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08.12.2009
Petite Arvine ist eine Dame,
Farinet ein Falschmünzer
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 2)

Wein ist für mich männlich, grammatikalisch ist dies auch korrekt. Es heißt doch: d e r Wein. Nun bin ich aber einer Dame begegnet, und die ist – wie viele Weine - gar nicht männlich. Doch sie wurde von mir auch nicht sofort als Dame erkannt: la Petite Arvine, die kleine Arvine. Ein Wein aus einer Rebsorte, die (fast) nur noch in der Schweiz, nämlich im Wallis, angebaut wird. Eine sogenannt autochthone Rebe.

La Petite Arvine - die in den Aromen an exotische Früchte erinnert

Nicht einmal der „große Brockhaus“ gibt Auskunft, woher der Name stammt und welche Ahnen die Sorte aufweisen kann. Sauvignon, wie man noch oft liest, ist falsch. Was ist aber richtig? Selbst das von mir geschätzte Wein-Plus-Glossar weiß nicht viel mehr, als dass „der Name sich möglicherweise darauf bezieht, dass die Rebe angeblich einstmals über das savoyische Arvetal in die Schweiz gelangte.“ Kann sein. Tatsache ist, dass die Rebe einst fast in Vergessenheit geriet, heute aber zu den Wein-Juwelen des Wallis gehört, des größten Weinkantons der Schweiz.

Und ich, der ich in deutschen Weinkreisen oft als „Berufsschweizer“ bezeichnet werde, habe dieses „Juwel“ bis heute kaum wahrgenommen. Ignoranz? Vielleicht ein bisschen, vielleicht aber auch Ausdruck einer pauschalen Hochachtung für all die vielen autochthonen Weine, die im Wallis heute noch angebaut und auch recht gut vermarktet werden: Petite Arvine, Cornalin, Amigne, Humagne blanche, Heida, Humagne rouge, Marsanne blanche (Ermitage), Himbertscha, Lafnetscha und wie sie alle heissen. Es gibt im Wallis mehr als 60 Varietäten, und das ist enorm.

Das Rebgebiet um Fully im Unterwallis, die Heimat der „Kleinen Arvine“

Glossar zum Thema
Petite Arvine ist nur eine von ihnen, nach meinem dafürhalten die beste. Doch das ist Ansichtssache! Gefestigt wird meine Behauptung durch einen Besuch in Fully, der „Hauptstadt der Arvine“ (und der Kastanie). Fully? Eine Gemeinde im Unterwallis, die sich aus sieben Dörfern zusammensetzt und rund 6000 Einwohner zählt. Hier wird jedes zweite Jahr das Fest „Arvine en Capitales" durchgeführt, an welchem rund 20 Produzenten aus Fully ihre „Petite Arvine“ präsentieren. Dahin hat es mich kürzlich - mehr oder weniger zufällig – „verschlagen“, zwar während nur knapp zwei Stunden, in eine nüchterne neue Mehrzweckhalle, in der die Degustation stattgefunden hat. Vom Fest selber, von all der Geselligkeit und Tradition, habe ich leider nichts mitbekommen.

Dafür aber vom Wein, von der Dame „la Petite Arvine“. Ein Blick zu den hoch oben angebrachten, kleinen Fenstern hat mich immer wieder daran erinnert, dass diese Verkostung nicht irgendwo stattgefunden hat, sondern inmitten der Heimat der Kleinen Arvine, dort, wo man – laut Fremdenwerbung – „noch von der Natur überrascht werden kann.“

Eine Degustation mitten im Rebgebiet, wo die Kleine Arvine wächst.

Und welche der vielen „Damen“ war nun die schönste, die edelste, die grosszügigste, die liebenswürdigste? Schwer zu sagen, denn ich konnte unmöglich alle besuchen; ich musste eine „Auswahl“ treffen. Gottseidank kannten sich meine beiden Freunde besser aus, so dass ich Zeit hatte, mich auf fünf oder sechs liebreizende Arvines zu konzentrieren. Was lese ich denn da: „Als Mädchen der Sonne und des Windes mit goldbrauner Haut lebt sie wild und wächst an der Felsoberfläche“. Und nicht weit davon entfernt: „Petite Arvine ist rassig und männlich und bringt die Seele mit ihrem blumigen und fruchtigen Geschmack in Feststimmung.“

Ist sie nun weiblich oder männlich? Nun will ich es wissen. Nur mein Gaumen kann mir da verlässlich Auskunft geben. Ich entscheide mich für einen Test bei zwei noch sehr jungen Damen des Winzers Benoît Dorsaz. Sie schienen mir – sehr subjektiv – die schönsten, die besten, die vertrauenswürdigsten zu sein. Fragen Sie mich nicht warum. Es waren für mich einfach die besten beiden Weine, die ich in diesem Rahmen degustiert habe.

Kritisches Prüfen - was lässt sich über die Kleine Arvine sagen?

Benoît Dorsaz bewirtschaftet 5 Hektaren Reben in unterschiedlichen Parzellen (wie dies üblich ist im Wallis) und präsentiert hier zwei trocken ausgebaute Weine: Petite Arvine Les Perches (Stangen), 2008, und Petite Arvine Quintessence, 2007. Und wie es so ist, wenn man eine entzückende Dame trifft - es fehlen die richtigen Worte: aromatisches Bukett von reifen Quitten, Bananen, blumig mit Lindenblüten, Grapefruit, Glydzinie, Zitrusfrüchte, Aromenreichtum, Schmelz, frisch, lebhafte Säure… Nein, kein Prachtsweib, eine feine Dame, die tatsächlich maskuline Eigenschaften hat, wie Kraft, salzige Noten, auch etwas Mineralisches, Steiniges, ja Felsiges….

Nein, ich bleibe dabei, es ist eine Dame, die kleine Arvine; ich vergesse, dass Wein für mich eigentlich doch maskulin ist und denke an die Eigenart der Walliser, die aus einem berühmten Falschmünzer des 19. Jahrhunderts – der die Freiheit und die Damen über alles liebte - fast einen „Nationalheiligen“ gemacht haben. Farinet, der Robin Hood der Alpen.

Hier liegt Farinet begraben – der Robin Hood der Alpen. Mitten in der Heimat der Kleinen Arvine.

Wir standen kurz vor dem Besuch der Damen in Fully an seinem Grab, ein paar Kilometer östlich, in Sailon. Hier wurde er 1880 in „ungeweihter Erde“ verscharrt, dort wo sonst die Mörder begraben werden. 100 Jahre später ist er rehabilitiert worden, zur Symbolfigur für das eigenständige unabhängige Wallis erkoren. Etwas Anarchisches hat er, dieser Farinet, wie ihn der Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz beschreibt. „Ein Verführer ist er, einer, der keine Grenzen anerkennen mag, der mit Blick auf die Berge ausruft: «Aber, was ist Freiheit? … Freiheit ist: zu tun, was man will, wie man’s will, wann man Lust hat.» Farinet, nach dem auch der kleinste im offiziellen Wein-Kataster registrierte Weinberg der Welt (nur 3 Rebstöcke) benannt ist, passt so gut zur anmutigen Arvine. Mir scheint, Farinet und Arvine empfangen gemeinsam all jene, die das Eigenständige der Walliser Weine suchen.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

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