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06.10.2008
Im Gespräch: Miguel Torres
In fünf Jahren wollen wir CO2-neutral arbeiten
Von Uwe Kauss
Leserkommentare (bisher 0)


Die Weindynastie Torres ist einer der wichtigsten Pioniere des Weinbaus in Spanien. Das 1870 gegründete Familienunternehmen bewirtschaftet derzeit über 2000 Hektar Rebflächen und besitzt Güter in Chile und Kalifornien. Im Interview erzählt der 67-jährige Miguel Torres, Präsident der Unternehmensgruppe, über Tempranillo, den Klimawandel, seinen Bioreaktor und warum Biowein nicht gut für die Erde ist.


Wein-Plus: Torres gehört zu den Pionieren des spanischen Weinbaus. Was waren die wichtigsten Faktoren, dass Spanien da steht, wo es heute steht?

Miguel Torres: Spanien steht heute in Deutschland etwa sicher gut da. Der Markt ist dominiert von Frankreich und Italien, aber spanische Weine laufen sehr gut. Ich glaube, die Leute haben verstanden, dass sie gute Qualität zu guten Preisen bekommen. Was aber ist interessant in Spanien? Wir haben so viele verschiedene Anbaugebiete, so viele Traubensorten. Und wir haben starke Weinmarken. Ich glaube nicht, dass der Verkauf in den Supermärkten nur über die Appellation funktioniert. Auch die Weine aus der Neuen Welt sind alle Markenweine. Ich glaube, die Qualität und die Originalität in Verbindung mit der Marke machen den Erfolg spanischer Weine aus. Auch die spanische Küche mit großen Namen wie Ferran Adriá hat uns sehr geholfen.


Wein-Plus:
Wird in Ihrem Haus die Marke künftig weiter im Vordergrund stehen oder das Hervorheben der Einzellage, wie etwa bei Mas La Plana oder Grans Murales?

Miguel Torres: Torres segmentiert seine Marktpositionen. Unsere Top-Weine wie Mas La Plana folgen dem Terroir-Konzept. Die Herstellung und die Zusammensetzung der Trauben sind jedes Jahr identisch. Dann haben wir die zweite Linie, die Reservas, etwa Gran Coronas oder Atrium. Die verkaufen wir an gute Restaurants, an Wein- und Feinkosthändler. Dazu haben wir die Supermarktlinien wie Sangre de Torro, die zwischen sechs und acht Euros liegen. Bei diesen Weinen kaufen wir die Trauben zu, da haben wir keinen Terroir-Effekt. Wir haben mit der „Near Infrared”-Spektroskopie aber ziemlich gute Analysemöglichkeiten, um den Reifegrad festzustellen, die Farbe, das Tanninpotential. Das ist eine große Hilfe für uns, um die Qualität zu sichern.

Miguel Torres (links) im Gespräch mit Wein-Plus-Redakteur Uwe Kauss (rechts)

Wein-Plus: In den letzten Jahren hat die Klimaveränderung auch Spanien stark beeinträchtigt. Wie stark sind Ihre Weinberge betroffen?

Miguel Torres: Bislang haben wir nur wenige Probleme mit der Klimaveränderung gehabt - aber die Zukunft könnte für uns sehr schwer werden, wenn wir nichts unternehmen. Man muss sagen, dass in den vergangenen 50 Jahren die Durchschnittstemperatur um ein Grad angestiegen ist. Das ist ja erstmal nicht so schlecht. Wir haben weniger Frost im Frühling und weniger kalte Tage im Sommer.


Wein-Plus: Sie setzen sich auf Konferenzen sehr stark für Klimaschutz im Weinbau ein. Torres bewirtschaftet über 2000 Hektar Weinberge. Was tun sie selbst?

Miguel Torres: Wir nutzen alternative Energien im Unternehmen. 11 Prozent unseres Stroms erzeugen wir durch Photovoltaik. Und in naher Zukunft werden wir zudem Strom durch Windenergie erzeugen. Unsere neuen Keller bauen wir unter die Erde, um weniger Kühlung zu benötigen. In den Hochlagen setzen wir nicht mehr auf Begrünung, sondern auf Sand. Der Albedo-Effekt verhindert so, das auf diesen Flächen die Erde nicht weiter aufgeheizt wird, sondern die Strahlung ins All zurückreflektiert wird. Früher mussten wir relativ früh unsere Reben lesen, weil wir befürchteten, im September könnten die Trauben faulen. Das war ein Problem. Heute denken wir anders. Wir wollen sehr spät lesen, um die ersten kalten Nächte zu nutzen, was sich hervorragend auf die Qualität unserer Weine auswirkt. Mit verschiedenen Techniken haben wir das ganz gut hinbekommen. Zweitens nutzen wir die Lincoln-Canopy-Erziehung mit horizontalen Laubdächern von zwei Rebstock-Zeilen. Früher haben wir sehr hohe Dächer gezogen, künftig werden wir sie tiefer ansetzen. So reift der Wein langsamer aus. Ende Juli haben wir zudem das Laub herausgeschnitten, damit die Trauben viel Wind und Sonne bekommen. Heute lassen wir ihnen mehr Schatten. In den höheren Lagen nutzen wir zur Bewässerung große Wasserbecken, und für Spritzvorgänge nehmen wir nun den Hubschrauber, denn der benötigt wesentlich weniger CO2 als die Traktoren.


Wein-Plus: Weil Sie vom Spritzen sprechen - produziert Torres auch biologische Weine?

Miguel Torres: Biologische Weine machen wir bereits in Kalifornien, in Chile - und im kommenden Jahr auch in Spanien. Trotzdem möchte ich klarmachen: Bioweine sind nicht gut für unseren Planeten! Die Konsumenten glauben, Biowein wäre gut gegen die Klimaveränderung. Dem ist nicht so! Ein Beispiel: Im Juli gibt es in unseren Weingebieten die große Gefahr, dass sich die Trauben mit Mehltau infizieren. Traditionell und auf biologische Weise muss man den wochenlang mit Schwefel bekämpfen. Es gibt aber auch synthetische Mittel, die beispielsweise die deutsche BASF herstellt. Da genügen drei Wochen, um den Mehltau zu beseitigen, und so spart man große Mengen Wasser, aber auch Diesel für die Traktoren und damit CO2-Ausstoß.


Wein-Plus: Gibt es weitere konkrete Dinge, die Sie unternehmen, um den Kohlendioxidausstoß von Torres zu reduzieren?

Miguel Torres: Wir haben für das Unternehmen 115 Fahrzeuge mit Hybridantrieb gekauft. Ich fahre selbst einen, die sind sehr gut! Weiter stellt die Familie fünf Millionen Euro über die nächsten zehn Jahre zur Verfügung um durch Waldbrand vernichtete Flächen wiederaufzuforsten. In unserer Heimatstadt Vilafranca del Penedès starten wir weiter die Pilotanlage eines Algen-Reaktors. Spezielle Algen wachsen dort in Wasser zusammen mit einem Dünger. In dieser Lösung wird das Kohlendioxid aus dem Verbrennungsprozess gebunden; die Alge wächst heran, daraus entsteht Biomasse. Nun wollen wir versuchen, aus diesen Algen Biodiesel herzustellen. Wir hoffen, dass es funktioniert.

Terrassierte Weinberge im Priorat

Wein-Plus: Haben Sie bereits eine Ökobilanz ihrer Weine aufstellen lassen, um die Schadstoffmenge zu beziffern?

Miguel Torres: Wir lassen derzeit CO2-Fingerprints von unseren Weinen machen und hoffen, in fünf Jahren CO2-neutral arbeiten zu können. Wir verbrauchen etwa vier Megawatt in unseren Kellern. Eine einzige Windenergieanlage erzeugt bei uns etwa zwei Megawatt. Außerdem verlegen wir unsere Reben aus den warmen Landesteilen am Meer weiter in die hohen Lagen von Katalonien. Riesling beispielsweise wuchs jahrelang sehr gut in der warmen Ebene. Nun haben wir ihn in der Nähe der Pyrenäen in etwa 1000 Meter Höhe gepflanzt. Dort ist das Klima kühler. In Katalonien haben wir diese Möglichkeiten, in anderen Weingebieten ist das nun mal nicht möglich. In einem alten Weingebiet gibt es eine Balance zwischen dem CO2, das durch die Reben gebunden wird und den abgestorbenen Reben, die man herausreißt und verbrennt. Die Reben selbst nehmen etwa 30 Tonnen Kohlendioxid pro Tag auf. Aber traditionell hat man die alten Reben einfach verbrannt und so wieder große Mengen CO2 freigesetzt. Seit vergangenem Jahr transportieren wir das alte Rebholz in ein Kraftwerk, um Warmwasser damit zu erzeugen. Das alles sind kleine Dinge, die uns helfen, unseren Wein künftig CO2-neutral zu machen.


Wein-Plus: Wie gehen sie mit der Wasserknappheit um?

Miguel Torres: Wir recyceln unser benötigtes Wasser immer mehr. Derzeit erreichen wir eine Recyclingquote von etwa 15 Prozent, wollen in Zukunft aber mehr als 50 Prozent erreichen. Wir versuchen, Regenwasser zu sammeln, wo immer es möglich ist. Auf der anderen Seite suchen wir nach Anbauformen, die wenig Wasser benötigen. Unsere Reben in Katalonien wurzeln sehr tief und benötigen sehr wenig Wasser. In Kalifornien oder Chile ist das anders, dort reichen die Wurzeln nicht sehr tief in den Boden. Neue Weinberge werden wir künftig eher in Regionen mit Muschelkalk-Böden anlegen, denn der speichert hervorragend das Wasser. So wollen wir 25 bis 30 Prozent Wasser sparen.

 
Wein-Plus: Was war der Auslöser, sich so stark beim Klimaschutz zu engagieren?

Miguel Torres: Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" hat mich sehr beeindruckt. Nachdem ich ihn gesehen hatte, beschloss ich, dass wir etwas unternehmen müssen. Die Experten sagen einen weiteren Temperaturanstieg voraus - vielleicht um ein Grad, vielleicht um fünf Grad. Anstiege um weitere ein, zwei Grad können wir bewältigen, etwa durch weiteres Verlagern unserer Weinberge in die Berge oder durch verbesserte Anbautechniken. In Chile dagegen hat sich das Klima in den vergangenen 50 Jahren gar nicht verändert. Dort gibt es auch keinen Temperaturanstieg. Aber die Paläoklimatologie beweist, dass globale Temperaturveränderungen meist in der nördlichen Hemisphäre begonnen haben. Auch heute sind die Auswirkungen im Norden größer also im Süden. Für meine Kinder und Enkelkinder will ich wenigstens das unternehmen, was wir tun können. Ich will zumindest sagen können, wir haben alles versucht.



Wein-Plus: Sehen Sie sich selbst in der Führungsrolle beim Thema Weinbau und Klimaschutz?

Miguel Torres: Ja, ich sehe meine Rolle schon als Vordenker. Aber ich will sehr vorsichtig sein. Niemand in unserem Geschäft will gesagt bekommen, was er zu tun hat. Daher erzähle ich eben, was ich tue. Ich habe bereits etwa 20 Vorträge gehalten und meistens kamen Winzer hinterher zu mir und erzählten, na ja, eine Photovoltaik-Anlage habe ich schon. Das ist hervorragend - denn die haben angefangen, etwas zu tun. Auch in Kalifornien soll es bereits Winzer geben, die sich mit der Ökobilanz ihrer Arbeit beschäftigen. In Spanien sind wir die ersten. Der Weinbau ist gegenüber dem Klima sehr sensibel. Kartoffeln kann man einfacher anbauen als Weinreben.


Wein-Plus: Torres experimentiert intensiv mit autochthonen Sorten. Welche haben sich für Ihr Haus als interessant herausgestellt?

Miguel Torres: 1982 hatten wir erstmals die Idee, alte katalanische Sorten wieder zu entdecken. Derzeit haben wir noch etwa 30 Sorten in unserem Inkubator. Wir sind recht erfolgreich mit unseren Experimenten und wollen in Zukunft mehr Wein aus diesen alten Sorten machen. Bei den Mikrovinikationen, die wir jedes Jahr machen, erleben wir große Überraschungen. Zwei Sorten haben wir dabei entdeckt: Garró und Samsó verwenden wir beispielsweise nun in unserem Top-Wein Grans Muralles. Man muss ja leider fünf Jahre warten, bis größere Erträge kommen. Uns helfen die Experten und Ampelographen der Universitäten in Montpellier und in Tarragona. Manchmal können wir dennoch die angebauten Sorten nicht bestimmen, auch nicht mit DNA-Tests.


Wein-Plus: Bei den Spitzenweinen verwendet Torres kaum Tempranillo. Warum?

Miguel Torres: In Penedès hatten wir vor 30 Jahren natürlich bereits Tempranillo, Garnacha und Carinena gehabt. Aber mit unserem damaligen KnowHow erreichten wir damals maximal eine mittlere Weinqualität. Heute können wir das alles viel besser. Wir wissen, wie wir Tempranillo anbauen müssen, um beste Qualität zu erzielen. Damals wollten unbedingt wir Sorten wie Chardonnay und Cabernet Sauvignon anbauen. Jean Leon hatte in den 60er-Jahren bereits Cabernet Sauvignon gepflanzt! Wir haben dann auch Merlot genommen und die anderen internationalen Sorten, wir wollten Wein wie jenen aus Bordeaux machen. Später bemerkten wir: Vielleicht ist das ein Irrtum! Heute würden wir bestimmt keine neuen Chardonnay- oder Cabernet Sauvignon-Weinberge mehr anlegen. Das ist vorbei. Alle unsere neuen Weine bestehen aus traditionellen Sorten.


Miguel Torres und seine deutsche Ehefrau Waldtraud
Wein-Plus: Wie alt sind im Durchschnitt die Reben in ihren Weinbergen?

Miguel Torres: Die sind im Durchschnitt ungefähr 15 Jahre alt. Wir haben sehr alte Reben, die über 60 Jahre alt sind, und in den vergangenen Jahren haben wir weniger gepflanzt.


Wein-Plus: Wieso ist Torres nie im Rioja aktiv gewesen?

Miguel Torres: Nach Ribera del Duero werden wir nun im kommenden Jahr auch im Rioja etwas machen. Derzeit bauen wir in Rioja Alavesa einen Keller. Im kommenden Jahr werden wir auch einen Crianza-Wein herausbringen. Bereits 2006 haben wir ihn ausgebaut und im Eichenholzfass reifen lassen. Rioja ist die ganz große Kategorie in Spanien. Aber über die Gründe, warum wir bislang nicht dort aktiv waren, mag ich nicht so gerne reden. Es gibt auch Schwachpunkte dort, aber die will ich hier nicht diskutieren, denn ich habe zu viele Freunde im Rioja. Ich hoffe, aber dass wir viele neue Dinge dort anfangen können.


Wein-Plus: Verraten Sie uns zum Schluss Ihren persönlichen Lieblingswein?

Miguel Torres: Wir machen einen Wein in Chile, der in Deutschland total unbekannt ist. Er heißt Manso de Velasco, wird aus Cabernet Sauvignon gemacht und stammt von einem hundert Jahre alten Weinberg im Valle de Curicó. Es ist so schade, dass der Wein nicht seinen Weg nach Deutschland findet. Der ist ganz einmalig und wunderbar! Ich könnte auf der Stelle mit Ihnen jetzt zwei Flaschen davon trinken.


Zu den Weinen im Weinführer

Aus Spanien

Aus Chile


Uwe Kauss

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