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14.11.2006
Interview mit Jean-Pierre Margan
"Es gibt verblüffend viele Ähnlichkeiten"
Von Marcus Hofschuster
Leserkommentare (bisher 1)

Zwischen Avignon und Aix en Provence, im Tal der Rhone und im Herzen der Provence, liegt Chateau La Canorgue. Das Weingut, seit über 200 Jahren in Familienbesitz, zählt zu den Pionieren des organischen Anbaus, der dort seit mehr als 25 Jahren betrieben wird. Jean-Pierre Margans Weine sind seit 1993 immer wieder mit den höchsten Auszeichnungen bedacht worden.

Im Herzen des Lubéron, zwischen Avignon und Aix en Provence

Dieses stimmungsvolle, traditionsträchtige Ambiente wählte Ridley Scott als Schauplatz seines neuen Films „Ein gutes Jahr”, der auf Peter Mayles gleichnamigem Bestseller basiert. Scott, der selbst einen kleinen Weinberg in der Provence besitzt, erfüllte sich damit einen lange gehegten Traum. In der Hauptrolle des knallharten Investment-Bankers, der widerstrebend aus London in die Provence reist, um das Weingut seines verstorbenen Onkels zu verkaufen und dort der süßen Leichtigkeit südfranzösischen Seins verfällt, besetzte er wieder seinen „Gladiator”, Oscar-Preisträger Russell Crowe. Ein Film, der provenzalische Lebensart ausstrahlt - harmonisch und beflügelnd wie ein guter Tropfen.

Als Sie das Weingut Ihrer Familie übernommen haben, befand es sich in schlechtem Zustand. Hat Sie die Situation geärgert oder eher angespornt?

Das hat mich motiviert. Als wir den Besitz vor etwa dreißig Jahren übernommen haben, war er verlassen. Mein Großvater ist sehr jung gestorben, keiner konnte sich um das Schloss, den Keller und die Weinberge kümmern. Es ist ein bisschen so wie am Anfang des Films ... Überhaupt gibt es verblüffend viele Ähnlichkeiten, vieles kam mir bekannt vor. Damals jedenfalls gab es hier nichts, keinen Wein, gar nichts. Es war eine große Herausforderung, das Weingut wieder zum Leben zu erwecken und ihm seine Bedeutung zurückzugeben.

Die Dreharbeiten fanden während der Weinlese statt. Kam es da nicht zu Komplikationen?

Jean Pierre Margan - Weinlese ist nie Routine
Es war schon sehr kompliziert. Gedreht wurde in den Monaten August, September, Oktober, wenn wir alle Hände voll zu tun haben. Wir haben oft nachts gearbeitet und einige Konzessionen gemacht. Wir hatten ein Abkommen mit der Produktionsgesellschaft, keinen Lärm zu machen. Alles in allem haben wir uns daran gehalten, es ist sehr gut gelaufen. Wir haben uns in einen anderen Teil des Hauses zurückgezogen, Platz genug ist ja vorhanden, haben unseren Wein geerntet - und die haben ihren Film gedreht. Eine kleine Anekdote: Wir haben Hunde, die natürlich aufgeregt waren und gebellt haben. Die wurden dann mit Fleischstückchen ruhig gestellt und haben es genossen.

War 2005, als der Film gedreht wurde, „Ein gutes Jahr” für Sie als Winzer?

Ja, sehr. Hervorragendes Klima, gute Ernte, und trotz der schwierigen Umstände mit dem Film hatten wir eine sehr gute Lese. Wir waren sehr bewusst - Weinlese ist nie Routine, auch nach 30 Jahren nicht, aber in diesem Jahr waren wir vielleicht bewusster als sonst. Alle waren konzentriert und aufmerksam - wir sollten jedes Jahr einen Film drehen!

Wurden Sie als Experte während der Dreharbeiten manchmal zu Rate gezogen?

Ja, wenn es darum ging, wie ein echter Winzer arbeitet - bei Fachfragen und -Ausdrücken hat man uns oft gefragt.

Ihr Weingut blickt auf eine lange Geschichte zurück, ist das für Sie eher Last oder motiviert es Sie zusätzlich?

Beides. Es ist eine Last, weil die Tradition verlangt, dass viele Regeln eingehalten werden. Was mich unglaublich motiviert, sind die guten Erfahrungen, die wir mit interessanten Neuerungen machen. Ich habe Spaß mit meinen Chardonnays, Merlots, Cabernets, den „vins de garage” - das ist unglaublich kreativ.

Was bedeutet die Tradition für Ihre Weinbereitung?

Ridley Scott - ein lang gehegter Traum
Tradition hat in der Weinherstellung große Bedeutung, ich achte sie und versuche aber auch ständig, sie zu verbessern. Tradition ist wichtig für das Charakteristische einer Region, aber man sollte sich nicht vor Innovationen verschließen. Wir respektieren die Natur und beziehen sie ein, wo immer wir können, beachten z. B. auch den Einfluss des Mondzyklus. Nur bei abnehmendem Mond werden die Weine auf Flaschen gezogen, bei zunehmendem gehen zu viele Aromen verloren.

Als ökologisch arbeitender Winzer verzichten Sie ja auf chemische Pflanzenschutzmittel. Welche Mittel setzen Sie ein? Was halten Sie vom Kupfereinsatz im ökologischen Weinbau?

Chemische Mittel zum Pflanzenschutz sind für mich natürlich absolut tabu. Ich verwende viele organische Stoffe: Kompost, Mist, biologischen Dünger. Keine Pestizide, sondern Stoffe auf Pflanzenbasis wie Minze und Nessel, Schachtelhalm, See-Kiefer. Es gibt viele Möglichkeiten, mit denen sich Chemie ersetzen lässt. Ein strenges Reglement ist einzuhalten, das wird drei- bis viermal im Jahr kontrolliert. Und das ist auch gut so.

Kupfer kann eine begrenzte Zeit lang eingesetzt werden, fünf Jahre lang, in wohl dosierten Mengen. Man verdünnt das Produkt mit Brennesselsud. Die Mischung erlaubt es, den Kupferanteil gering zu halten. Blätter um den Weinstock absorbieren das Kupfer, so dringt es nicht in die Erde ein. Wir verwenden sehr wenig davon, arbeiten eher mit Schachtelhalm und Brennesseln. Und um die Erde zu lockern, wird der Boden im Frühjahr und Herbst gepflügt.

Chateau La Canorgue - damals gab es hier nichts, keinen Wein, gar nichts

Welche Vorteile bringt Ihrer Meinung nach der ökologische Weinbau mit sich?

Der größte Vorteil liegt auf der Hand: wir schützen unseren Planeten, unsere Kinder - und bekommen interessantere Weine durch eine bessere Qualität der Trauben. Natürlichkeit ist ein Plus.

Glauben Sie, dass sich Terroirweine, also solche, die ihre Herkunft deutlich widerspiegeln, auch im konventionellen Weinbau erzeugen lassen?

Terroirweine sind natürlich auch mit nicht-biologischen Methoden möglich. Man darf nie vergessen: Wein wird aus Trauben gemacht. Die Qualität der Traube ist entscheidend für den Geschmack. Aber es gibt auch die Rückstände. Weinerzeugung ist wie eine Kette - der Boden, der Weinstock, die Traube, etc. und der Mensch ist am Ende der Kette. Entschuldigung, das ist natürlich ein Allgemeinplatz, aber: alles was wir zu uns nehmen, die Totalität der chemischen Rückstände, zählt. Wenn wir einen schlechten Apfel essen, macht das nichts - aber wenn wir viele essen, und dann noch schlechtes Fleisch und Gemüse, dann akkumulieren sich die Rückstände in unserem Körper. Warum soll man auch noch Wein trinken, der mit Pestiziden in Berührung gekommen ist?

Welche Rolle spielen die Rebsorten für Ihr Terroir. Glauben Sie, dass Sie mit Sorten wie Merlot oder Cabernet einen typisch provenzalischen Wein erzeugen können?

Mit Rebsorten wie Cabernet oder Merlot kann man keinen typischen Provence-Wein erzeugen, weil diese Trauben dort ursprünglich gar nicht beheimatet waren. Außerdem gibt es den typischen provenzalischen Wein gar nicht - es gibt den Cote du Rhone, Cote de Luberon, Cote de Provence etc. - all das umfasst die Provence als Landschaft.

Die Charakteristik kommt aus den Aromen. Vor vierzig, fünfzig Jahren gab es in der Provence Sorten wie Carignan, Cinsault, Marsanne und andere, auch Syrah. Diese Trauben sind nach und nach verschwunden. Es gibt durchaus regionale Besonderheiten, aber man muss sich nicht beschränken. Der Syrah z. B. gedeiht sehr gut im Luberon. Und die blassen Rosés, für viele ein typisches Provence-Erzeugnis, mag ich sehr. Bei uns wird er zur Hälfte aus Grenache und Syrah gekeltert...

Alle waren konzentriert und aufmerksam - wir sollten jedes Jahr einen Film drehen!

Was halten Sie von dem Trend zu in kleinen Mengen produzierten, z.T. sehr teuren Prestige-Gewächsen? Halten Sie solche Weine für eine Bereicherung für die Provence?

Ah, die berühmten „vins de garage” - anfangs wollte ich zeigen, dass ich das auch kann, inzwischen mache ich sie sehr gerne: Syrah, Cabernet, etwas Merlot, der in 600-Liter Eichenfässern reift.

Im Großen und Ganzen ist es eine Marketing-Strategie, der Wein ist einfacher zu verkaufen, aber es bleibt eine kommerzielle Nische. Wir produzieren auf 75 Hektar 300 000 Flaschen im Jahr (erlaubt wären laut Gesetz sechzig Hektoliter je Hektar, Anm. d. Red.), damit sind wir im mittleren Bereich.

Wie stehen Sie dem Einsatz moderner oenologischer Verfahren gegenüber, welche Innovationen haben Sie in Ihrem Weingut umgesetzt?

Ich bin ein Verfechter traditioneller Methoden, die ich aber gern mit modernen verbinde. Zum Beispiel habe ich eine pneumatische Presse gekauft, die sehr sanft keltert. Das ist gut für Weißwein und Rosé, weil man besser die Temperatur regeln und Unterschiede ausgleichen kann während der Fermentierung. Wir arbeiten mit sehr modernen Edelstahl-Tanks, und alles, was mit den Trauben in Berührung kommt, muss natürlich absolut sauber sein, auch die Flaschen. Das ist wichtig.

Zum Reifen werden die Weine im alten Teil des Kellers gelagert, der aus dem 17. Jahrhundert stammt. Die Eichenfässer für die Prestige-Weine sind Raritäten des bekannten Fassmachers Dominique Laurent aus dem Burgund. Ich arbeite ohne Zusätze, keine Enzyme, nichts, ganz traditionell.

Russel Crowe und Marion Cotillard

Das neue Handelsabkommen mit den USA sorgt dafür, dass auf dem europäischen Markt nun auch Weine verkauft werden dürfen, die unter Zuhilfenahme bislang in der EU verbotener oenologischer Methoden oder Zusätze produziert wurden. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Das kann problematisch werden. Ich fürchte, dass einige Winzer ermutigt werden, diese Methoden einzusetzen, um neue Märkte zu erschließen. Man sollte sehr vorsichtig damit umgehen.

Sehen Sie Chancen auf eine Rückbesinnung auf eher traditionellen Weinbau?

Ich glaube, die Renaissance hat schon begonnen. Durch den Barrique-Ausbau in neuen Eichenfässern, wie er weltweit betrieben wird, hat der Wein viel von seiner Originalität verloren. Jetzt gibt es ein großes Interesse an Weinen, deren Herkunft man erkennt. Die Konsumenten wollen keine toten, uniformen Weine, sondern authentische, charakteristische.

In wieweit hat die internationale Weinkritik Ihrer Meinung nach Einfluss auf die Entwicklung dieses relativ uniformen Weinstils? Ist hier ein Umdenken zu erkennen?

Ein Kriterium für viele Winzer ist die Frage: Würde mein Wein dem berühmten Kritiker Robert Parker gefallen? Ich mache Weine, die mir und meinen Kunden schmecken sollen.

 

Weitere Informationen zum Film finden Sie unter

www.eingutesjahr-derfilm.de

Marcus Hofschuster

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