Unter der bewohnten Oberfläche des kleinen Ortes Pitigliano in der Maremma versteckt sich eine andere, unsichtbare Stadt, unterirdisch und faszinierend. Sie besteht aus Grotten, Stollengängen, aber vor allem aus Gewölben, in denen einst die Vorräte und der Wein, den jede Familie selbst fabrizierte, gelagert wurden. Heute wird dies nur noch für den Privatverbrauch getan und Weingeschäfte benutzen sie als Lagerraum. Jedes Haus besitzt diese „Cantine”, die in der Antike tief in den Tuffstein gegraben wurden und nicht selten mehrstufige Lagerräume sind, die tief im Innern der Erde, in einer Art Höhle enden. Gut kann man das (nach Voranmeldung)heute noch im Ausstellungs- und Verkostungsraum der Cantina Sociale di Pitigliano in der Via Vignoli sehen.
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Eine antike „Cantina”, die dem Tuffstein abgetrotzt wurde
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Die Cantina Sociale selbst wurde 1958 vor den Toren des historischen Stadtkerns erbaut, denn die engen mittelalterlichen Straßen lassen keinen LKW-Verkehr zu.
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Touristen und Künstler bestimmen im Sommer das Straßenbild
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Nur wenn gefeiert wird, kehrt man gern in das bezaubernde historische Zentrum mit seiner imposanten Burg, der Fortezza Orsini, zurück - so wie es am 23. August diesen Jahres geschah zum 50jährigen Jubiläum der Kooperative. Es sollte jedoch kein simples Feiern werden für die 526 Mitglieder und die 4.050 Einwohner von Pitigliano (Überschneidungen möglich); man wollte vielmehr ein Zeichen setzen und an die historische Rolle der Kooperative erinnern. Wissenschaftler, Journalisten und Direktoren anderer Kooperativen trugen ihre Sichtweise vor und diskutierten zur neuen, alten Rolle der „Gemeinschaft”.
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Fortezza Orsini (rechts mit dem breiten Turm): u.a. Sitz zweier Museum und der Diözese für Pitigliano, Sovana und Orbetello
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Der Aspekt des Sozialen in seiner tiefsten Bedeutung als Verbündeter, oft vergessen in vielen, zu vielen Kooperativen in Italien (und auch in der Politik), die statt sich wechselseitig zu unterstützen, sich lieber dem Profit zuwenden, als wären es Privatunternehmen. Oder sie raffen Fördermittel ohne wirklichen Nutzen weder für die Mitglieder noch für das Territorium. Qualitätskriterien spielen oft keine Rolle und nicht selten wird der Wein weit unter allgemeinem Marktwert verkauft. Da freut man sich über ein kurzfristiges Umsatzziel (und der Großhandel freut sich mit), aber am Ende verlieren alle.
Dass es auch anders geht, bezeugten einige Kooperativen, die beim Kongress ihre Beispiele vortrugen: Pitigliano, La-Vis und Colomba Bianca, die, ohne den kommerziellen Aspekt außer Acht zu lassen, das Urkonzept der Kooperative leben und sich mit Fairness begegnen, so wie wir es zum Beispiel auch im Norden Italiens, am Gardasee bei Civielle beobachtet haben.
Und noch etwas ist bemerkenswert in diesem kleinen Ort Pitigliano. Im „Centro Storico”, auf nur 36 Quadratkilometern, stößt man auf deutsche Künstler (wie Peter Petri aus Berlin, der sich im Sommer von der Maremma inspirieren lässt), mehrere Museen, einen Kardinal und das ”Kleine Jerusalem” mit Synagoge und antikem Ghetto, deren Geschichte Elena Servi, die letzte Jüdin in Pitigliano, gerne weitererzählt. Je ein Weiß- und Rotwein der Cantina Sociale di Pitigliano werden für die Zeremonien und den Verkauf im „Piccolo Gerusalemme” extra koscher (Italienisch: kasher) produziert.
Alle Fotos © Katrin Walter