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18.12.2009
Trento DOC
Perlen vor die Schlauen
Von Eva Dülligen
Leserkommentare (bisher 2)

Spumante steht bei vielen deutschen Konsumenten für Asti-lastige Kopfschmerzen aus ihrer Jugend. Andere wiederum verbinden damit ihren heiß geliebten Prosecco. Die wenigsten ahnen, dass sich im nördlichen Italien, der autonomen Provinz Trient, eine kleine Schatzsammlung vorzüglicher Schaumweine verbirgt. Sie nennen sich Trentodoc, produziert nach der Metodo Classico – der klassischen Flaschengärung. Und sie sind neben den südtiroler Gewächsen die einzigen italienischen Spumante, die in den Bergen entstehen.

„Es gibt mehr Önologen als Rehe im Trentino“, sagt Marco Sabellico, Mitherausgeber der italienischen Weinbibel Gambero Rosso. Nur weiß das leider kaum jemand in der Welt. Das Trentino ist quasi vinologische Terra icognica, fristet ein Aschenputteldasein unter großen Namen wie Bordeaux, Chianti oder Champagne. Dabei hat die an Südtirol grenzende Region terroirmäßig einiges in petto.

Rebberge im Etschtal

Im Etschtal, wo der Großteil der Weinberge liegt, treffen alpines Klima und mediterrane, vom Gardasee heraufkommende Wärme aufeinander. Täglich bahnt sich der Südwind „Ora“ seinen Weg vom Gardasee bis zu den Hängen des Etschtals und durchlüftet die Rebzeilen. Auch die starken Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sorgen während der Reifezeit vielerorts für aromenkonzentriertes, gesundes Traubengut.

Goldregen über unbekannte Größen

Glossar zum Thema
Davon profitieren Chardonnay, Pinot Bianco und Pinot Nero – jene Rebsorten, aus denen man in 27 Kellereien rund um Trentinos Hauptstadt Trento Schaumweine produziert, die die kontrollierte Herkunftsbezeichnung D.O.C. tragen. Mehr noch. Über sechs der „Trentodoc“ rieselte im Gambero Rosso 2010 gar die Höchstnote in Form der „3 Gläser“. Mit dem „Guilio Ferrari Riserva Brut“ stand auch das Spumante-Haus Ferrari auf dem Siegertreppchen: „Man sollte darüber trotzdem nicht vergessen, dass 85 Prozent der jährlich rund acht Millionen verkauften Trentodoc-Flaschen in Italien selbst getrunken werden“, gibt Alessandro Lunelli zu bedenken.

Alessandro Lunelli

Der 30-Jährige führt die Cantina Ferrari in dritter Generation mit seiner Schwester und drei Vettern. Auf 120 Hektar eigenen Weinbergen entlang des Etschtals werden 80 Prozent Chardonnay und 20 Prozent weißer und roter Burgunder gepflanzt. Weitere 200 Hektar sind im Besitz von 1000 Vertragswinzern, die die Kellerei seit Jahrzehnten exklusiv mit Reben versorgen. Seit gerade sechs Monaten sitzt der gelernte Ingenieur mit im Ferrari-Cockpit, nachdem er jahrelang als PR-Manager für das Unternehmen Unilever auf den Philippinen, in Malaysia und Thailand unterwegs war. Jetzt gilt es für Alessandro Lunelli, im eigenen Familienunternehmen etwa den deutschen Exportmarkt nach vorne zu schieben und aus jährlich 100.000 nach Deutschland verkauften Ferrari-Flaschen 200.000 zu machen. Kein leichtes Unterfangen wie der hoch gewachsene Trentiner weiß. „Wenn wir eine Alternative zu Champagner oder Crémant wären, wäre das ja schon was. Aber wir sind eine Alternative zum Prosecco“. Alessandro Lunelli lächelt über sein Resumée, über das fett unterstrichene gesprochene Fazit, das er schließlich noch kürzer fasst: „Spumante steht in der Welt für alles und nichts.“

Pole-Position im Reifekeller

Dass viele Konsumenten mit dem Begriff „Trentodoc„ ebenso wenig anzufangen wissen wie mit dem Wort „Cava“, das hinter katalanischem Schaumwein alias Freixenet oder Cordoniu steckt, kann an der Machart nicht liegen. Angefangen bei den Chardonnay- und Pinotreben, die auf kalkhaltigem Boden langsam heranreifen über die Handlese bis zur klassischen Flaschengärung läuft es für die Trentiner Premiumschaumweine nicht viel anders als bei den perlenden Konkurrenten aus der Champagne.

Kellerei Ferrari

Im Hause Ferrari gibt man sich auf einigen Produktionsebenen sogar päpstlicher als der Papst: „Wir bearbeiten alle unsere Hefen für die Gärung im hauseigenen Labor. Das sind Hefen von eigenen Trauben, keine Industriehefen, damit die Schaumweine zu 100 Prozent das Terroir widerspiegeln“, bemerkt Chefönologe Ruben Larentis während einer Degustation. Die Jahrgangsschaumweine in den Kellergewölben von Ferrari werden nicht etwa wie seine Basislinie maschinell gerüttelt. Das Hefedepot wird durch regelmäßige Drehung sukzessive per Hand in den Flaschenhals befördert. Eine Methode, die selbst in der Champagne vom Aussterben bedroht ist.

Pakt mit den Vögeln

Paolo Endrici
Auch das Winzerpaar Christine und Paolo Endrici aus S. Michele all'Adige übertrifft sich bei der Spumanteproduktion offensichtlich selbst. Allerdings liegt der Fokus hier im Weinberg. Über die Hänge des Etschtals verteilen sich die Lagen der 125 Jahre alten Cantina Endrizzi. Von Kalk, Schotter, Lehm und Dolomitengestein geprägte Böden schenken den beiden in erster Linie expressive Stillweine aus Cabernet Sauvignon und Merlot oder der authochthonen Rebsorte Teroldego. Aber auch der Chardonnay für ihren Spumante hat seinen besonderen Platz. Auf einer einzigen Steillage, dem Pian di Castello, gedeiht er und wird akribisch nach ökologischen Richtlinien gepflegt. „Dabei schießen wir weit über die radikale Reduzierung chemisch-synthetischer Spritzmittel hinaus“, sagt die gebürtige Württembergerin. Christine Endrici und ihr Mann machen Ernst mit ihrer naturnahen Anbaumethode.

Endrizzi Weinkeller

Biodiversität ist angesagt. Insektizide sind auf den insgesamt 45 Hektar seit langem Tabu. Stattdessen werden steinerne Nistkästen vor die Rebzeilen gehängt und Kleinbiotope in Form von Hecken, Büschen und Bäumen um die Weinlagen herum errichtet. Blau- und Kohlmeisen, Rotkehlchen und Fledermäuse nisten sich ein und teilen die schädlichen Insekten im 24-Stunden-Rhythmus unter sich auf. „Das Vogelkonzept allein reicht aber nicht. Deshalb setzen wir zusätzlich Pheromonfallen ein“, erklärt Christine Endrici. Die 50-Jährige ist stolz darauf, das Projekt gemeinsam mit dem Agrarinstitut von San Michele losgetreten zu haben. Für sie gehören Insektizide zu den übelsten unter den Chemiekeulen: „Was die Reben kontaminiert, kontaminiert am Ende auch den Körper des Weintrinkers“.

Alpine Gradlinigkeit

Nicht alle der 27 Trentodoc-Produzenten leben eine derart rigorose Philosophie im Weinberg wie die Endricis. Und längst nicht jeder Betrieb experimentiert mit den Hefen eigener Reben wie die Ferraris. Aber bei vielen Trentiner D.O.C.-Schaumweinen ist nichts angestrengt. Man schmeckt die Typizität der Alpen. Ein ernsthafter Typ mit einer gewissen Ironie scheint aus so manchem Spumanteglas in die Nase zu klettern. Und wie urteilte der Gambero Rosso-Mitherausgeber noch beim Round table-Gespräch in der Handelskammer von Trento: „Der Wein liegt in der DNA der Trentiner Winzer“.

Rebzeilen im Etschtal

Infos zu den Erzeugern

Endrizzi S.r.l.
Loc. Masetto
238010 S. Michele/ TN
Tel. +39 04 61 65 01 29
www.endrizzi.it
Endrizzi im Wein-Plus Führer

Ferrari F.LLI Lunelli
Via del Ponte di Ravina, 15
38123 Trento TN
Tel. +39 0461 97 23 11
www.Ferrarispumante.it
Ferrari im Wein-Plus Führer

Trento DOC im Weinführer

Zu Trento DOC


Eva Dülligen

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