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02.04.2009
Nach einem langen kalten Winter
Ein heisser Sommer
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 0)

Literaturbeflissene verbinden „Heißer Sommer“ mit einem Roman von Uwe Timm, einem der wenigen literarischen Zeugnisse der 68er-Studentenrevolte. Weinliebhaber hingegen denken an das Jahr 2003, wo die Sommerhitze selbst in Deutschland Sahara-Temperaturen erreichte - während Tagen, ja Wochen, bis zu 40 Grad im Schatten. Alle traditionellen europäischen Weingebiete – Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland, Spanien – waren davon betroffen. Zum Guten für den Wein? Stimmt die Gleichung: „viel Sonne, wenig Regen, ein phänomenaler Tropfen“?
Im heißen Sommer hilft of nur die Flucht an den Strand, im Glas ein kühler Rosé

Ist der 2003er wirklich so phänomenal geworden? Stimmt die einfache Formel für den Wein: „je heißer – desto besser“? Schon damals – kaum waren die Weine im Fass oder gar in der Flasche – tauchten ernsthafte Zweifel auf: „Der Supersommer 2003 hat keine Superweine zuwege gebracht. Den Weinen fehlt bei aller Frucht durchweg Struktur und der nötige Biss. Die Harmonie zwischen Frucht, reifen Tanninen, Mineralität und Säure ist einfach nicht gegeben,“ schrieb damals Achim Becker, der „Weinterminator“. Etwas euphorischer waren die beiden französischen Kritiker Bettane und Desseauve: „Die extreme Wärme hat zu einer sehr frühen Ernte geführt und zu einem drastisch reduzierten Ertrag. Das Resultat ist sehr heterogen in der Qualität. Knapp ein Duzend Weingüter schafften brillante Weine, besonders im Médoc, wo der Cabernet-Sauvignon vom Wetter profitierte.“ Vinum gab hingegen den weitsichtigen Rat: „Kaufen Sie hier und da eine Flasche, aber keine ganzen Kisten – die 2001er, 2002er und 2004er sind besser für den Keller geeignet…. Trinken Sie die 2003er lieber zu früh als zu spät, nicht in einer Stunde der Meditation, sondern an einem fröhlichen Winterabend mit Freunden!“
Der Cabernet Sauvignon - hier im Schau-Garten von Mouton Rothschild - hat die heiße Periode besser verkraftet als der Merlot

Dieser Winterabend ist nun gekommen, sogar ein „saukalter“, mit Schnee und Regen. Wirklich keine Zeit für Meditationen, vielmehr große Sehnsucht nach feurigem Wein-Genuss!. So entschließe ich mich, an einer Degustation teilzunehmen, Bordeaux 2003. Wer mich kennt und weiß, dass ich kaum je einen Bordeaux aus dem Keller hole, der jünger als 10 Jahre ist, staunt über mein gewagtes Unternehmen. Nur einige meiner Weinfreunde sind nicht überrascht. Toni begrüßt mich: „Ich habe Dich heute hier erwartet, Deine 2003er sind Dir wohl noch zu jung!“ So ist es. Ich mache lieber eine Bestandsaufnahme an einer hochwertigen Degustation. 17 Weine, fast nur das beste aus dem Jahr 2003: Palmer, Lascombes, Giscours, Rauzan Ségla, Mouton Rothschild, Pichon Lalande, Pichon Baron, Lynch Bages, Montrose, Léoville Poyferré, Calon Ségur, Lagrange, Haut Brion, Mission Haut-Brion, Pape Clément, Smith Haut-Lafite. Eine repräsentative Auswahl, alles vom – in diesem Jahr – „besseren“ linken Ufer der Gironde.
Eine Auswahl der besten Medoc- und Graves-Weine aus dem Jahr 2003 - bereit zur Degustation

Meine Befürchtung als bekennender Altweintrinker: viele der präsentierten Weine sind jetzt verschlossen. Um es vorweg zu nehmen: sie sind es nicht, bis auf zwei Ausnahmen. Der Montrose ist mindestens vier Stunden in der Karaffe entblößt worden, damit er sich wenigstens so offen darbietet, wie wir ihn an diesem Abend erleben. Auch der Mouton scheint mir recht verschlossen zu sein. Andere finden das gar nicht. Doch das ficht mich wenig an. Ich bin ja hier, um den 2003er selber zu testen! Was lass ich mich da beeinflussen? Stolz behaupte ich mal: Nummer eins ist Rauzan Ségla. Den Wein – allerdings einen 97er – haben wir nämlich gestern getrunken. Tatsächlich ist es so. Weil ich einen guten Bekannten getroffen habe, gebe ich ihm in der Wiedersehensfreude gerade mal 18 Punkte. Doch damit bin ich denkbar schlecht gestartet. Was soll ich tun, bei der zweiten oder dritten Runde, wo ich zweifellos noch viel besseren Weinen begegnen werde. Die Punkteskala erhöhen?
Eine verschworene Gruppe von Bordeaux-Liebhabern testet den 2003er

Als erklärter „Nichtpunkter“ muss ich mich an diesem Abend aber dem gesellschaftlichen Zwang beugen. Schön brav vergebe ich Punkte um Punkte um Punkte… Bald einmal bin ich bei 20 auf der Zwanziger-Skala angekommen. Was nun? Sich selber eingestehen, dass Wein Nummer elf eben doch nicht der Beste ist. Es ist ja „nur“ ein Léoville Poyferré, nach der üblichen Wertskala der schwächste der drei Léovilles. Meine Chance in dieser Runde, den höchstdotierten „Las Cases“, haben wir nicht im Programm, und der „Barton“ wird diesmal mit 18 Punkten abgestraft. Schon taucht die nächste Klippe auf. Der gefällige Lagrange, der billigste Wein des Abends, schmeckt in seiner modernen Art einfach gut, umwerfend. Besser? Kann nicht sein – also 19.5 Punkte.
Diese sechs Weine bereiten ordentliches Kopfzerbrechen beim Punkten

Doch dies alles wird mir erst später so richtig bewusst. Auf dem Heimweg oder noch später, beim Schreiben dieser Kolumne. Wir haben nämlich – wie üblich – blind degustiert; wir wissen nur, was in jedem der vier Flights vorhanden ist, dazwischen müssen (dürfen) wir munter raten. Etwas ungemütlich wird es mir, als der Veranstalter schon bei der zweiten Runde meint: „Jetzt geht die Post ab!“. Tatsächlich ist – rückblickend – die erste Runde (eigentlich müsste man es wissen, wenn man die Spielregeln von Verkostungen kennt) die schwächste gewesen. Meine 18.5 Punkte-Eichung war aber schon getan. Pech gehabt. Denn spätestens in Runde 4 mit Haut-Brion, Mission, Pape Clément und Smith Haut Lafite ist alles „Pulver“ bereits verschossen. Ich tröste mich, gebe mich – endlich – dem stillen Genuss hin. Zu heiß ist mir der Sommer 2003, zumindest an diesem Abend.
Total verwirrt! So endet die Ratlosigkeit des Amateurs beim Punkten

Und das Fazit, die Schlussfolgerung? Tatsächlich präsentiert sich der 2003er im Augenblick hervorragend, überhaupt nicht – wie vermutet – verschlossen. Prognosen, wie sie querbeet durch die Weinliteratur anzutreffen sind (meist mit Punkten auf den Punkt gebracht) stellen nur Momentaufnahmen dar, die sich dauernd relativieren. Und schließlich: auch eingeschworene Altweintrinker können Spaß haben an (zu) jungen Weinen. Man muss nur offen sein für neue Erfahrungen. Auch wenn ein „heißer Sommer“ eben die Sinne trüben kann.

Herzlich

Ihr/Euer

Peter (Züllig)

Peter Züllig

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