
Anläßlich der Präsentation der Ausgabe 2002 des Gambero Rosso führte Marcus Hofschuster das folgende Gespräch mit Raimondo Cusmano vom Auslandsbüro der Vereinigung Slow Food(im Bild links mit dem, was man nach einer ausgiebigen Weinprobe am liebsten trinkt):
Marcus Hofschuster: Der Gambero Rosso Vini d'Italia erscheint seit 1987. Er ist in dieser Zeit erheblich umfangreicher geworden. Haben sich seither auch die Bewertungskriterien geändert?
Raimondo Cusmano: Nicht grundsätzlich. Den Machern des Gambero Rosso ging es von Anfang an um die Verbesserung der Weinqualität in Italien. Bedenken Sie bitte, dass die erste Ausgabe des Buches zu einer Zeit herauskam, als der Weinskandal den italienischen Verbrauchern noch lebhaft im Bewusstsein war. Eine Erwähnung im Gambero Rosso war sozusagen eine neue Legitimation in den Augen der Weintrinker, da sich eine positive Bewertung nur durch deutliche Hinwendung zu qualitativ hochwertigen Erzeugnissen seitens der Produzenten erwirken ließ.
Marcus Hofschuster: Es war sicher ein Risiko, in einer für den italienischen Wein so schwierigen Zeit ausgerechnet einen Weinführer über dieses Thema etablieren zu wollen. Worin liegt der relativ schnelle Erfolg dieses Projekts begründet?
Raimondo Cusmano: Ein wichtiger Punkt ist unsere Zusammenarbeit mit Slow Food, einer Organisation, die bei den Verbrauchern viel Vertrauen genießt. Dadurch bekam der Gambero Rosso den Status eines Kontrollorgans. Den Produzenten blieb gar nichts anderes übrig, als ihre Qualitäten zu verbessern und unlauteren Methoden abzuschwören. Und unsere Leser konnten endlich aus zuverlässiger Quelle erfahren, wo die neuen, guten und sauberen Weine zu finden sind. So entwickelte sich der Führer schnell zum Referenzwerk.
Marcus Hofschuster: Was unterscheidet den Gambero Rosso im Wesentlichen von anderen italienischen Weinführern?
Raimondo Cusmano: Der bedeutendste Unterschied ist das Teamwork von über 100 Verkostern, die aus ganz verschiedenen Gründen mit dem Thema Wein verbunden sind. Das sind Weinjournalisten und anerkannte Weinkenner, dazu Fachleute aus Gastronomie und Handel, aber auch weininteressierte Laien. Dazu kommt, dass die Verkoster in kleine, regionale Gruppen eingeteilt sind. Jeder degustiert in der Region, in der er sich am Besten auskennt. Auf diese Art erhalten wir auch einen erheblich tieferen Einblick in die einzelnen Regionen, als er von einem einzeln oder nur wenigen Verkostern zu erreichen wäre.
Marcus Hofschuster: Es ist schwer zu übersehen, dass auch in Italien viele Weine einer schleichenden Vereinheitlichung unterworfen sind. Durch den häufigen Einsatz von neuem Eichenholz und die Zunehmende Verwendung international verbreiteter Rebsorten scheint der Regionalcharakter vieler Weine langsam auf der Strecke zu bleiben. Dem Gambero Rosso wird oft vorgeworfen, diese Entwickling noch voranzutreiben. Favorisiert der Gambero Rosso einen modernen, internationalisierten Weinstil?
Raimondo Cusmano: Das kann man sicher nicht so sagen. Sehen Sie, in erster Linie soll Wein ja schmecken. Das heißt konkret: in der Blindverkostung kommen diejenigen Weine am besten weg, deren Aromen am ansprechendsten sind. Wenn wir also auf diese Weise die ausgezeichneten Weine hervorheben, kann es durchaus sein, dass sich ein scheinbarer Trend abzeichnet. Das kann an Vorlieben der Tester liegen, ist aber bei der hohen Anzahl der Verkoster und angesichts der vielen verschiedenen Gremien eher Zufall und spiegelt höchstens die Tatsache wider, dass es im modernen Stil eben mehr perfekt gemachte Weine gibt. Dennoch ist bereits heute, wenn man genau hinsieht, eine hohe Aufmerksamkeit den "kleinen" Terroirs und ihrer speziellen Charaktereigenschaften gegenüber erkennbar. Man sieht das besonders an der steigenden Präsenz von bis vor Kurzem völlig unbekannten Terroirs. Beispiele hierfür wären das Valtellina, Sagrantino di Montefalco oder eine ganze Reihe von Weingegenden in Süditalien.
Marcus Hofschuster: Süditalien ist ein gutes Stichwort: ist es nicht so, dass gerade hier oft den ganz oder teilweise aus französischen Rebsorten gekelterten, barriquebetonten Weinen der Vorzug gegenüber jenen aus einheimischen Trauben gegeben wird?
Raimondo Cusmano: Selbstverständlich konnten sich viele im internationalen Stil bereitete Weine auch hier in letzter Zeit durch ihre technische Perfektion durchsetzen. Sie dürfen das jedoch nicht so verzweifelt sehen, wie das manchmal getan wird. Es ist doch nur konsequent, Rebsorten anzubauen, die gute Qualitäten bringen. Mit der Zeit ziehen aber auch autochtone Rebsorten immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Die erfolgreichen Vorreiter aus internationalen Sorten waren und sind aber nötig, um mit ihnen Erfahrungen auf den verschiedenen Terroirs zu sammeln, die dann auf die Autochtonen Sorten übertragen werden können. Ohne den wirtschaftlichen Erfolg, den die modernen Weine bringen, wäre das kaum in diesem Ausmaß möglich.
Marcus Hofschuster: Es wird den Machern des Gambero vorgeworfen, sie würden die Produzenten offen dazu anhalten, neues Holz einzusetzen. Ist das zutreffend?
Raimondo Cusmano: Nein! Ich glaube auch, dass stark holzbetonte Weine in vielen Gegenden, wie zum Beispiel dem Piemont, keinen langen Weg gehen werden. Vielerorts wird man sich zunehmend auf den Ausbau im Stahl besinnen. Diese Entwicklung ist bereits Heute in Ansätzen zu beobachten.
Marcus Hofschuster: Kein anderes Weinland der Welt verfügt über ein auch nur annähernd umfangreiches Arsenal autochtoner Rebsorten. Dennoch werden immer mehr ausländische Sorten importiert. Halten Sie das für sinnvoll?
Raimondo Cusmano: Es ist sinnvoll, solange man das Terroir respektiert. Wer zum Beispiel auf die Produktion eines klassischen Chianti zugunsten von Weinen aus Cabernet Sauvignon oder Merlot verzichtet, erntet auch von uns Kritik.Solange er aber diese Art Wein nebenher produziert und das spezielle Terroir mit seinen originären Rebsorten nicht vernachlässigt, gibt es daran nichts auszusetzen.
Marcus Hofschuster: Die Organisation Slow Food ist bekannt für ihr Engagement um von der Vergessenheit und dem Massengeschmack bedrohte regionale Spezialitäten. Gibt es etwas ähnliches auch beim Gambero Rosso?
Raimondo Cusmano: Der Weinführer ist natürlich immer zuerst Ausdruck der Meinung unserer Prüfungskomissionen. Und die haben in erster Linie Eines vor Augen: guten Wein. Eine Bevorzugung regionaler Spezialitäten ist so nicht möglich und auch nicht wünschenswert. Doch noch einmal: wenn sie weniger gewissenhafte Personen mit der Aufgabe betrauen würden, den Vini d'Italia zu machen, gäbe es heute möglicherweise keinen Valtellina, keinen Sagrantino und vielleicht nicht einmal einen guten Dolcetto.
Marcus Hofschuster: Worauf wird bei den Verkostungen geachtet?
Raimondo Cusmano: Natürlich spielen Frucht und auch positiver Holzeinfluss oft eine bedeutende Rolle. Dennoch wird mehr und mehr auch auf den Herkunftscharakter geachtet.
Marcus Hofschuster: Wie stehen Sie zum Einsatz von neuen önologischen Methoden, wie beispielsweise der Mostkonzentration?
Raimondo Cusmano: Hier sollte man sich an die Traditionen halten, was überwiegend auch geschieht. Unter den traditionell ausgebauten Weinen gibt es genügend Beispiele dafür, dass neue Methoden nicht notwendig sind, um großen Wein zu machen. Hier werden Maßstäbe gesetzt, die man auch mit Mostkonzentration nicht brechen können wird. Daher hoffe ich, dass die Anwendung solcher Verfahren in Italien nur in Grenzen Zuspruch findet.
Marcus Hofschuster: Glauben Sie wirklich daran?
Raimondo Cusmano: Das tue ich. Wenn wir in 5 Jahren wieder hier sitzen, werden Sie sehen, dass die Entwicklung in Italien den richtigen Weg genommen hat.
Marcus Hofschuster: Vielen Dank für das Gespräch.