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Onkel des Krieges
Von Andreas Bürgel
Leserkommentare (bisher 1)
Mit beiden Händen schaufelte sie die Päckchen aus dem Einkaufswagen. Auf dem Band vor der Kasse häuften sich Tiegelchen, Fläschchen, Döschen. Placento-SoapOpera, das sanfte Bügeleisen für die ersten Falten. Dermato-Letal, der individuelle Sonnenbrand aus der Tube. Environment Cream. Wahrscheinlich für das Einfetten der unmittelbaren Umgebung. Ich kenne mich nicht aus...

"Haaiiiyh", säuselte es aus der vom Eingang heran eilenden sonnenverbankten Männlichkeit, "langenichgesehen und gutsiehsteaus!" Die Hoffnung der Kosmetikindustrie säuselte nun ihrerseits zurück. Wie sehr das auch auf den Ankömmling zuträfe. Und daß man da ja beiderseits nichts dem Zufall überlasse.
Mit gedämpfter Stimme fügte sie verschwörerisch hinzu: man sei ja schließlich bereits jenseits der Vierzig.
Aber doch, stolz sei man auf die eigene Erscheinung, und bitteschön: nicht zu unrecht.
Und dann drehte sie sich um.

War das Eintreffen des Männchens mit der typischen Knitterpapierröte des Turbo-Sonnenbank-Abos im Gesicht schon erst einmal vom ganz persönlichen, quasi individual- ästhetischen Standpunkt aus für mich hart zu verarbeiten
gewesen, so war das Gemälde, was sich hier zwischen Stirnende und Kinnspitze präsentierte, schlichtweg ... atemberaubend.
"Palimpsest", schoß es mir durch den Kopf.
Nein, nicht der schwarze Tod. Du weißt doch: so eine bedeutungsvolle Handschrift, die - um die eigentliche Information Unbefugten zu verbergen - über eine andere aufgetragen wurde.
Aber, die Frage, ob sich eine andere Information unter dem Schlaglicht des Offensichtlichen verbergen wollte, stellte sich mir nicht. Vor dem Glitzern des Selbstgefallens in den Augen der Frau kapitulierte ich gedanklich und
auch sonst.
Schnell wandte ich den Kopf. Der Medusa-Reflex, vielleicht.
Die Stimmen entfernten sich.
Untergehakt und sichtlich stolz entschritt die Grilltomate mitsamt der Leinwand.
"Stolz ist der Onkel des Krieges", hallte es in meinem Kopf mit jedem Schritt.

Am Abend des Tages besuchte uns einer meiner ältesten Freunde.
Er lebt in Prag, und ist so nett, uns über einen Teil des tschechischen Weinbaus auf dem Laufenden zu halten.
Auch dieses Mal packte er Flaschen aus.
Er sei sehr froh über die qualitativen Fortschritte auf der Angebotspalette der Rebkultur seiner Heimat, gab er zu verstehen.
Und da war es wieder: dieses gewisse Augenglitzern aus dem Drogeriemarkt. Ich stellte Gläser auf den Tisch.
Ein "Frankovka", meines Erachtens ein Blaufränkisch, füllte diese sogleich mit einem recht transparenten Rubin samt Blautönen zum Rand hin.
2000er Jahrgang. 10,5 Volumen Alkohol. "Mutenicka Vinarska".
So das Etikett.
Ein Wein aus Mähren.
Und was soll ich sagen?
Wein war es schon.
Roter.
Irgendwie.
Mühsam wie die stumpfe Klinge bei einer Naßrasur führte ich den Stift, um doch etwas zu notieren.
Etwas in Richtung "schlankes Mittelgewicht, trocken, ordentliches Tannin, nach hinten recht dünn werdend, dezentes Bitter, kurz".
Der folgende "Rulandske Modre" von 99 mit "Minimum 10% Alkohol" von "Arcibiskupske Vinne sklepy" machte es mir nicht leichter.
Purpur-Rubin.
Rotwein wieder.
Und ich habe fertig.
Du willst es trotzdem genauer?
Na dann vielleicht: verhaltene Nase, schlankes Mittelgewicht, ein - wenn man so will - Allrounder.
Weil er alles sein könnte.
Und nichts.
Ein Wein, den ich deshalb nicht wieder erkennen würde, da er kaum etwas bot, an das man sich halten konnte.
Nicht einmal eine genaue Herkunftsbezeichnung. Denn das Rückenetikett wies darauf hin, daß die Reben vielleicht aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen könnten. Ganz eindeutig verhielt es sich da aber wohl nicht - so meinte
mein Freund, denn meine Tschechischkenntnisse kommen über ein fröhliches "Ahoi" nicht hinaus.
Und damit ist eigentlich auch schon einiges über den dritten im Bunde, einem Cabernet Sauvignon von 99 und vom gleichen Erzbischofsgut gesagt.
Wobei hier eine frappierende Distanz zu dem erstaunte, was ich bislang als sortentypisch erfahren hatte.
Wein schmeckt halt da und dort anders als anderswo, murmelte ich vor mich hin.
Denn da war diese Sache mit dem Stolz und dem Onkel des Kriegs.
Und wer will schon Krieg mit einem Freund?
Ich verfiel auf Plan B.
Der geht von einem anderen Spruch aus, dem nämlich, daß Stolz der schlechte Witz ist, über den der Fremde in dir eines Tages befreit lachen würde.
Also: anderer Wein auf den Tisch. Das Alternativprogramm.
Ich versuchte es mit einem belüfteten, sehr johannisbeerigen 99er Anjou-Villages "Brissac" von Lebreton zum Anfang, mit einem schön benasten, ausgewogenen und fruchtnuancierten 2000er Merlot von Wither Hill (der vielleicht etwas länger sein könnte), mit einem 98er Gigondas der Domaine de Montvac, einem kompletten Wein, nachdem auch er etwas Luft gesogen hat, versuchte es auch mit Clavel.

Ich sprang auf, meinte, ich hätte Weiteres aus meinem Keller vorbereitet.
Und da muß dann sich wohl so ein Glitzern in meine Augen geschlichen haben.
Denn die Antwort war ein freundliches Lächeln mit der höflichen Bemerkung:
Wein schmecke halt da und dort anders als anderswo. Und: nein, er halte sich lieber an die landsmännischen Tropfen.
C'est la vie - so ist der Wein.
Und klar: wer will schon den Krieg der Glitzeraugen?

Andreas Bürgel

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