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21.12.2009
Santons demonstrieren wieder
Weihnacht in der Provcence
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 0)

Eigentlich sollte man sich in einer Kolumne nie zwei Mal zum gleichen Thema äußern. Richtig! Über die Santons der Provence habe ich bereits einmal geschrieben: „…von den Winzern, Wirten und Trinkern, die zur Krippe pilgern“, vor vier Jahren, in meiner dritten Kolumne, die ich für dieses Magazin verfasst habe. Inzwischen weiß ich mehr, sowohl über die Santons, als auch über die Provence. Der Wein und die Genießer, die Reben und die Winzer spielen da eine zentrale Rolle. Sie verkörpern ein Stück Leben in der Provence.

Borie – eine Hütte aus trockenen Steinen – mit einem Hirt und seinen Schafen, ein klassisches Bild der Provence

„Der Traum der Provence“, der bis heute ganze Generationen begleitet: Oliven, Pinien, Wein, Wildschwein, Sonnenblumen, weiße Pferde (Mythos der Camargue), Pétangue (auf dem Dorfplatz), Arles (die Landschaft van Goghs). Nur bei den Stierkämpfen, da scheiden sich die Geister. Diese Provence – farbig, bunt und fröhlich – stellen die Santons dar. Eigentlich sind es Krippenfiguren, die aber mit der Weihnachtsgeschichte wenig oder nichts zu tun haben. Und trotzdem finden wir sie an Weihnachten in allen provenzalischen Krippen; sie gehören in die Festtagszeit, wie bei uns der Tannenbaum dazu gehört. Es sind Alltagsfiguren aus der Provence, gekleidet in die buntesten Gewänder ihres Berufs, ihres Standes, ihrer Traditionsanlässe, ihres Alltags - und trotzdem sind es „Santons“, zu deutsch „kleine Heilige“.

Die Farandole, ein historischer provenzalischer Volkstanz, bei dem im offenen Reigen verschiedene Figuren getanzt werden

Entstanden sind diese Krippenfiguren, die also nichts mit der Weihnachtsgeschichte, aber umso mehr mit den Traditionen in Südfrankreich zu tun haben, in den Wirren der Französischen Revolution. Die Kirchen waren geschlossen, Krippen durften dort nicht aufgestellt werden. So wurden in den Familien kleine Figuren gefertigt, bunt bemalt und um das Jesuskind, Maria und Josef gruppiert. Bei Kontrollen konnte die „Heilige Familie“ schnell weggeräumt werden, zurück blieb nur ein Stück bunter Alltag, eine Provence, die ihr eigenes Leben lebt. In diesem Leben gibt es natürlich auch Wein. Deshalb dürfen in den Krippen weder Rebberge noch Winzer, weder Küfer noch Sommelier, weder die feine, noch die einfache Küche, weder der Vagabund mit dem „Fusel“ noch ein Angebot an erlesenen Weinen, weder der Wirt noch die vergnügte Spielrunde fehlen. Ich finde, eine Santons-Landschaft sagt viel mehr aus über die Weintraditionen in Südfrankreich als noch so viele geschliffene Werbetexte.

Der Wirt bringt der Spielrunde neue Weinflaschen aus dem Keller

Glossar zum Thema
„Vaucluse, die schöne Provence - Bouches-du-Rhône, Jahrhunderte an Tradition - Var, eine ganz besondere Lebenskunst - die Weinberge: Charakter und Akzent des Südens“. Schlagworte aus der Touristenbranche; ihre Realität ist zwar in der Provence zu finden, auch ihr Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Doch wer kann und will schon an Weihnachten in die Provence reisen. Statt dessen kommt bestenfalls ein „Châteauneuf du Pape“ auf den Weihnachtstisch, bei anderen „nur“ ein „Côtes du Rhône Village“, Mutige versuchen es mit einem „Cairanne“, „Rasteau“, „Valréas“, „Beaumes de Venise“ oder gar mit dem Gewächs vom Mont Ventoux, dem Berg der Berge für die „Grande Boucle“. Man erinnert sich an Orte wie Gigondas und Vacqueyras, am Fuß der Dentelles de Montmirail. Vielleicht – wer weiß – beherzigt man auch den kürzlich im Magazin geäußerten Rat: es mit „authentischen, ehrlichen Weinen auf sehr beachtlichem Niveau“ zu versuchen, „die – zumindest bei uns – noch so gut wie unentdeckt sind“, Weine aus Duché d'Uzès, dem Herzogtum von Uzès. Ein kleines kulturelles Prunkstück aus dem Herzen dieses Weingebiets empfängt uns auch in der Santonskrippe, das Kirchlein von Bourdic.

Das Kirchlein von Bourdic, mitten im Weingebiet des Herzogtums von Uzès

Wer kommt schon auf die Idee, seine eigenen Lebensträume (und die Provence kann einer sein!) als Wein an Weihnachten einzuschenken. Natürlich, es gibt noch so viele andere Lebensträume und mit ihnen noch viele andere Weine, nicht nur die Südfranzosen. Die „Kleinen Heiligen“ können nur stumme Zeugen sein, Erinnerungsstücke an eine Kultur, die in einem großen Weingebiet eben Alltag ist. Dort, wo die Gitanes, die Zigeuner, von Ort zu Ort ziehen, wie bei uns; wo Wein angebaut, gelesen und ausgebaut wird, wie bei uns; wo historische Handwerkerberufe am Aussterben sind, wie bei uns; wo es Schafweiden gibt, die aber immer mehr verschwinden, wie bei uns; wo die Weine aber nicht gleich schmecken, wie bei uns und die Landschaft anders ist als bei uns und das Wetter und die Menschen und die Farben und die Spiele und das Brot, und die Trachten ...

Petanque, das „Nationalspiel“ des Südens. Ein Stück Volkskultur, deren Geist wir im Wein wieder erkennen können

Und darum geht es: Die Santons stehen nicht einfach so herum. Sie sind in viele kleine Szenen gegliedert, die Geschichten erzählen. Geschichten aus dem Leben, Geschichten vom Weinen, Geschichten vom Feiern und Trinken: „Dort gehen an Weihnachten alle Bewohner zur Krippe: der Bäcker, der Richter, der Briefträger, der Jäger, der Fischer, der Pirat…“, ja, alle, auch „kleine Nichtheilige”, darunter auch Weinsünder! Sie kommen aus aller Welt – auch aus unserer. Es gibt zu jeder Figur eine kleine Geschichte, wie es zu jedem Menschen und zu jedem Wein Geschichten gibt. Sie erzählen alle vom Leben und sie sind alle beseelt vom gleichen Ziel, nämlich der Freude, dem Glück zu begegnen.

Die Winzer im Rebberg

Das Sinnbild gefällt mir, spätestens seit ich auch Trinker auf dem Weg zur Krippe angetroffen habe. Als „Weingenießer” bin ich überzeugt, unter den 500 traditionellen Santons-Figuren kann ich auch jenem Weinfreak begegnen, der nur Parker- und andere Punkte verschluckt, aber auch jenem, der nur beim Discounter sein Weinglück finden kann, und sogar jenem der das Weinforum aus irgendeinem Grund verlassen hat.

Der Küfer

Ich wünsche allen ein wunderschönes Weihnachtsfest. Und wie gesagt, wer auch immer einen kleinen Santon antrifft, halte ihn nicht an, sondern marschiere einfach mit, zur Krippe. Dort gibt es auch Wein, guten sagt sogar die Bibel. Und ich weiß dies, auch wenn ich wohl noch lange kein Santon bin. Im Gegenteil: in Sachen Wein schon eher ein Wiederholungstäter!

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig

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