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08.02.2008
Merum-Dossier „Olivenöl”
Wie Lampenöl in deutschen Kochtöpfen landet
Von Uwe Kauss
Leserkommentare (bisher 1)

Panscherei, Etikettenschwindel, Betrug und machtlose Kontrolleure. Kurz: Olivenöl. Es ist ein rund zehn Milliarden Euro schweres Business, in dem raue Sitten herrschen und Gesetze wenig zählen. Moral noch weniger. Kriminelle Geschäfte der Großen im Markt sind eher die Regel als die Ausnahme. Das zeigt das kürzlich zu diesem Thema erschienene Dossier von Merum, der Zeitschrift für italienischen Wein und Olivenöl. Dieses nun dritte Sonderheft zum Thema steckt voller kompetenter, umfassend recherchierter Informationen und Fakten. Die verderben ahnungslosen Konsumenten allerdings schnell den Appetit.

Bereits 2004 hatte Merum  gemeinsam mit der toskanischen Umweltbehörde Arpat einen umfassenden Test organisiert: 31 „Extra Vergine”-Öle aus deutschen Supermärkten wurden untersucht. Die Prüfer konnten nur ein einziges Mal diese Qualitätsangabe bestätigen. Ansonsten enthielten die Flaschen meist minderwertigstes „Lampant”-Öl, das aus Abfällen und heruntergefallenen, oft verschimmelten Oliven produziert wird. Erst nach einem Raffinierungsprozess ist die sonst als Lampenöl verwendete Brühe für den menschlichen Verzehr geeignet. In speziell dafür eingerichteten Fabriken verwandeln die Produzenten sie im Schnellverfahren in wenigstens nicht mehr gesundheitsschädliches Öl ohne Duft und Geschmack. Nun setzen die Hersteller beispielsweise „Verdone” zu - eine mit Hochdruck und Dampf hergestellte Zweitpressung von Oliventrester, die dem Öl ein halbwegs charakteristisches Aroma verleihen soll. Fertig ist original italienisches Extra Vergine zum Sonderpreis - satte Gewinne für den Produzenten inklusive.

Auch Öl aus synthetischen Produktionsprozessen, vermischt mit tierischen Rohstoffen, Lampantöl und Verdone kommt heute mit Extra-Vergine-Etikett in den Handel, ist zu lesen. Das Dossier beschreibt ausführlich diese Machenschaften, die unzureichenden Kontrollen, erklärt Zusammenhänge und Auswirkungen dieser Geschäftspraktiken, die von laschen EU-Regeln, italienischer Politik und regionalen Amtsträgern immer wieder begünstigt werden. Korruption und Vorteilsnahme eingeschlossen.

Dennoch beschränkt sich das Heft nicht nur auf die fragwürdige, industrielle Produktion. Es erklärt ausführlich die Hintergründe zu Pressung und Extraktion, zu Qualitätsmerkmalen, gesetzlichen Vorschriften, Anbaumethoden und Herkunft. Auch die gesundheitlichen Aspekte fehlen nicht - kurz, es bleiben keine Fragen zu Öl und Olive offen.

Trotz geballter Kompetenz bleibt der Verbraucher dennoch ein wenig ratlos zurück. Dies ist allerdings keine Kritik an den Autoren des Dossiers, sondern Folge der „komplex-chaotischen Marktsituation”, wie die Redaktion schreibt. Klar ist: Gesundes, wohlriechendes Extra Vergine-Öl ist für 2,99 Euro pro Flasche schlicht nicht herstellbar. Wer es zu diesem Preis kauft, nimmt Fälschung schweigend in Kauf.

Umgekehrt haben sich im Test auch Öle für 14 Euro pro Flasche als gereinigtes Lampenöl herausgestellt. Und nun? Das Heft will die Konsumenten „zu einem Höchstmaß an kritischem Einkaufsverhalten” motivieren; Miesmachen bringe die Sache ebenso wenig weiter wie pauschales Beschönigen. Die gute Nachricht des Dossiers: Es gibt wunderbare, authentische Olivenöle. Die schlechte: Sie sind teuer und schwer zu finden.

Dass die Autoren gelegentlich etwas steif formulieren, ist der wohl einzige Kritikpunkt an diesem Heft. Zum einen mag dies juristische Gründe haben. Zum anderen ist es nur angemessen, die haarsträubenden Zusammenhänge nüchtern und präzise zu beschreiben. Lockere Lifestyle-Phrasen wären jedenfalls fehl am Platz. Und lesenswert ist jede Zeile auch so.

Das Sonderheft Olivenöl kostet EUR 9.- / CHF 14.- .
Am Kiosk erhältlich oder zu bestellen bei:
Tel. +41 (0) 41 349 17 68, Fax +41 (0) 41 349 17 18, merum@edp.ch

Uwe Kauss

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