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22.06.2009
Rosige Zeiten
Von Chiaretto bis Rosato - Wie eine Weintypologie ganz Italien vereint
Von Katrin Walter
Leserkommentare (bisher 3)

Genau zum richtigen Zeitpunkt kommt die freudige Nachricht aus Brüssel, dass die Mischung aus Weiß- und Rotwein doch nicht in die europäischen Produktionsrichtlinien für die Erzeugung von Rosé Einzug hält. Gerade rechtzeitig vor der zweiten Ausgabe der "Italia in Rosa", die vom 26. bis 28. Juni 2009 in Moniga del Garda, der "Hauptstadt des Chiaretto", stattfinden wird. "Rosige Zeiten also für Chiaretto?", fragte Katrin Walter (KW) während der vergangenen 60. Fiera di Polpenazze den Präsidenten des Konsortiums Garda Classico, Sante Bonomo (SB).

Messe Polpenazze: Vor allem die Bio-Produzenten waren am Abend von jungen Leuten umlagert. 25 Prozent der Weinproduktion im Garda Classico ist bereits Bio

SB: Diese Entscheidung aus Brüssel lässt uns natürlich aufatmen, denn gerade hier im "Reich des Chiaretto", im Bardolino und Valtènesi haben wir eine lange Tradition der Herstellung von Rosé, der am Gardasee Chiaretto heißt.

KW: Woher kommt eigentlich der Begriff "Chiaretto"? Er wird nur im Norden, im Piemont und hier am Gardasee benutzt. Sonst nennt man einen Roséwein in Italien ja "Rosato".

SB: So genau ist das nicht bekannt. Ja, am Gardasee sagen wir niemals Rosato zu diesem Wein. Wahrscheinlich, weil die Tradition sich an den des französischen Clairet anlehnt, die uns der Senator Pompeo Molmenti 1896 bescherte.

KW: Da gibt es doch so eine sympathische Geschichte zu seiner Entstehung.

SB: Es heißt, wir verdanken das "Rezept des Chiaretto" dem venezianischen Senator Pompeo Molmenti. Er war Rechtsanwalt und arbeitete auch als Lehrer für Schöne Künste, als Romancier und Journalist. Sehr bekannt sind seine Chroniken der Geschichte der venezianischen Adelsfamilien. Er wurde 1852 in Venedig geboren und kam im Jahre 1885 in das Valtènesi, wo er Amalia Brunati heiratete, die Tochter einer reichen Familie aus Salò, die in Moniga elf Hektar mit Reben bestockt hatte. Die Intuition von Molmenti soll ihm während einer Reise nach Frankreich gekommen sein. In Paris hatte er die französischen Rosèweine sehr schätzen gelernt. Zurück am Gardasee experimentierte er um 1896 mit dem neu Gelernten. Dabei ließ er die roten Trauben vom Landgut seiner Frau für nur wenige Stunden in Kontakt mit den Traubenschalen und vinifizierte sie dann wie einen Weißwein. Er schuf so das Verfahren, mit dem wir noch heute - in weiter entwickelter Form - arbeiten.

Giovanni Avanzi, einer der Vizepräsidenten des Garda Classico, erklärt für das örtliche TV die Prozedur der Roséweinproduktion

KW: Also schon damals eine interregionale Partnerschaft.

SB: Ja, die Tradition verbindet beide Seiten des Gardasees. Damals allerdings gab es diese Grenzen noch nicht, denn einst dehnte sich das Herrschaftsgebiet von Venetien bis nach Adda aus, umfasste ganz Brescia und Bergamo. Unter religiösem Gesichtspunkt gehören wir hier im Valtènesi immer noch zur Diözese von Verona. Das heißt, dass die venezianische Tradition wichtige Zeichen hinterlassen hat. Das sieht man heute beim Chiaretto, der allerdings auf unserer lombardischen Seite vor allem auf Basis von Groppello mit etwas Barbera, Marzemino und Sangiovese entsteht und im Bardolino, auf der Seite Venetiens, auf Basis von Corvina mit etwas Rondinella, Molinara, Rossignola, Barbera, Sangiovese, Marzemino, Merlot und Cabernet Sauvignon.

KW: Durch die anhaltende Nachfrage nach Roséweinen, verkauft sich da auch der Chiaretto besser?

SB: Wir verkaufen ihn sehr viel besser als noch vor ein paar Jahren. Wir produzieren auch mehr. Die Fläche hat sich in den letzten 5 Jahren um 35% erhöht.

Im Garda & Vino-Shop in Moniga kann man ganzjährig nicht nur Chiaretto finden

KW: Zu Lasten von?

SB: Nein, es handelt sich um Neubepflanzungen von vormals verlassenen Rebflächen.

KW: Wegen der vermehrten Nachfrage nach Rosè?

SB: Einerseits, aber auch weil das Bewusstsein unserer Winzer gestiegen ist und unsere Projekte auf Konsortiumsebene ihnen Mut machen. Wir können dank der Verbesserungen in den Rebanlagen der alten Flächen und der Verbesserungen in der Weinbereitung heute andere, qualitativ höherwertige Weine auf der Basis unserer Groppello-Traube anbieten. Und unsere Produzenten haben entschieden, dabei mehr auf Chiaretto zu setzen.

KW: Ja aber wir reden ja nur von einem Teil der Produktion, denn für Chiaretto werden doch nur circa 30% des Mostes mittels der Salasso-Methode abgezogen und der Rest geht in die Rotweinproduktion, richtig?

SB: Ja, man entscheidet zum Zeitpunkt der Ernte, ob man Rosso oder Chiaretto keltern will. Also sagen wir mal so, Rosso (Rotwein) wird auf jeden Fall gemacht, auch von dem verbleibenden Most nach der Entnahme eines Teils für den Chiaretto. Früher optierte man eher zu Rotwein, ohne einen Teil des Mosts für den Chiaretto wegzunehmen. Heute entscheiden sich immer mehr Winzer auch für Chiaretto. Er wird zwar etwas weniger Rotwein gemacht aber im Weinberg ändert sich nichts, denn die Traubenmischung bei Chiaretto und Rotwein Garda Classico ist die gleiche.

KW: So wird der Rotwein dann auch besser und erhält mehr Struktur, wenn ihm ein Teil des Mostes genommen wird und das Verhältnis der Maische zum Most verschiebt?

SB: Also so einfach ist das nicht. Das ist eine Frage des Gleichgewichts. Der Rotwein braucht auch alle Komponenten. Man kann ungefähr 25 bis maximal 35% des Mostes für den Chiaretto abziehen. Das braucht man auch, um einen guten Chiaretto zu machen. Und für den Rotwein muss man mit der Masse weiterarbeiten und weitere rote Trauben hinzugeben, so dass am Ende der Anteil des entnommen Mostes prozentual wieder sinkt.

Wenn man den frischen Most (mosto fiore) wegnimmt, ist es richtig, dass der Rest mehr Struktur und Farbe erhält aber er wird auch tanninreicher. Darum ist es notwendig zu vermitteln, um zu einem eleganten Wein zu gelangen. Und dann gibt es technische Grenzen, die man nicht überschreiten kann. Die variieren von Jahr zu Jahr in Abhängigkeit vom Ertrag, den Eigenschaften der Beeren et cetera. Man kann nicht so viel Chiaretto produzieren, wie man will. Es ist eine wahre Kunst, ein Maximum an Aromen und ein Minimum an Farbe heraus zu ziehen.

KW: Was macht denn nun einen guten Chiaretto aus? Was sollte man in diesem Wein suchen oder besser finden?

SB: Chiaretto ist ein frischer, junger Wein aber mit Struktur und Substanz. Bei uns im Valtènesi hat er fruchtige Noten nach Erdbeeren, Himbeeren und vor allem Walderdbeeren und dazu eine einladende Würzigkeit von Zimt und Gewürznelken. Hinzu kommt eine salzige Note, die von unserem moränischen Boden stammt, der aus verschiedenen Gesteinsschichten besteht, die sich in der Eiszeit und durch Ablagerungen gebildet haben. Also die Fruchtigkeit, eine gute Säure, die den Speichelfluss anregt, diese gewisse Salzigkeit, das sind die Faktoren, die man finden sollte und die diesen Wein zu einem angenehmen Essensbegleiter machen. Diese Annehmlichkeit und der Spaß beim Trinken kommen mir in manchen Bewertungen etwas zu kurz. Die Küche wird immer leichter, aber Weine, die zu moderner Ernährung passen, werden bei Verkostungen oft niedrig bewertet.

KW: Und wie kombiniert man ihn am besten?

SB: Der Chiaretto ist ideal zum Fisch aus dem Gardasee, der etwas aufwendiger, gewürzt und mit Saucen zubereitet wird. Restauratoren, Gourmets und Weinliebhaber sind sich einig über die große Vielseitigkeit eines Chiaretto, seine Facetten, die verschiedene Geschmackskomponenten beim Essen ergänzen. Als Wein von großer Jugendlichkeit und Frische bevorzugt er genau so frische Produkte. Typisch sommerlich passt er ausgezeichnet zu den klassischen Gerichten der heißen Jahreszeit wie Schinken mit Melone oder einem Caprese-Salat (Mozzarella, Tomaten und Basilikum), Pasta mit Soßen auf Basis von Tomaten, mit Fisch und mit Fleisch, besonders Geflügel aber auch zu Gegrilltem, überall dort, wo man Struktur und Frische gemeinsam braucht.

KW: Das können ja die Besucher dann auf der kommenden "Italia in Rosa" selbst ausprobieren.

SB: Das ist richtig. Es werden circa 260 Weine zur Verkostung bereitstehen, von über 200 Produzenten aus 18 Regionen Italiens, also noch ein paar mehr als bei der ersten Ausgabe dieses Festivals 2008. Man erhält wirklich einen sehr guten Überblick über Roséwein generell, die unterschiedlichen Weinstile und den Ausdruck der unterschiedlichen Rebsorten und Böden Italiens.

Italia in Rosa 2008: Produzenten, Journalisten und Fachpersonal beim Verkostungsstart

KW: Wird es dieses Jahr ein großes Fest, das die Brüsseler Entscheidung feiert, denn immerhin haben ja die Unterschriftenlisten aus Frankreich und Italien zum Sinneswandel und Beibehalten der traditionellen Roséweinherstellung aus roten Trauben in Europa beigetragen.

SB: Ein Fest ist bereits der Veranstaltungsort, die Villa Bertanzi in Moniga del Garda mit Blick direkt auf den See. Es ist übrigens der Ort, an dem die erste Weinbereitung eines Chiaretto im Valtènesi stattgefunden haben soll, damals 1896.

KW: Wie sieht es mit ausländischer Beteiligung aus?

SB: Als Besucher sind alle herzlich willkommen. Auf Ausstellerseite werden wir in diesem Jahr zum ersten Mal auch einen Vertreter aus der Champagne und einen aus Südafrika begrüßen dürfen. Am Samstag werden zusätzlich für die Presse und Fachleute einige wichtige Vertreter der Regionen in Kurzvorträgen ihr Herangehen an die Weinbereitung in Rosa erläutern. Zudem präsentieren wir eine Studie zum kommerziellen Erfolg dieses Typs in Restaurants und im Handel sowie einen wissenschaftlichen Vortrag zur Problematik der "sur lie" ausgebauten Rosés. Die Vorträge gibt es allerdings nur auf Italienisch.

KW: Wie sind denn die Öffnungszeiten, falls jemand kurzfristig in Ihre rosa Welt eintauchen will?

SB: Das Festival ist für das Publikum am Samstag von 17.00 bis 23.00 Uhr und Sonntag von 17.00 bis 22.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet pro Tag und Person 15,00 Euro. dafür kann man alle Weine verkosten und auch einige lokale Spezialitäten - also die Kombination Essen und Wein - und sich einen wundervollen Überblick über die Roséweinproduktion von ganz Italien verschaffen.

KW: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihr Festival.

(Fotos: Katrin Walter)


Katrin Walter

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