
Der Betrug am Verbraucher hat in der Lebensmittelbranche System und Produzenten, Handel und Behörden ziehen an einem Strang. Schonungslos konfrontiert der Foodwatch-Gründer und ehemalige Greenpeace-Geschäftsführer Thilo Bode den Leser mit den Missständen in der Nahrungsmittelbranche. Er erinnert an die Skandale der letzten Zeit, deren Zahl und Ausmaß allein schon vor Augen führen, dass von Einzelfällen, verursacht durch wenige schwarze Schafe, die die ganze Branche in Verruf bringen, keine Rede sein kann. Gesetze, die sich nach den Interessen der Produzenten und nicht jenen der Verbraucher richten, legalisieren nicht nur den offensichtlichen Betrug am Kunden, sondern auch dessen schleichende Vergiftung, skrupellose Händler etikettieren ihr Gammelfleisch quasi unter den Augen der Kontrollbehörden zu frischer Ware um und können sich auch nach Aufdeckung ihrer ekelhaften Machenschaften auf Protektion durch die Zuständigen Ämter und die Milde der Richter verlassen. Höchstwerte von Giftstoffen in Gebäck oder Obst und Gemüse werden den Bedürfnissen einer billigen Massenproduktion angepasst, die Gesundheit der Verbraucher spielt kaum eine Rolle. Schlachtabfälle werden quer durch Europa verschoben und landen als Qualitätsfleisch am Ende in unserer Wurst. So wird der Abfall für viele Firmen wertvoller als Frischware, Bestechungs- und Bußgelder machen nur einen Bruchteil dessen aus, was sich an Gewinnen mit dieser abstoßenden Praxis erzielen lässt.
Der gerechte Zorn Bodes ist absolut nachvollziehbar, und auch wenn sein Buch - wie nahezu jedes dieser Art - leichte Überlänge hat, weil sich vieles wiederholt, ist es in einem Rutsch zu lesen. Es ist ein wichtiges, erschütterndes Buch, und man kann nur hoffen, dass es möglichst viele Leser mit seinem Zorn ansteckt. Doch auch wenn Bode den Verbraucher von jeglicher Verantwortung frei spricht und völlig zurecht auch für billige Lebensmittel eine lückenlose Qualitätssicherung fordert, es bleibt zu bezweifeln, ob wirklich jeder Verbraucher wissen will, wie viel Gammelfleisch in seiner Industriewurst steckt, wie viele Zusatzstoffe in seinem Saft, wieviel Gift in seinen Zimtsternen und wieviel Pflanzenschutzmittel auf seinen Tomaten, ob mancher nicht lieber die Augen fest geschlossen hält, wenn sie auf zu machen bedeuten würde, dass die Preise auf ein Niveau steigen, das umweltschonende Produktion möglichst ohne die Gesundheit beeinträchtigende Rückstände ermöglicht.
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Thilo Bode: Abgespeist, Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können, Verlag S. Fischer, ISBN 978-3-10-004307-8, 256 Seiten, 14,90
Wein, Grappa uns Olivenöl
Merum-Gründer Andreas März ist sicher einer der streitbarsten Weinjournalisten Italiens - und das ganz im positiven Sinne. In Merum wird nur das gut bewertet, was März auch wirklich schmeckt. Dabei sind seine Ansprüche ganz "einfach": ein Wein hat authentisch zu sein, seine Herkunft ebenso wiederzuspiegeln wie den Charakter der für ihn verwendeten Rebsorten und die Leidenschaft seines Produzenten. In einer Zeit, in der auch qualitativ hochwertige Weine eher nach einem bei den Verbrauchern vermuteten Einheitsgeschmack produziert werden als im Respekt vor ihrer Herkunft, ist März' Ansatz nicht nur erfrischend, sondern auch dringend notwendig. Hier schwimmt jemand ganz energisch gegen den Strom und kaum ein anderer Weinjournalist wäre in der Lage, diese beschwerliche Reise mit ähnlich treffenden Worten zu beschreiben, wie März selbst das tut. Seine Traktate zu den jeweiligen Anbaugebieten lesen sich trotz ihres kantigen Inhalts ungeheuer süffig und entsprechen damit dem Ideal, das Andreas März von Italiens Weinen vorschwebt: trinkig müssen sie sein, dabei unverwechselbar und tief. Leider bleibt bei den allgemeinen Gebietstexten ein wenig die Bissigkeit auf der Strecke, die wir aus Merum kennen und das ist vielleicht der einzige Nachteil dieses Buches, das ansonsten für Jeden, der wirklich typischen italienischen Wein trinken will und auch darauf aus ist, immer wieder Neues, Unbekanntes zu entdecken, nahezu unerlässlich ist.
Doch damit nicht genug. Fällt einem die Orientierung bei den Weinen zumindest dann noch einigermaßen leicht, wenn man sich auf gute Händler verlassen kann oder die Gebiete des Öfteren bereist, ist man bei Grappa und Olivenöl ohne professionelle Hilfe fast völlig aufgeschmissen. "Vino, Grappa, Olio" dürfte das einzige Werk in deutscher Sprache sein, das einem auch hier wirklich weiter hilft, wenn es darum geht, die Spreu vom Weizen zu trennen.
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Merum: Vino, Grappa, Olio., Merum-Verlag, ISBN: 978-3-033-01408-4, 530 Seiten, 19,90