe exzellenter, manchmal begeisternder Weine zutage. Offenbar war 2006 tatsächlich ein Jahrgang, der alle Möglichkeiten bot. Erfreulich auch, dass sich die Ausfälle auf ein paar einzelne Weine beschränkten, während der größte Teil der angestellten Proben wirklich empfehlenswert ist. Sieben der besten Weine haben wir in ein Paket gepackt und an die Mitglieder des Stammtischs verschickt, doch noch viele weitere Tropfen verdienen Aufmerksamkeit.

Die verkosteten Weine des Jahrganges 2006 finden Sie sortiert nach der jeweiligen DOC:

Kalterersee 

St. Magdalener

Alto Adige

 


Marcus Hofschuster

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