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05.05.2010
Im Gespräch: Graf Georg von Kuenburg, Castell Sallegg
Alpenwein zwischen wilden Palmen und Gletschern
Von Uwe Kauss
Leserkommentare (bisher 1)

Wein-Plus: Graf Kuenburg, Als Sie den Betrieb übernommen haben, war das Gut ihrer Eltern ein Obstbaubetrieb. Wieso haben Sie ihm Weinbau verordnet?

Graf Kuenburg: Vor 25 Jahren gab es in der Familie die Überlegung, den Weinbau aufzugeben und auf den Flächen Apfelbäume zu pflanzen. Meinen Großeltern gehörte das Gut, das zeitweise mein Vater führte. Dann kam die Zeit, in der ich Sallegg übernehmen sollte. Ich bin genau in dieser Phase in Kaltern angekommen, in der die geplante Umstellung von Wein- auf Obstbau begann. Zuvor gab es zwar auch etwas Weinbau, aber das war eine Art Hobby. Wein wurde für die Familie und ein paar Freunde produziert. Es war kein Geschäft. Es hat sich nicht gelohnt, und daher wurde beschlossen, wieder voll auf den Obstbau zu setzen. Ich dachte mir: Das ist doch jammerschade. Es gibt schließlich genug Weingüter dieser Größe, die sehr gut leben können - da wird sich doch etwas machen lassen. Ich schaute mir einige Betriebe in der Region, in Deutschland und Italien genau an. Das Ergebnis war: Es müsste bei uns ebenso gut funktionieren. Also habe ich den Umbau gestoppt, die knapp drei Jahre zuvor gepflanzten Apfelbäume wieder herausreißen lassen und Reben gepflanzt.

Wein-Plus: Welches Verhältnis zum Wein hatten Sie damals?

Graf Kuenburg: Ich bin ein klassischer Quereinsteiger. Ich hatte zuvor mit Wein gar nichts zu tun, außer, dass ich gelegentlich guten Wein trank. Ich stamme aus Österreich, habe in Innsbruck Betriebswirtschaft studiert und das Skifahren genossen. Erst später beschloss ich, etwas Ordentliches zu machen. Ich ging also nach Südtirol und absolvierte ein Obst- und Weinbaustudium an der Landwirtschaftsschule Laimburg in Pfatten. Ich war 30 Jahre alt und saß dort mit 14-, 15-jährigen Mitschülern in einer Klasse. Das war eine tolle Erfahrung. Ich dachte ja: Ein Baum oder eine Rebe wächst schließlich von selbst, da muss man nicht viel machen. Dort verstand ich schnell, dass das Thema viel komplexer ist. Eben eine Wissenschaft. Von diesem Moment an interessierte mich Weinbau wirklich, und ich habe mich richtig in die Arbeit hineingekniet. Und so begann ich, den Betrieb umzuorganisieren. Wir haben neue Weingärten angelegt, Reben gepflanzt, neue Sorten eingeführt, Lagen und Böden analysiert, um dort das Richtige auf die richtigen Unterlagen zu pflanzen. Der Weinbau blühte wieder auf.

Wein-Plus: Wieviel Hektar bewirtschaften Sie derzeit?

Graf Kuenburg: Aus der alten Zeit ist nur noch eine Anlage übrig, auf der Vernatsch steht. Der braucht diese uralten Reben. Wir haben insgesamt 24 Hektar Rebfläche völlig rekultiviert und neu gepflanzt. Dahinter stand aber kein Masterplan. Wir haben uns Stück für Stück an die Arbeit gemacht, Erfahrungen gesammelt – und das hört ja nie auf. Ich beginne jetzt schon wieder, Reben herauszuwerfen und neue zu pflanzen. Es ist ein ständiger Kreislauf.

Wein-Plus: Was hat sich im Keller getan?

Graf Kuenburg: Der war ein Museum. Die Fässer, die ich übernahm, waren teils über 100 Jahre alt - und wurden bis zuletzt verwendet. Sie stehen nun im Weinmuseum in Kaltern. Wir haben mit den Möglichkeiten, die wir hatten, einen modernen Keller installiert. Denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz, da gibt es Begrenzungen. Also muss man den Platz gut durchdacht nutzen, damit man sinnvoll arbeiten kann. Nun sind wir auf dem modernsten technischen Stand, wir können temperaturgesteuert vergären. Der Keller liegt in elf Metern Tiefe, drei Stockwerke führen hinab. Ganz unten ist der Fasskeller, weiter oben der Gärbereich. Vorher war es romantisch schön, jetzt kann man dort arbeiten. Ein High-Tech-Keller im alten Gewand.

Wein-Plus: Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: Meine Idee hat funktioniert?

Graf Kuenburg: Dieses Gefühl werde ich wohl nie haben. Ich bin nie sicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin, suche ständig nach Verbesserungen. Ich höre es gern, wenn mir jemand sagt: Du bist auf dem richtigen Weg. Aber ich zweifle ständig. Was kann man besser machen? Was muss man anders machen? Wie soll man es machen? Es ist ein ständiges Lernen.

Glossar zum Thema

Wein-Plus: Eine Spezialität Ihres Hauses ist der Rosenmuskateller. Wie kamen Sie dazu?

Graf Kuenburg: Ihn anzubauen war für mich selbstverständlich. Denn der Rosenmuskateller ist eine Spezialität in Südtirol – und mein Urgroßvater, Fürst Heinrich von Campofranco, brachte ihn vor rund 100 Jahren aus Sizilien hierher. Er ging mit meiner Urgoßmutter nach Südtirol, konnte sich aber von seinem geliebten Rosenmuskateller nicht trennen. Also nahm er ihn einfach mit. Von diesen Reben stammen sämtliche Stöcke ab, die jemals in Südtirol gepflanzt wurden. Die Weinbauschule Laimburg hat unsere Reben selektioniert, auch haben wir eigene Versuche gemacht. Man spricht inzwischen von einem Kuenburg-Klon – was aber falsch ist. Denn die Kuenburgs hatten damit nie etwas zu tun, richtig muss es Campofranco-Klon heißen. Dieser Rosenmuskateller wird immer unser kleiner Schatz bleiben und spezielle Aufmerksamkeit erhalten. In schlechteren Jahrgängen wird er allerdings nicht ausgebaut. Mir ist es lieber, einen Jahrgang ausfallen zu lassen als einen schlechten präsentieren zu müssen.

Wein-Plus: Wieso haben Sie mit diesem Traditionsbewußtsein beschlossen, Merlot anzubauen?

Graf Kuenburg: Ich bin ein begeisterter Merlot-Trinker. Zum anderen gedeiht die Sorte in den kühleren Gebieten rund um den Kalterer See ganz hervorragend. Er bringt hervorragende Qualität – man muss nur den Ertrag reduzieren und die richtigen Voraussetzungen schaffen. Mir ist klar, dass es derzeit eine regelrechte Merlot-Schwemme in Italien gibt. Oft ist Merlot eine Katastrophe. Aber man kann reinsortig daraus wunderschöne, saftige, samtige und weiche Weine machen. Oft wird er unter Wert losgeschlagen. Genauso ist es auch mit dem Vernatsch, der bei uns „Bischofsleiten“ heißt, weil er nur in dieser Einzellage wächst. Er ist das Herzblut der Südtiroler. Diese Sorte ist sehr angenehm zu trinken – leicht, fruchtig, bekömmlich, wenig Säure.

Wein-Plus: Der Lagrein gehört ebenfalls nach Südtirol. Welche Erfahrungen haben sie mit ihm gemacht?

Graf Kuenburg: Der Lagrein wächst am besten in Gries bei Bozen. Er gilt dort als typisch und von besonders guter Qualität. Vor über 20 Jahren wurde genau dort eine Siedlung auf Lagrein-Böden gebaut. Ich beobachtete die Bagger und den Baubeginn. In dieser Zeit waren wir dabei, Vernatsch zu reduzieren und mehr Lagrein anzubauen. Also fragte ich einen Bauleiter: Was macht ihr mit dem ganzen Aushub? „Den schütten wir in die Etsch“, antwortete der. Ich schlug ihm vor: „Bringt ihn doch zu mir, das macht euch doch viel weniger Arbeit.“ In einer meiner Hanglagen hatte ich eine tiefe Mulde, die wir ohnehin auffüllen mussten. Also haben wir vier Meter tief abgegraben. Von der Baustelle kamen über 300 LKW und füllten das Loch mit dem Aushub. Dort wächst nun mein Lagrein auf besten Grieser Lagrein-Gründen. Der Boden ist mittelschwer und hat nur wenig Neigung, und das tut den Reben gut. Denn Lagrein mag es eher etwas feucht, er ist sehr empfindlich gegen Trockenheit, aber Staunässe kann ebenfalls nicht entstehen. Wunderbar! Unsere Weißweine stehen dagegen in 500 bis 550 Metern Höhe auf Kalk und Schotter, was ihnen eine schöne Mineralität verleiht.

Wein-Plus: Wie haben Sie – als Quereinsteiger – einen Zugang zum Terroir gewonnen?

Graf Kuenburg: Rund um den Kalterer See ändert sich innerhalb von wenigen hundert Metern der Boden und das Kleinklima. Durch diese Klein- und Kleinstlagen haben wir eine unglaubliche Vielfalt. Dieselbe Sorte, vierhundert Meter weiter gepflanzt, ergibt einen völlig anderen Wein. Dadurch ist die Arbeit sehr vielschichtig. Es hilft mir viel, zu hören, was die Alten erzählen. Sie haben jahrzehntelange Erfahrung mit diesen Böden und wissen ganz genau, was wo am besten wächst. Wir selektionieren unsere Parzellen sehr scharf und bauen sie einzeln aus.

Wein-Plus: Ist das Klima am Kalterer See mediterran oder mehr von den Alpen geprägt?

Graf Kuenburg: Der Talkessel ist nach Süden hin offen. Dadurch kommt die warme Luft herauf zu uns, und so leben wir in einem mediterranen Klima. Bozen gilt als eine der wärmsten Städte Italiens, wir verzeichnen 1900 Sonnenstunden pro Jahr. Im Sommer haben wir über 40 Grad. Hier wachsen wilde Palmen – aber im Hintergrund glänzen die Gletscher. Sie kühlen abends die Temperatur herunter. Diese Kombination ist einzigartig. Wir machen einen Alpenwein, einen Wein aus den Dolomiten.

Alle Bilder: Copyright Weingut Castel Sallegg

Das Weingut Castel Sallegg - Georg Graf Kuenburg im Wein-Plus Weinführer:

http://www.wein-plus.de/italien/Weingut+Castel+Sallegg+-+Georg+Graf+Kuenburg_52685.html


Uwe Kauss

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