Dessau ist die Stadt, in die Walter Gropius, Architekt und Designer, 1925 mit seinem „Bauhaus“ – einer Schule der „Moderne“ – eingezogen ist. Berühmte Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer haben hier unterrichtet. Das wichtigste Anliegen war: „die Kunst von der Industrialisierung zu emanzipieren und das Kunsthandwerk wieder zu beleben“. Kunst und Kunsthandwerk, eine Symbiose, die heute noch in der bereits 1933 aufgelösten Institution feierlich zelebriert wird.
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Das sanierte Bauhaus Hauptgebäude in Dessau. Symbol für die Verbindung von Kunst und Kunsthandwerk
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Ich bin zufällig gerade in Dessau, im Bauhaus, bei den noch vorhandenen Zeugnissen einer Bewegung, die Kunst und Handwerk zusammen führen wollte. Da erreicht mich die Forums-Diskussion „Wein als Kunstwerk“. Die Umgebung beflügelt sogleich meine Phantasie: Ja, kann Wein ein Kunstwerk sein? Die wenigen, aber wohlüberlegten Gedanken, die zu diesem Thema im Forum geäußert werden, bringen es auf den Punkt. „Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet man jemanden, der etwas besonders gut kann, zwar oft als ‚Künstler‘, aber das trifft den Kern der Kunst, „doch nicht ganz ... Kunst kommt auch nicht von ‚Können‘ sondern ist das Gegenteil von Natur, meint also ‚vom Menschen geschaffen‘. Können ist zwar - zumindest meiner Meinung nach - unbedingte Voraussetzung, genügt jedoch nicht ... Fantasie und Inspiration gehören ebenso dazu (wie Fleiß!)“, schreibt der Musiker Gerhard Präsent, selber Künstler und Lehrer. Tatsächlich wird das Wort „Kunst“ heute in recht unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Kunst als Fertigkeit, als Handwerk, als Gegensatz zur Natur, als Inspiration, als Ausdruck eines Könnens. Weitaus am häufigsten wird aber „Kunst“ im Sinne der „schönen Künste“ verwendet, wie sie von Winckelmann, Lessing, Herder, Goethe etc. einst definiert und umschrieben wurde, nämlich als von Menschen geschaffene Werke, die mit ästhetischen Mitteln versuchen, geistige Werte zu vermitteln, Ideen zum Ausdruck zu bringen und nicht zuletzt der Erbauung und dem ästhetischen Genuss dienen.
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Ausstattung in einem Meisterhaus in Dessau. Grundgedanke: die Form hat dem Zweck zu dienen.
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Ich spüre nur allzu gut, dass ich mich hier auf eine schwierige Kunstdiskussion einlasse. Also: Hände weg! Die Lehrer und Schüler im Bauhaus (von 1919 bis 1925 in Weimar beheimatet) haben nicht so gedacht. Ihr Kontakt mit dem Handwerk („die Form hat dem Zweck zu dienen“) war ein entscheidender Faktor zur Entwicklung der Moderne. Allerdings gibt es – meines Wissens – kein Dokument, welches bezeugt, dass am Bauhaus auch der Wein in die Auseinandersetzung mit der Kunst miteinbezogen wurde. Und doch war Wein – gemäß Zeit-Zeugen – ein wichtiger Faktor im Schaffen der angehenden Künstler, als Anregung, als Inspiration, als wohl umfassendstes Symbol für Sinneslust. Ja, der heute streng anmutende Bauhausstil konnte wohl nur aus der sinnlichen Welt eines Bacchus – Gott des Weins und der Trunkenheit – als Gegenentwurf entstehen. Jedenfalls stelle ich mir dies so vor – und viele Zeugnisse aus jener Zeit liefern den Beweis.
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Bacchus - Gott der Trunkenheit. Darstellung an der Fassade des Schlosses „Sanssouci“ in Potsdam.
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Vielleicht ist die Diskussion um Kunst, Kunsthandwerk, Handelsware, Naturprodukt, Genussmittel, und was es zu diesem Thema noch alles zu reden gibt, doch nur ein interessanter „Nebenschauplatz“ zum Thema Kunst und Wein. Wichtiger scheint mir, was durch die Welt des Weins an Kunstwerken angeregt wurde, was daraus hervorgegangen ist.Von Dessau bin ich dann rund 100 Kilometer weiter nordöstlich gefahren, nach Potsdam, in die Stadt, wo vor rund 260 Jahren Friedrich der Große „Sanssouci“ bauen ließ, einen Königshof, seine Sommerresidenz, die noch heute herrlich über den angelegten Weinbergterrassen thront. Weinberge im doch schon sehr nördlichen Potsdam? Auf den Terrassen wechseln sich Weinstöcke und Feigenbäumchen ab, sie prägen das Bild des Schlossaufgangs. Zwar wurden in der Gegend früher auch Reben angebaut um Wein zu keltern, doch diese Schloss-Reben dienten ausschließlich der Zierde; die Trauben wurden an den üppigen Tafelrunden aufgetragen.
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Schloss „Sanssouci“ über den Terrassen mit Reben und Feigen.
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Und doch ist ohne Wein dieses Schloss im Rokoko-Stil, mit all den Bacchantinnen und Bacchanten, den geselligen Göttern des Weins und des Frohsinns, unvorstellbar. Hier hat Wein unmittelbar die Kunst geprägt, beflügelt und inspiriert. Schon der prunkvolle Schlosseingang durchs Vestibül wird von drei goldenen Reliefs dominiert, Darstellungen von bacchantischen Szenen. Und es ist so typisch für den heutigen Umgang mit diesem prachtvollen üppigen Schmuck, der viel über das Lebensgefühl und die Sehnsüchte der damaligen Zeit aussagen kann: die Bilder, Szenen, Ornamente werden andächtig, meist staunend beguckt als etwas Wertvolles aus früheren Zeiten, geschützt, abgeschirmt, und gut konserviert, nur mit Führungen zugänglich, überschüttet mit Zahlen, Fakten und Kommentaren. Allzu lange stehenbleiben und fotografieren streng verboten! Bacchus müsste zurückschlagen, müsste Wein ausschütten, müsste all die Konservatoren und Kunstwächter mit Wein bekleckern. Hier hat nämlich einst ein musischer Mensch gelebt und das Schloss erbauen lassen, der Gedichte schrieb, komponierte, philosophierte und sich mit Künstlern und Wissenschaftlern umgeben hat.
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Reben zu Füssen des Schlosses „Sansouci“ in Potsdam.
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Hier gehen Kunst und Wein eine Symbiose ein. Die Nähe von Wein zur Kunst wird sichtbar. Weinbücher, Gästekarten, Weinkarten, Menüpläne… vieles ist noch vorhanden. Auf diesen Grundlagen hat man auch den Weinkeller von damals rekonstruiert. Auch er ist zu besichtigen, auch er ist ein anschaulicher Beweis für die Bedeutung und Ausstrahlung des Weins an einem königlichen Hof im 18. Jahrhundert. Gerne hätte ich davon ein Bild geknipst um das anschaulich zu machen, was einst entstanden ist, um immer wieder angeschaut zu werden. Nicht möglich, fotografieren eben verboten! Sogar das Fotografieren der Rekonstruktion. Die Rechte für eine Abbildung sind wohl zu erstehen, zu kaufen, zu erwerben. So wird Wein als Kunst heute eben verwaltet und vermarktet. Copyright bei „Friedrich dem Großen“? Viel eher bei den geschäftstüchtigen öffentlichen Erbverwaltern, bei denen Lebensfreude längst zur vermarktbaren Kunstszenerie verkommen ist. Wein wird da nicht mehr getrunken, sondern im Glanz erstickt.
Herzlich
Ihr/Euer