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22.06.2009
Rheinhessen hat landschaftlich nichts zu tun mit dem, was man unter "Rhein-Romantik" versteht (Carl Zuckmayer)
Der fröhliche Weinberg
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 4)

Gestern bin ich zurückgekehrt von einer viertägigen Weinreise durch Rheinhessen. Heute liegen Carl Zuckmayers Lebenserinnerungen „Als wär‘s ein Stück von mir“ auf meinem Pult. Angeregt durch das Weindorf Nackenheim – Geburtsstätte des Schriftstellers – suche ich in meiner Bibliothek den „Fröhlichen Weinberg“, das Bühnenstück, in welchem Winzer, Schiffer und Kleinbürger gesellschaftskritisch porträtiert werden. Ich finde das Buch nicht, dafür blättere ich in der Biographie des Schriftstellers, die er 1966, zehn Jahre vor seinem Tod, geschrieben hat. Da finde ich wunderschön umschrieben, was ich vier Tage in einer mir wenig bekannten Gegend angetroffen, intensiv erlebt und empfunden habe: eine einprägsame Landschaft, in der viele Reben stehen.

Unterwegs in Rheinhessen - durch grüne Auen und rebbestockte Hügel

Die Gegend zeigt in ihrer starken, besonnten Fruchtbarkeit ein äußerst einfaches, nüchternes Gepräge. Die Rebstöcke stehen ordentlich und brav, die Obstbäume in Reihen gegliedert, alles Land ist Nutzland, und nur der rötliche Hautglanz der Erde verrät etwas von ihrem heimlichen Heißblut, von ihrem gezügelten Temperament.“ Ja, es ist genau diese Landschaft, die mich fasziniert hat, obwohl sie, wie Carl Zuckmayer schreibt, gegenüber der geschichtlichen Bewegtheit seit Jahrhunderten „gelassen und anspruchslos“ geblieben ist. Als Weinliebhaber fährt man zwar kaum wegen der Landschaft in ein Weingebiet, vielmehr um die Weine und Winzer kennen zu lernen, um Weingüter zu besuchen, um Wein an authentischen Orten zu genießen. Auch wir sind aus diesem Grund nach Rheinhessen gefahren, haben unsere Zimmer im „Himmelacker“ des Weinguts Storr in Dautenheim bezogen und fünf der bekanntesten Weingüter der Gegend besucht.

"Zum Himmelacker" auf dem Weingut Storr in Dautenheim. Ein typisches Winzer-Hotel

Ich gebe zu, mehr als all diese längst ritualisierten Hofbesuche haben mich zwei Dinge berührt: die Landschaft und die – meist nächtlichen – Begegnungen mit Winzervater „Storr“ – dem „alten Herrn“ auf dem Weingut – der den Alltag eines rheinhessischen Winzers – bei einem Glas Wein – treffend, knapp, knorrig, aber auch listig zu beschreiben weiß.

Am letzten Abend, es ist schon nach Mitternacht, kommen wir von einer Degustation zum Winzerhotel zurück. Da ist Vater Storr noch auf den Beinen. Wir setzen uns an einen Tisch im großen Hof – unter freiem Himmel – und öffnen noch zwei mitgebrachte Flaschen: echte Burgunder. Der Kommentar des Winzers: „nicht schlecht – gut gemacht – der zweite Wein war der bessere….“ Dann aber verschwindet er im Keller, mit der Bemerkung: „ich hole noch etwas, was eigentlich niemand mehr trinken will“ und er kommt mit einer verstaubten 0,5 Liter-Flasche – ohne Etikette – zurück. „Probieren wir mal!“. Mutig, denke ich, nach den beiden recht hochbewerteten Burgundern noch einen einheimischen Wein aufzutischen, einen Roten, der ein gewisses Alter nicht verbergen kann. Wir stecken unsere an diesem Abend durch mehr als 25 Weine besonders geprüfte Nase in das Glas. Wir nehmen kleine Schlückchen, versuchen den Wein im Mund zirkulieren zu lassen, im Gaumen festzuhalten, Rebsorte, Jahrgang und vor allem Genussfreuden zu bestimmen. Fast hoffnungslos, zu dieser Zeit, unter diesen Umständen.

Vater Storr bei einer der nächtlichen Weinbegegnungen

Doch, ich bin irgendwie gerührt, betroffen, in meiner Liebe zum Wein eingeholt. Nicht in der Art des üblichern „Wow“, wenn etwas ganz Großes im Glas ist und bei dem der Winzer, bei dem wir noch eine Stunde zuvor zu Gast waren, ausgerufen hätte: „ganz geiler Stoff“, nein, beeindruckt durch die Präsenz, die Ehrlichkeit, die Nachhaltigkeit eines „kleinen Weins“, der die Handschrift des Winzers, die Spuren des Bodens, den Ausdruck einer Landschaft, den Willen, etwas ganz Spezielles zu machen, deutlich zu erkennen gibt. Der Wein ist „nur“ ein Portugieser. Aber ein ganz besonderer. Er wurde im Jahr 2002 anlässlich der Premiere der Tanzperformance „Die gefiederte Schlange“ von Michaela Isabel Fünfhausen, uraufgeführt in der Theaterscheune des Weingutes, speziell gekeltert, in kleine Flaschen abgefüllt, mit einem eigens dafür kreierten Etikett versehen und den Zuschauern angeboten.

Weinetikette

Ich meine plötzlich zu spüren, zu erleben, dass ein Wein nicht nur Genuss bringen kann (mit Punkten zu honorieren), sondern im besten Fall auch ein Stück erlebbare Kultur vermittelt. Die Viertelstunde, in der wir diesen Wein zum Abschluss unserer Rheinhessen-Reise getrunken haben, ist für mich ein Höhepunkt geworden. Ich vermute, der Winzer hat dies gespürt, denn er gibt mir zum Schluss die kostbare Etikette, die nicht auf die Flasche geklebt ist, sondern als Erinnerung neben den letzten Flaschen gelegen hat, mit den Worten: „halten Sie sie in Ehren!“. Dies werde ich tun, denn sie bleibt für mich das Symbol einer Begegnung, nicht in erster Linie mit kostbaren Weinen und hochgelobten Winzern, sondern mit einer Landschaft, in der – guter und auch weniger guter – Wein gemacht wird. Mit einer Landschaft und dem darin eingebetteten Alltag von Menschen, auch Winzern, die durch die Landschaft geprägt sind. Schon auf der Fahrt von Mainz ins Weingebiet nehme ich dies – wohl unbewusst – wahr, denn ich knipse unermüdlich vom Auto aus, knipse und knipse, Bild um Bild, halte Eindruck um Eindruck fest.

Unterwegs: klick, klick, klick. Eindrücke festgehalten

Dies zu einer Zeit, in der ich noch keine Ahnung habe, ob ich je etwas über diese Reise schreiben werde. Jetzt, nach der Reise, ist mir aber klar: die Landschaft ist es, die zum Thema der Kolumne werden soll. Ich durchstöbere die einschlägigen Websites und lese da: „Die Eigenheiten der rheinhessischen Weine resultieren aus dem Zusammenspiel von Winzer, Boden, Klima und Relief.“ Genau das ist es, was ich von Rheinhessen mitgenommen habe und jetzt versuche in Worte zu fassen. Aus dem, was ich bisher nur geographisch bestimmen konnte, sozusagen das Dreieck zwischen Worms, Mainz und Bingen, ist für mich zu einem „Weinland“ geworden. Nicht in erster Linie auf Grund der Weine, schon eher durch die Besonderheit der Landschaft, umrahmt vom bewaldeten Mittelgebirge, geprägt durch grüne Hügel und Plateaus, die mit Reben bepflanzt sind und oft dominiert werden von den eleganten modernen Windmühlen, zur Erzeugung von Energie.

Reben, Reben, überragt von eleganten modernen "Windmühle"

Und dann der Kontrast am Rhein, die Rheinfront, mit den Steilhängen aus Sandstein, Kalk und Schiefer, der „rote Hang“ aus rotem Tonschiefer. Oppenheim, Nierstein, Nackenheim. Eben dort, wo der „fröhliche Weinberg“ liegt, dem Carl Zuckmayer ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Das Vorbild einer fiktiven Handlung war das Weingut Gunderloch, wo die Familie Hasselbach bereits in der siebenten Generation zu Hause ist. Wo Klein Anna-Stefanie von der Oma liebevoll gehütet wird, auch wenn Weinliebhaber – fast wie Eindringlinge – unangemeldet zu empfangen sind.

Im "roten Hang" hoch über dem Rhein

Erst wenn man oben steht, hoch über dem Rhein, begreift man das, was Carl Zuckmayer einst schrieb: „An einem Strom geboren zu werden, im Bannkreis eines grossen Flusses aufzuwachsen, ist ein besonderes Geschenk…. Es sind die Ströme, die die Länder tragen und die Erde im Gleichgewicht halten…. Im Strome sein, heißt in der Fülle des Lebens stehen.“

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig

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