Mouton-Rothschild: Symbiose von Wein und Kunst

Manche Weinbücher verlangen für die Lektüre nach begleitendem Weingenuss und passender Haltung auf dem Lesesessel. Dies gilt beispielsweise für den kürzlich erschienenen, prächtigen Bildband „Château Mouton Rothschild - Weinprobe & Kunst 1924/1945 - 2003” des Wiesbadener Tre Torri Verlages. Diese Publikation mitsamt ihrer geradezu verschwenderischen Ausstattung verdankte sich der Idee, in einer einzigartigen Probe alle Jahrgangsweine von Château Mouton-Rothschild mit Künstleretiketten zu verkosten - ein Ansinnen, das durch die hohen Kosten und den Mangel an Vollständigkeit an Jahrgangsweinen verständlicherweise erheblichen Schwierigkeiten begegnet. Die Dokumentation der im vergangenen Jahr gelungenen Probe - mit den Verkostungsnotizen von Karl-Heinz Wolf und des finnischen Weinautoren Pekka Nuikki, stimmungsvollen Impressionen von Château Mouton-Rothschild und faszinierenden Aufnahmen aller Jahrgangsweine mit Künstleretiketten von 1924 sowie von 1945 bis 2003 - hat dem wein- und kulturgeschichtlichen Mythos in Pauillac bei Bordeaux ein bibliophiles Denkmal gesetzt.
Der Eingangstext verdeutlicht, dass Baron Philippe de Rothschild, der das Château 1922 als 20-jähriger übernommen hatte, schon früh die Familientradition der Rothschilds: „Stilbewusstsein, Exzentrik und Kunstverständnis” mit großem wirtschaftlichem Erfolg fortgeführt hat. Das von ihm 1924 eingeführte Prinzip der kompletten Flaschenabfüllung auf dem Château ( „Mise en bouteilles au Château”) war ein damals umstrittener, revolutionärer Beitrag zur hochwertigen französischen Weinproduktion: Es erlaubte erstmals die durchgehende Kontrolle des Weins von der Blüte bis zu Abfüllung, Vermarktung und Verkauf der - ebenfalls erstmals - nummerierten Flaschen. Eine weitere Innovation aus dem Jahr 1926 hat diesen Bildband erst ermöglicht: Für die erste Château-Abfüllung des Jahrgangs 1924 ließ Philippe de Rothschild ein Etikett gestalten, das mit den fünf brüderlichen Pfeilen aus dem Familienwappen die alte Tradition zitierte - und mit dem Widderkopf ( „Mouton”: Schaf) wortspielerisch eine neue ästhetische Tradition begründete. Ab 1945 wurde die individuelle Gestaltung der Jahrgangsetiketten durch namhafte Künstler zum regelmäßigen Gestaltungsprinzip; die Flaschen mit diesen Etiketten gelten seither als gesuchte Sammlerstücke.
Die informativen, um klimatische Jahrgangsangaben ergänzten Verkostungsbeschreibungen gelten mythischen, der großen Weintrinkermehrheit sicherlich unzugänglichen Weinen. Von kritikloser Anbetung sind sie aber weit entfernt; tatsächlich lassen sie den Leser an Licht und Schatten degustierter Weine teilnehmen, die sich häufig aus Altersgründen „über den Punkt” präsentierten: So war etwa der 65er „am Gaumen grün und sauer - kein Trinkvergnügen” - und galt der 58er im März 2006 noch als ein „einzigartiges Erlebnis”, wurde er im Juni 2006 bei der großen Probe als „untrinkbar” wahrgenommen - auch Mythen können überaltern. Ähnlich erging es dem 66er, der zunächst als „guter, gekonnt gemachter Wein” bewertet wurde und wenige Monate später als „untrinkbar” mit einem Geschmack nach „Lösungsmitteln” enttäuschte. Sogar Weine „zum Vergessen” waren dabei - wie der 1977 Château Mouton Rothschild. Die erfrischende Subjektivität der Bewertungen erhöht den Reiz der Lektüre, die für Bordeaux-Liebhaber wie für die an Weinkulturgeschichte Interessierten von Genuss sein dürfte. Den Verkostungsnotizen folgen detaillierte Aufnahmen der Etiketten und Beschreibungen der jeweiligen Künstler, deren Auswahl - ob nun Jean Cocteau (1947) oder Salvador Dalí (1958), Wassily Kandinsky (1971) oder Pablo Picasso (1973), Francis Bacon (1990) oder Niki de Saint-Phalle (1997) - insgesamt ein bemerkenswertes Bekenntnis der Dynastie Rothschild zur künstlerischen Moderne darstellt.
„Weinprobe & Kunst” bei Amazon
Château Mouton Rothschild - Weinprobe & Kunst 1924/1945 - 2003. Tasting & Art. 288 Seiten, 28,0 x 29,0 cm, Geb. mit Schmuckschuber. Wiesbaden: Tre Torri Verlag, 2007 (Engl.-Dt.). ISBN 978-3-937963-57-0; 99 Euro. Wörterbuch des Weinbaus: Welche Geschichte hat die Weinsprache?

Am Rande des größten deutschen Weinanbaugebietes - Rheinhessen - liegt mit dem an der Mainzer Universität angesiedelten „Institut für Geschichtliche Landeskunde” eine Einrichtung, die sich mit ihren Veröffentlichungen zum Arbeitsschwerpunkt „Geschichte des Weinbaus und der Winzersprache” in vielfacher Weise um die Kultur- und Sprachgeschichte des Weines verdient gemacht hat. Hierzu zählt auch das von Rudolf Steffens erstellte „Wörterbuch des Weinbaus”, das einen dokumentarischen „Lückenschluß” in der Sprachgeschichte der Weinkultur darstellt. Rudolf Steffens, als Philologe am Institut für Geschichtliche Landeskunde tätig, hatte bei der Beschäftigung mit spätmittelalterlichen Weinbauwörtern der Mainzer Verwaltung den Plan gefasst, „die edierten Quellen vor allem des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit aus dem westmitteldeutschen Sprachraum systematisch zu sichten und den hierin enthaltenen Fachwortschatz des Weinbaus in einem historischen Wörterbuch darzustellen”. Das Institut hatte zwar bereits einen „Wortatlas der kontinentaleuropäischen Winzerterminologie (WKW)” vorgelegt, der die „dialektale deutschsprachige Weinbauterminologie in europäischem Zusammenhang” als Kartenwerk darstellt. Auch erhellen diverse kleinregionale Wortstudien örtliche Ausprägungen der Weinsprache. Doch fehlte bislang eine „systematische” - alphabetisch angeordnete! - „Aufarbeitung des historischen Fachwortschatzes des deutschsprachigen Weinbaus unter Einschluss der riesigen Quellenbestände des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit”.
Die jetzt vorliegende philologische Fleißarbeit dürfte mit ihrer strukturierten, fachwissenschaftlichen Darstellung - Stichwort, chronologische Wortgeschichte in edierten Quellen, Erläuterungsteil mit Worterklärungen und Hinweisen auf Synonyme, sachlich Verwandtes etc. - wegen ihres streng lexikalischen Charakters, ihrer komprimierten Darstellung und des vergleichsweise hohen Preises (reduziert nur für Institutsmitglieder) naturgemäß nur einen kleinen Kreis der an Weinkultur und Sprachgeschichte interessierten Weinliebhaber erreichen. Die Lektüre ist dennoch zu empfehlen; sie vermittelt lehrreich und auch spannend, welche Geschichte Weinbegriffe haben können (z.B. „Kelter”, erstmals 1337 erwähnt, aus dem lateinischen câlcare: treten); überdies sind viele Begriffe aus dem Weinbau, etwa Werkzeuge, fotografisch illustriert. Die von Rudolf Steffens genutzten Quellen - Urkunden Ratsbeschlüsse, Gerichtsbücher, Kochrezepte und vieles mehr - erstrecken sich zeitlich von einem Güterverzeichnis des Benediktinerinnenklosters Rupertsberg bei Bingen am Rhein bis um die Zeit kurz nach dem Jahr 1800; die Mehrzahl liegt im späten Mittelalter (nach 1350) und in der frühen Neuzeit. Der hier ausgewertete, überschaubare Sprachraum des „Westmitteldeutschen” erstreckt sich grob von Rhein-Ruhr über Fulda-Werra bis zur Mosel und der Eifel im Westen; der Süden wird ungefähr durch das nördliche Elsass, Speyer und Heidelberg markiert. Dieser Raum steht geografisch aber zugleich für die meisten deutschen Weinanbaugebiete: für Ahr, Mosel (mit Saar-Ruwer), für Mittelrhein und Nahe, Rheingau und Rheinhessen, Pfalz und schließlich die Hessische Bergstraße. Mit dem hier vorgelegten Wörterbuch ist also zweifellos ein sehr guter Anfang einer vinophilen Sprachgeschichte gemacht worden. Eine Fortsetzung für die restlichen Anbaugebiete bleibt zu wünschen.
„Wörterbuch des Weinbaus” bei AmazonRudolf Steffens: Wörterbuch des Weinbaus. Historischer Fachwortschatz des Weinbaus, der Kellerwirtschaft und des Weinhandels. Gebunden, 568 Seiten. Mainz: Verlag für Landeskunde und Regionalgeschichte (Akademische Verlagsunion und Mainz Media), 2006. ISBN 978-3-00-020085-4; 98,-.