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22.10.2009
Geheimrat J
Ein zeitloser Riesling wird 25 Jahre
Von Uwe Kauss
Leserkommentare (bisher 4)

Der Geheimrat J der Weingüter Wegeler im Rheingau gilt als moderner Klassiker des Rieslings: Trocken, geprägt vom Terroir und lange lagerfähig. In den 80er Jahren setzte er in den Restaurants einen neuen Maßstab für deutschen Wein. 2009 feiert er seinen 25. Jahrgang.

Der Geheimrat J braucht oft viele Jahre bis zur Reife. Selbst über 20 Jahre alte Jahrgänge zeigen erstaulich viel Frucht und Substanz (Foto: Wegeler)

1983 musste ein bedeutender Wein vor allem eins haben: Mostgewicht. Die Spätlese galt noch als etwas ganz Besonderes, die Begriffe "trocken" und "Terroir" kannte fast niemand. Das war höchstens Gesprächsstoff für Sammler, Snobs und Kenner. In guten deutschen Restaurants wurde hochwertiger Weißwein vor allem aus dem Burgund verkauft. Nicht aus Deutschland. Aus Sicht der beginnenden 80er Jahre machte Norbert Holderieth daher alles falsch. Der damalige Kellermeister der Weingüter Geheimrat J Wegeler Erben aus Oestrich-Winkel im Rheingau entwickelte in diesem Jahr eine trockene Spätlese-Cuvée aus Riesling bester Lagen. Sie war trocken. Sie trug keine Lagenbezeichnung. Sie schmeckte eindeutig nach ihrem Rheingauer Terroir. Die Winzerkollegen tuschelten: Was macht der denn da? Niemand verstand so recht, was Holderieth damit anfangen wollte. Doch Weinkenner und vor allem Restaurants hatten auf einen trockenen Wein gewartet, der genau diesen Stil verkörperte. Als zu Anfang 1985 der Geheimrat J erstmals vorgestellt wurde, war er innerhalb von acht Wochen ausverkauft. Der Wein wurde ein Vorbild für viele spätere Top-Rieslinge. Holderieth hatte ihn nach dem Gutsgründer Julius Wegeler benannt, dem 1893 der Ehrentitel des Geheimrats verliehen wurde. Mittlerweile ist der Wein so populär, dass Fans gerne den „Geheimrat“ im Namen beiseite lassen: Man trinkt „J“ vor allem zum Essen - in USA und Schweden ebenso wie in Italien oder Israel.

Anja und Tom Drieseberg sind die Inhaber des Weingutes Wegeler mit drei Guthäusern - im Rheingau, in der Pfalz und an der Mosel

Seit 1998 ist Dr. Tom Drieseberg als Geschäftsführer für drei Wegeler-Güter verantwortlich: Das Rheingauer Gutshaus in Oestrich ist zugleich Unternehmenssitz, dazu kommen die Gutshäuser in Bernkastel an der Mosel und im pfälzischen Deidesheim. Alle Drei arbeiten völlig unabhängig, aber mit derselben Qualitätsphilosophie. Drieseberg erklärt den den Grundcharakter des „J“ so: „Die Grundbestandteile des J sind zwei Weintypen. In Rüdesheim und Geisenheim wachsen mineralische Rieslinge auf Schiefer und Quarzit. In den Lagen in Winkel und Oestrich entstehen eher duftige, weiche Weine auf Lehm-, Mergel- und Lössböden. Die richtige Kombination aus beidem macht ihn letztlich aus. Wir verfügen über ein dutzend Große Gewächs-Lagen, aus denen wir die für das Jahr am besten geeigneten Trauben herauspicken können“. Der Ertrag liegt derzeit „bei knapp 50 Hektoliter pro Hektar in den jüngeren Anlagen“, erzählt Michael Burgdorf, der heute verantwortliche Kellermeister, „in den über 50 Jahre alten Weinbergen liegen wir bei nur 35 Hektoliter.“

Burgdorf, der zuvor beim Öko-Weingut Heyl zu Herrnsheim in Rheinhessen arbeitete, muss oft weite Wege zur Arbeit fahren: Julius Wegeler hatte nämlich Weingärten am Rhein auf der Länge von etwa 20 Stromkilometern gekauft - darunter Top-Terroirs wie die drei berühmten Rüdesheimer Berglagen Rottland, Schloßberg und Roseneck, aber auch am Geisenheimer Rothenberg, dem Winkeler Jesuitengarten oder in der Johannisberger Hölle. „Er wollte sicher sein, bei jedem Wetter gute Weine ernten zu können“, erklärt der Weinmacher. Die damalige Idee erklärt er so: „Wenn es richtig nass ist, bekomme ich trotzdem Lesegut aus den Rüdesheimer Lagen, in denen das Wasser gut abläuft. Wenn es zu trocken ist, mache ich die Weine aus den Lagen Oestrich und Hallgarten, wo die Böden fetter sind und das Wasser besser speichern“. Die Idee des heute 74-jährigen Holderieth war es, das Bordeaux-Prinzip auf seine Arbeit im Rheingau zu übertragen. Auf einer Reise in die Champagne lernte er das für deutsche Winzer noch unbekannte Qualitätsprinzip kennen: Der Name des Chateau steht für einen wiedererkennbaren, terroirgeprägten Wein. „Wir mussten aber erst lernen, wie man den macht“, sagt Holderieth bescheiden. Er verstand schnell, dass dieser Anspruch sich nur mit perfekt ausgereiftem Lesegut erzeugen lässt. Dieser Erkenntnis folgte er konsequent: Wenn die Mostgewichte nicht reichten, gab es eben keinen „J“. So geschah es 1984, 1987 und 1991. Welche Qualität der Riesling entwickelt, zeigte eine Jubiläumsverkostung, die Ralf Frenzel, Herausgeber der deutschen Ausgabe des Weinmagazins „Fine“, in Frankfurt am Main organisiert hatte: Der 1983-er zeigte eine hoch elegante Kombination aus viel reifer Frucht und schöner, komplexer Mineralität. Eleganz pur.

Der Geheimrat J ist noch heute das Flaggschiff von Wegeler und steht in der Hierarchie über den Ersten Gewächsen. „Wir haben das Glück, über 15 Erste Lagen zu verfügen, aus deren Weinen wir den „J“ produzieren können“, sagt Burgdorf, „wir können also Top-Weine aus der Cuvée weglassen, die nicht mit dem Ganzen harmonieren.“ Er baut rund die Hälfte des Weins in alten Stück- oder Doppelstückfässern aus; etwa 25 Prozent sei ihr Anteil im Geheimrat J. Bis zu 30 Mal verkostet das Wegeler-Team die Weine, bis die Cuvée komponiert wird - Norbert Holderieth sitzt dabei mit am Tisch. Doch um diese Weinqualität zu erreichen, haben Burgdorf und Drieseberg den Betrieb „entschleunigt“, wie der Geschäftsführer es nennt: „Im Frühjahr 2000 sind die Separatoren vom Hof gerollt und gebraucht verkauft worden.“ Sie investierten nicht in Technologie, sondern in gravitationsbasierte Technik, große Presskapazität und Erntehelfer. „Das einzige, was wir uns geleistet haben, sind Erntewagen, die man hydraulisch auf drei Meter Höhe hochfahren kann, um mit Schwerkraft arbeiten zu können. Wir sind hier auf dem flachen Land, anders geht das hier nicht“, berichtet Drieseberg. „Zudem haben wir die Anbaufläche um 20 Prozent verringert, unsere Presskapazität zugleich um 50 Prozent erhöht, damit wir heute selbst entscheiden können: Wollen wir eine Standzeit oder nicht? Heute müssen die Trecker nicht eine Stunde im Hof warten, bis sie abgeladen werden können. Wenn wir entscheiden, eine Ladung abzupressen, ist Kapazität da“, ergänzt Kellermeister Burgdorf.

Im Tank muss der Wein den Rest selbst machen. Das kann dauern. Denn wenn er nach der Gärung und nur kurzer Lagerung bereits voll da ist, wird Burgdorf skeptisch: „Wenn ein Wein bei hundert startet, habe ich immer die Sorge, dass keine zweite oder dritte Stufe mehr folgt“, erzählt er, „das darf beim J nicht sein.“ Der müsse bei 80 bis 85 Prozent starten „und daraus Perspektive entwickeln“. Auch im Keller durchlaufe er „ganz unterschiedliche Phasen“. Vom Auf und Ab lässt er sich nicht verrückt machen. Für ihn ist die richtige Traubenauswahl entscheidend, damit die Perspektive stimmt: „In diesem Herbst haben wir sechs Wochen selektiert und lange im Weinberg gesucht, bis wir die Trauben gefunden hatten, die wir brauchen.“

Das Weingut Geheimrat Julius Wegeler Erben mit seinem idyllischen Innenhof liegt mitten im bekannten Rheingau-Weinort Oestrich-Winkel

Knapp 45.000 Flaschen pro Jahrgang kommen jeweils erst kurz vor Weihnachten des Folgejahres zu den Kunden. „Zu diesem Zeitpunkt sind die Ersten und Großen Gewächse der anderen Güter bereits drei Monate im Handel. „Die Idee des J ist kontraproduktiv fürs Marketing. Wir kommen zu einem Zeitpunkt, an dem bereits wieder die ersten Weine des aktuellen Jahres angeboten werden. Aber der J benötigt Reifezeit, und die wollen wir ihm geben“, sagt Drieseberg. Um zu zeigen, wie sich Geheimrat J über die Jahre entwickelt, offeriert er seinen Kunden nicht nur die jeweils aktuellen Jahrgänge, sondern auch ein deutlich reiferes Jahr - so sind aktuell nicht nur die Jahre 2008, 2007 und 2006 zu haben - sondern auch 2000. Ein zeitloser Wein mit Perspektive.


Uwe Kauss

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