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23.01.2008
Quergelesen
Weinqualität neu vermessen: „Weinatlas Deutschland”
Von Manfred Wirbals
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Die „unendlichen Feinheiten der Duft- und Geschmacksnuancen, die Deutschlands Weinberge ihren Gewächsen mitgeben” (Hugh Johnson) verdanken sich einer unendlichen Vielfalt von Landschaften, Böden und klimatischen Verhältnissen in den deutschen Anbaugebieten. Vor allem „Makroklima” (Regionalklima von 10 bis 100 km) und „Mesoklima” (Bereich von einigen 100 Metern) mit ihrem elementaren Einfluss auf Reifung, Alkohol- und Geschmacksbildung sind so vielfältig wie in kaum einem anderen Weinland der Welt. Die renommierten Weinjournalisten Dieter Braatz, Ulrich Sautter und Ingo Swoboda haben es unternommen, diese Vielfalt an Böden, Klimata und Qualitätsstufen in einem neuartigen „Weinatlas Deutschland” als ein Gesamtbild des deutschen Weins zu präsentieren.

Die nach Auffassung der Autoren 538 wichtigsten der insgesamt 2.658 deutschen Weinbergslagen werden in übersichtlich gestalteten Lagenporträts mit Informationen zu Größe, Höhenlage, landschaftlicher Exposition, Steilheit, vorherrschenden Böden und Rebsorten, wichtigsten Weingütern und Besonderheiten detailliert vorgestellt - und visuell in einer eigens entwickelten Kartografie lokalisiert. Dem auf Wein in allen seinen Facetten spezialisierten Fotografen Hendrik Holler ist es gelungen, Regionen und Einzellagen mit ebenso stimmungsvollen wie informativen Aufnahmen zu charakterisieren. Die Kapitel zur Identität einer Lage: „Was einen Weinberg besonders macht” und zur „Weinbaugeschichte” erläutern kundig und konzentriert die Notwendigkeit zur Besinnung auf die Lage und das komplexe Wesen des Terroirs (Lagenumfeld, Bewirtschaftungsweise und Weintypik) - und zeigen die spannenden historischen Entwicklungslinien des Weines von den ersten Weinbau-Nachweisen bis zur heutigen Positionierung deutscher Weine im Weltmarkt. Der Lagenatlas enthält überdies - auch bei anspruchsvollen Weinbüchern leider nicht selbstverständlich - einen beispielhaften Index, der mit dem vollständigen Lagenregister, dem dazugehörigen Ortsregister sowie der Auflistung der wichtigsten Produzenten ein schnelles Nachschlagen erlaubt.

Der Clou des Buches liegt vor allem im fundierten Versuch einer neuen Gesamtdarstellung und Klassifikation der deutschen Weinlagen. Denn die alte Winzerweisheit, wonach die Qualität im Weinberg entsteht, muss bei der Entwicklung und Beschlussfassung des deutschen Weingesetzes von 1971 zugunsten kurzfristiger ökonomischer Interessen - noch dazu aus Gründen der „Vereinfachung” - vollständig verdrängt und ignoriert worden sein. Wie anders ist es zu erklären, dass mit diesem Gesetz unzählige alte und qualitativ bewährte Einzellagen, Gewanne und Weinbergsbezeichnungen verschwunden sind, zweitrangige Lagen Bezeichnungen teils höherer Qualität erhielten und zur vermeintlichen „Vereinfachung” großflächig Weinbergslagen ohne Rücksicht auf Traditionen und Qualitäten zusammengefasst werden konnten?

Zwar hatte der Verband der Prädikatsweingüter Deutschlands (VDP) nach langen Diskussionen auf die „negativen Konsequenzen des Weingesetzes” mit einer eigenen, auf historischen Weinbergskarten basierenden dreistufigen Qualitätspyramide reagiert: Guts- oder Ortsweine, klassifizierte Lagenweine und VDP - Erste Lage. Diese Klassifikation hat - so die Verfasser - immerhin „das große Verdienst, den Blick der Öffentlichkeit zurück auf die Qualität der Weinberglagen gerichtet zu haben.” Dennoch ist sie mit einigen Problemen behaftet; hierzu gehört etwa die Dominanz des „trockenen Geschmacksbildes” bei den Großen und Ersten Gewächsen ebenso wie der Nachteil, dass das VDP-Modell selbstredend nur Mitgliedsbetriebe umfasst und somit bei weitem nicht die große Bandbreite qualitätsorientierter Winzer abdeckt. Demgegenüber stellen die Weinatlas-Autoren ein am Vorbild Burgund orientiertes vierstufiges Modell, das alle 2.658 Weinbergslagen berücksichtigt: 1. „Besonders privilegierte Lagen” (Weintypik als „vorbildliches Nebeneinander von aromatischen und geschmacklichen Merkmalen”, Grands Crus), 2. „Privilegierte Lagen” (Premiers Crus), 3. „Gute Lagen” (Villages-Weine mit Einzellagenerwähnung) und schließlich die Mehrheit einfacher Lagen ohne weitere besondere Auszeichnungen. Die Autoren haben es sich bei der Erstellung der Klassifikation ersichtlich nicht leicht gemacht: Äußerungen von Erzeugern und Händlern flossen ebenso in die Meinungs- und Kriterienbildung ein wie die jeweilige Wertschätzung des Marktes und die umfangreichen eigenen Verkostungserfahrungen, bevor schließlich die Lage selbst aufgesucht wurde: „Am schwersten wog stets ein abschließender Besuch der Weinberge, denn häufig setzten sich erst vor Ort alle Teilaspekte zu einem stimmigen Bild zusammen.”

Dem Autorentrio ist mit dem Lagenatlas, der ebenso kenntnisreich wie anregend das „Spannungsfeld zwischen der Anerkennung einzigartiger Naturgegebenheiten einerseits und dem Respekt vor menschlicher Leistung andererseits” durchmißt, zweifellos ein großer Wurf gelungen. Dies gilt umso mehr, als die Verfasser nicht der Versuchung erliegen, ihr Modell zu verabsolutieren: „Die hier vorgelegte Klassifikation erhebt nicht den Anspruch, vollständig oder gar über jede Diskussion erhaben” zu sein. Gleichwohl soll es zum Verständnis für Spitzenweinbau und für ein positives „Elitedenken” beitragen, das sich darin ausdrückt, „dem ökologischen System Weinberg mit handwerklich sauberen Methoden zu begegnen und deren Anwendung auch streng zu kontrollieren.”

So bleibt zu hoffen, dass der Weinatlas nicht nur einen weiteren gelungenen publizistischen Beitrag zur Beförderung der Weinkultur darstellt, sondern auch eine rege Diskussion zur Neuordnung der deutschen Weinlagen anstößt: „Nach der Arbeit an diesem Atlas wünschen wir uns noch mehr als schon zuvor einen breiten politischen Willen, alle hochwertigen Einzellagen des deutschen Weinbaus sachbezogen und frei von Partikularinteressen in ihrer Ausdehnung festzuschreiben. Nur so ist der Charakter dieser Lagen zu bewahren und mit ihm letztlich auch ein Zugang zum deutschen Wein, der kulturell und nachhaltig ausgerichtet ist statt kurzfristig und kurzsichtig ökonomisch.”

Dieses Buch bei Amazon

Dieter Braatz, Ulrich Sautter, Ingo Swoboda: Weinatlas Deutschland (Vorwort von Hugh Johnson und Jancis Robinson). Hallwag: 2007, München. 280 Seiten, Hardcover (22,5 x 29,5 cm). ISBN 978-3-8338-0638-4. 59,90 Euro.

Manfred Wirbals

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