Heimat in einer globalisierten Welt. Gibt es den Begriff Heimat überhaupt noch, außer als Propagandainstrument für eng definierte „heile Welten“? Oder ist der Begriff längst politisch besetzt und gründlich diffamiert? Nicht einmal mehr die Natur hält sich daran! Pflanzen und Tiere kommen längst nicht mehr nur an bestimmten Orten, in begrenzten Landschaften, Regionen oder Ländern vor. Sie gedeihen und leben (fast) überall. Im Rebbau ist die „Appellation d’Origine Contrôlée“, kurz „aoc“, mit ihren strengen Vorschriften zugelassener Rebsorten wohl ein letzter verzweifelter Versuch, den Reben (und letztlich auch den Weinen) eine „Heimat“ zu geben.
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Die Heimat des Pinot Noir ist das Burgund
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Der Siegeszug bestimmter Assemblagen (Verschnitt von Weinen) – zum Beispiel im weltweit verbreiteten „Bordeaux-Blend“ – aber auch der Anbau bestimmter Rebsorten wie Blauburgunder (Pinot Noir) oder Merlot quer über den ganzen Planeten lässt jeden noch so diffusen Heimatbegriff vergessen. Nicht einmal mehr das Klima setzt natürliche Grenzen. Selbst der ökologische Fachbegriff „Terroir“ – eine Analogie zum Begriff Heimat, scheinbar aber präziser definiert – lässt sich kaum mehr im Sinne einer Orts- und Umweltdefinition verwenden. Der „Terroir-Wein“ ist längst zum Marketing-Begriff verkommen, für traditionelle Weingebiete zum zugkräftigsten (und nicht selten einzigen) Verkaufsargument mutiert. Ein Blick in die Regale der Weinhändler genügt um festzustellen, was heute „gefragt“ ist. Beim Rotwein sind es vor allem der Cabernet Sauvignon und der Merlot, meist in den verschiedensten Kombinationen mit andern Rebsorten: Zweigelt, Tempranillo, Syrah, Primitivo und, und, und… Etwas vom Abenteuerlichsten, was ich in der letzten Zeit getrunken habe, ist „Goatfather“ aus Südafrika, eine Cuvée mit Sangiovese aus Darling, Barbera aus Swartland and Cabernet Sauvignon aus Stellenbosch.
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Goatfather aus Südfrankreich
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Die Beschreibungen und Angaben zu diesem und vielen anderen Weinen hörten sich verdammt ähnlich an: „würzige Aromen von schwarzer Johannisbeere, Zeder und rauchige Kirsche…“ oder in Edelstahltanks vergoren, 13 Monate ausgebaut in Barriques, je zur Hälfte in französischer und amerikanischer Eiche….“ Und immer natürlich wird die „Handschrift des Winzers“ oder Erzeugers hervorgehoben. Spätestens jetzt bin ich aber hellhörig geworden. Die internationale Weinsprache legt sich wie eine Nebelschwade über fast alle Weine, hüllt ihre Qualität in abgenutzte Begriffe ein. Nicht nur die Wein-Sprache hat offensichtlich ihre starren Normen, es haben diese auch die Weine. Sie werden nicht nur mit den gleichen Begriffen beschrieben; sie werden auch an fast unverrückbaren Normen gemessen. Zwar hat jeder Weinkritiker seine sprachlichen Vorlieben und Eigenheiten. Die angeblich unverrückbare Wertskala aber zeigt sich schrecklich uniform. Vor mir liegen 10 Bücher mit Weinbeschreibungen von Parker, Johnson, Scheuermann, Gabriel, Bettane, Platter, der Revue du Vin de France, Hachette, Frenzel und Vanberg (Guide Fleurus). Ich nehme mir die Zeit, darin nicht nur zu blättern und nach bestimmten Weinen zu suchen, vielmehr darin zu lesen, zu vergleichen, mir einen Überblick zu verschaffen.
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Weinführer - Aus meiner Weinbibliothek herausgegriffen
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Ich weiß nicht, wie viele Weine in ihrer Beschreibung so ähnlich sind, dass sie sich nur in Nuancen unterscheiden. Es dürften über 70 Prozent sein. Für den durchschnittlichen Weinkonsumenten kaum erhellend, bestenfalls ist es eine Bestätigung oder Widerlegung der eigenen Erfahrung, des eigenen Geschmacks, der eigenen Vorlieben. Je mehr ich lese, desto mehr erkenne ich einen allgemeingültigen Maßstab, geeicht an dem, was man kennt, was schmeckt, was man als Wein gut findet: etwa die Vanille-Anklänge durch forcierten Holzausbau, die Cassis-Noten von Cabernet Sauvignon, das samtige Empfinden beim Merlot, der Waldbeer-Geschmack beim Pinot Noir. Eben das, was sich so an Analogie oder Beschreibung durchgesetzt hat. Man spricht auch bereits von einem „internationalen Geschmack“, was zwar reichlich verkürzt ist, aber nicht ganz falsch.
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Das weltweite Weinangebot ist international. Angebot von italienischen Weinen in einer Weinhandlung in Shanghai.
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Die Werte, Eckpunkte und Messgrößen auf der Wein-Beurteilungs-Skala sind längst international genormt. Deshalb – dies ist wohl der springende Punkt – hat wohl das Andere, das Anderssein auch beim Wein wieder eine Chance. Zuerst waren es die autochthonen Rebsorten, längst verschwundene oder mutierte Rebenarten, welche als „Außenseiter“ den gängigen Weingeschmack attackierten. Dann kamen die Bio-Weine, die ausgefallenen Cuvées, das Experimentieren mit Kunsthefen, der Trend zu alkoholschwächeren Weinen. All dies hat in der gängigen Weinwertordnung kaum eine Chance. Womit sollen die neuen Eigenschaften, Geschmacksbilder, Aromen, Harmonien etc. verglichen und woran gemessen werden? Mit welchem Maßstab, mit welchen Eckwerten? Es ist nicht viel anders als bei dem, was wir Mode oder Zeitgeschmack nennen. Gestern noch vergöttert, heute schon als Verirrung abgestempelt und morgen womöglich wiederentdeckt. Noch vor kurzem waren alte Rebsorten auch in der Schweiz am Verschwinden, heute entstehen aus Reben, die man bis vor Jahren ausgerissen hat, die eigentlichen Vorzeigeweine des Wallis: Arvine, Amigne, Humagne blanche, Resi oder Cornalin. Haida, Ermitage oder gar Himbertscha.
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Der Kanton Wallis in der Schweiz ist heute wieder stolz auf seine alten Rebsorten. Lafnetscha - eine autochthone Rebsorte - selbst im Wallis eine Rarität.
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Für den Weingenuss ist überhaupt nicht wichtig, ob sich Weine in die gängige Weinordnung einreihen lassen oder ob sie Außenseiter sind. Entscheidend ist die Freude, das Vergnügen, die persönliche Erfahrung bei einem Wein. So habe ich den Räuschling (Zürichrebe) zum Aperitif und zum Fisch wiederentdeckt. Eine weiße Rebsorte, die einst – neben dem Elbling – in der Zeit vor Müller-Thurgau in der Deutschschweiz am verbreitetsten war. In der Languedoc bin ich einem Wein mit dem politisch inkorrekten Namen „Cap Nègre – le Sirop“ begegnet. Eine der ganz seltenen reinsortigen „Alicante“ (Garnacha Tintorera), dem schwärzesten Wein, den ich je getrunken habe. Eine „Färbertraube“, sagt die Fachliteratur, und er sei „von mäßiger Qualität“. Ein Fremder, selbst in der eigenen Heimat Frankreich, ein Fremder im Languedoc, wo diese Rebsorte früher heimisch war. Die mäßige Qualität wurde für mich zu einem neuen Geschmackserlebnis, wohl deshalb, weil es anders, fast unbeschreiblich war, weil es sich gängiger Weinbeschreibung entzog.
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Ein reinsortiger Wein aus der Alicante-Traube. Auch dies eher eine Rarität.
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Noch einem Außenseiter bin ich begegnet: Dem Bruder Nonenque in der Abtei Valmagne im Languedoc (Nähe Sète), einem Mönch aus dem 16. Jahrhundert. Und wieder konnte ich den Wein nicht richtig einordnen, und wieder war es für mich ein unglaubliches neues Geschmackserlebnis, wenn auch nicht so ganz neu, wie der Sirup vom Cap Nègre. „Morrastel“ im Verschnitt mit Grenache und Carignan. Morrastel? In Südfrankreich eine andere Bezeichnung für eben jenen von Henry Bouschet vor gut 150 Jahren neugezüchteten „Alicante“.
Wo bin ich da mit meinem Weingeschmack hingeraten? In eine Zeit, in der Rebsorten noch eine Heimat hatten. In eine Zeit, in der sich selbst Neuzüchtungen an bestimmten Orten, in bestimmten Landschaften, geeigneten Gebiete ansiedeln konnten. In einer Zeit, in der Reben und ihre Weine noch zuhause waren und nicht (fast) beliebig in die Welt hinausgeschickt wurden, als Boten eines Zeitgeschmacks.
Herzlich
Ihr/Euer