Seit einem Jahr keltert Peter Gago als «Chief Winemaker» des australischen Hauses Penfolds den Kultwein Grange. Er trat den Job in stürmischen Zeiten an: Im Mutterhaus Southcorp brodelt es seit etwa zwei Jahren mächtig. Doch Gago bleibt gelassen.
Vinum: Übernahmegerüchte, Umstrukturierungen, Neubesetzungen im Management. Seit Ihr Mutterhaus Southcorp im Jahr 2001 den grossen Konkurrenten Rosemount übernommen hat, will an der Konzernspitze keine Ruhe einkehren. Wer bestimmt denn zurzeit, wie Penfolds-Weine zu schmecken haben?
Peter Gago: Sie dürfen sicher sein, dass es immer noch die Charakteristiken der Rebberge sind, die unsere Weine prägen, und nicht die Strategien der Manager. Was auf Ebene der Unternehmungsführung und der Aktionäre geschieht, ist eine Sache, Weinmachen eine ganz andere. Bei einem Prestigeunternehmen wie Penfolds wäre kurzfristiges Profitdenken ohnehin die falsche Strategie.
Vinum: Penfolds ist also der Blue Chip im Portfolio von Southcorp?
Peter Gago: Das kann man so sagen. Die internationalen Bewertungen zeigen, dass wir auf allen Qualitätsstufen ausserordentlich gute Weine produzieren. Und wir haben uns klar positioniert: Unser günstigster roter Blend, der Rawsons’s Retreat, kostet zehn Euro. Wir bewegen uns also nicht im Billigsegment, in dem momentan ein extremer Verdrängungswettbewerb herrscht.
Vinum: Auch Legenden sind nicht mehr unantastbar. Mondavi hat angekündigt, seinen guten Namen zur Vermarktung neuer, sehr preisgünstiger Weine einzusetzen. Wann bekommen Sie den Auftrag, einen Penfolds für vier Euro zu kreieren?
Peter Gago: Ich weiss nichts von solchen Plänen. Penfolds hat immer auf Kontinuität gesetzt und ist bisher gut damit gefahren. Ich bin beispielsweise erst der vierte «Chief Winemaker» seit 1948.
Vinum: Trotzdem, der Markt ändert sich. Und mit ihm wahrscheinlich auch Penfolds?
Peter Gago: Kontinuität und Innovation schliessen sich nicht aus. Wir experimentieren mit Trauben aus neuen viel versprechenden Anbaugebieten wie Robe oder Borderton, beide in Südaustralien. Wir haben neue Sorten wie Pinot noir oder Sangiovese angepflanzt. Und wir verfolgen, wie sich unsere Weine in russischen oder ungarischen Eichenfässern entwickeln.
Vinum: Haben diese Experimente schon zu Veränderungen in Ihrer Weinpalette geführt?
Peter Gago: Wir haben zwei traditionelle Sémillons vom Markt genommen. Die Sorte hat zwar in Australien eine lange Tradition, findet aber auf den Exportmärkten nur schwer Akzeptanz. Dafür werden wir demnächst erstmals einen hochklassigen Cellar Reserve Barossa Valley Grenache für rund 35 Euro die Flasche lancieren. Ich bin sicher, die Grenache-Traube hat ihren qualitativen Zenit in Südaustralien noch nicht erreicht.
Vinum: Ihr Vorgänger John Duval hat das Unternehmen recht überraschend verlassen
Peter Gago: John war 28 Jahre für Penfolds tätig, davon 16 Jahre als Chefönologe. Er gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der australischen Weinszene. Wer mag es ihm verargen, wenn er sich nun vermehrt eigenen Wein-projekten widmen will?
Vinum: Interessant ist, dass sein Abgang zu einer Zeit erfolgte, als die Fluktuation in der Southcorp-Chefetage zunahm und die Übernahmegerüchte lauter wurden.
Peter Gago: Kann sein, dass die zunehmende Unruhe auf dem australischen Weinmarkt seinen Entschluss beeinflusst hat. Allerdings ist John auch heute noch als Berater für Penfolds tätig. Von einem Zerwürfnis kann also nicht die Rede sein.
Vinum: In Spanien hat die Weinlegende Vega Sicilia enorme Konkurrenz bekommen und muss sich den Ruhm inzwischen mit anderen Gewächsen teilen. Der Grange steht dagegen immer noch einsam über dem Rest der australischen Premium-Weine. Wieso?
Peter Gago: Der Grange hat eben Geschichte geschrieben. In einem Weinland, das nicht mit der gleichen Vergangenheit aufwarten kann wie Frankreich oder Italien hat das eine besondere Bedeutung. Viele sehen allein im eigentümlichen Etikett des Grange ein australisches Wahrzeichen, etwa so wie den Ayers Rock. Inzwischen haben - mit Schützenhilfe von Robert Parker - aber auch andere australische Weine Kultstatus erreicht, etwa der Three-Rivers-Shiraz von Chris Ringland oder der Duck-Muck-Shiraz des Wild Duck Creek Estate. Allerdings sind sie in den USA bekannter als bei uns in «down under». Zudem werden sie in unglaublich kleiner Menge produziert und entspringen einer völlig anderen Konzeption als der Grange.
Vinum: Wie unterscheidet sich der Grange in der Konzeption denn von den anderen Kultweinen?
Peter Gago: Die französischen, spanischen und zunehmend auch die kalifornischen Kultweine stammen aus einer einzelnen Lage. Der Grange dagegen verkörpert das uraustralische Prinzip des «multi-regional wine». Das heisst, die Trauben für den Grange kommen aus verschiedenen Weinbergen in verschiedenen Regionen. Besonders wird er erst durch die Kunst der Selektion.
Vinum: Können Sie das etwas genauer erklären?
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Wir erfinden den Grange mit jedem Jahrgang neu. Glauben Sie mir, das kann einen ganz schön nervös machen
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Peter Gago: Am Anfang steht eine Reihe von Rebbergen, die wir für «Grange-würdig» halten. In diesen ernten wir die Trauben, und zwar streng getrennt Block für Block. Die Trauben aus jedem Block werden separat in kleinen, oben offenen Bottichen vergoren. Danach reifen all diese verschiedenen Partien in Barriques aus neuem amerikanischem Holz. Schlussendlich selektionieren wir in einem minutiösen Verkostungsprozess für den Grange diejenigen Weine aus den Barriques, deren Qualität uns restlos überzeugt. Das Ganze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Kreation eines Jahrgangs-Champagners. Was dann schliesslich als Grange verkauft wird, sind vielleicht noch fünf bis acht Prozent von dem, was wir anfangs für diesen Wein ins Auge gefasst haben. Je nach Jahrgang produzieren wir zwischen 50000 und 100000 Flaschen.
Vinum: Wenn man so aus dem Vollen schöpfen kann, sollte ja eigentlich nichts mehr schief gehen.
Peter Gago: Betrachten Sie’s mal von der anderen Seite: Einen Romanée-Conti zu vinifizieren ist insofern einfach, als von Anfang an klar ist, aus welchem Rebberg der Wein kommt. Der Grange dagegen existiert vor der Ernte nicht. Erst danach nimmt er schemenhafte erste Züge an. Mit anderen Worten, wir erfinden den Grange mit jedem Jahrgang neu. Glauben Sie mir, das kann einen ganz schön nervös machen.
Vinum: Ich nehme an, Fragen über den australischen Bodybuilder-Weinstil gehen Ihnen allmählich mächtig auf die Nerven.
Peter Gago: Es ist eine sinnlose Diskussion. Die banale Wahrheit ist: Es gibt überall auf der Welt gute und schlechte, interessante und uninteressante Weine. Als wir 1995 erstmals den Spitzen-Shiraz RWT lancierten, sprach die ganze Welt von einem französisch inspirierten Wein. Tatsächlich wird er nach französischer Philosophie ausgebaut und reift einzig in französischer Eiche. In Vergleichsverkostungen wirkt er aber oft opulenter, voller, beeriger, würziger als unser St-Henri-Shiraz. Dieser wird nach uraustralischer Manier hergestellt, verkörpert aber eher den fleischig-maskulinen europäischen Stil. Alles klar nun?
Peter GagoDer 46-jährige Chefönologe von Penfolds wurde in England geboren und kam 1963 mit seinen Eltern nach Melbourne. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Mathematik- und Chemielehrer. Interesse an Wein hatte er schon damals. Als Mitte der 80er Jahre der australische Weinboom einsetzte, entschied sich Peter Gago, am Roseworthy Agricultural College ein Önologiestudium zu absolvieren. 1989 kam er zu Penfolds und arbeitete dort erst im Schaumweinsektor. Vier Jahre später wechselte er zum Rotwein und arbeitete eng mit dem damaligen «Chief Winemaker» John Duval zusammen, auf dessen Posten er 2002 aufrückte. Die beiden vinifizierten nicht nur eine Reihe hochklassiger Grange-Jahrgänge, sondern entwickelten auch neue Superpremium-Weine wie den RWT. Zu Gagos persönlichen Favoriten in der Penfolds-Weinpalette gehört der Bin 389, ein Blend aus Shiraz und Cabernet, der in Australien auch «the poor man’s Grange» (der Grange für Arme) genannt wird. Ausserdem sammelt er Penfolds-Raritäten - in seinem Keller liegen sogar ein paar Flaschen des legendären 55er Grange, mit dem Grange-«Erfinder» Max Schubert das ausserordentliche Renommee dieses Weins begründete. Peter Gago ist auch Mitverfasser von drei Weinbüchern |
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