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29.04.2009
Frankreichs Südwesten
Das Land der unbekannten Möglichkeiten
Von Marcus Hofschuster
Leserkommentare (bisher 2)

Das Anbaugebiet Südwestfrankreich unter einen Hut zu bekommen, wäre ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen – und es erklären zu wollen gleicht dem Versuch, die Krempe eines Zylinders zu heben, der, voll mit Murmeln, umgestülpt vor einem steht: man wird schnell überrollt von all den Fakten, Zahlen und Eindrücken. Die Zahl der insgesamt 19 AOCs und VDQS' ist mit etwas Mühe noch einigermaßen überschaubar, wenn auch großenteils kaum bekannt; kommen die 22 Landweine hinzu, verliert man bereits leicht den Überblick. Noch schlimmer wird es durch verschiedenste geologische Gegebenheiten, eine Vielfalt von Weintypen und Stilen und ein mindestens in Frankreich einmaliges Sammelsurium an häufig nur in einem eng begrenzten Gebiet verwendeten, autochtonen Rebsorten, die noch dazu nicht selten mehrere Synonyme besitzen. Man bekommt zwangsläufig den Eindruck, mit dem Begriff „Südwestfrankreich“ wurde nur aus Not eine Reihe von Herkünften zusammengefasst, die im Grunde kaum etwas miteinander zu tun haben, weil man sie sonst nirgends unterbrachte.

Quelle: CIVSO

Wer sich jedoch abschrecken lässt von diesem verwirrenden Mosaik, verpasst etwas. Immerhin könnte man den Spieß auch umdrehen und von spannender Vielfalt reden. Die Voraussetzungen sind jedenfalls nicht die Schlechtesten. Wenn es gelingt, die Vielzahl an Herkünften und eigenständigen, teils überaus charaktervollen Rebsorten zu nutzen, um sich mit ebenso eigenständigen und charaktervollen Weinen zu profilieren, dürfte man eigentlich gut aufgestellt sein in Zeiten, in denen Weine an breiter Front immer austauschbarer werden und wahren Weinenthusiasten die Reize langsam auszugehen drohen. Schon heute entstehen in manchen Appellationen wieder erstklassige Weine, aber es sind durchaus Zeichen auszumachen, die auf eine weitere erhebliche Steigerung der Qualität vor allem in der Breite, aber auch in der Spitze hindeuten.

Doch schon die Erkundung des Gebietes ist schwer. Es umfasst im Wesentlichen die Départements der Garonne und des Tarn im Norden und Osten, Hautes Pyrénnées und Pyrénnées Atlantiques im Süden und Gers im Zentrum, in dem fast ausschließlich die überwiegend weißen Landweine der Côtes de Gascogne produziert werden und um die die AOCs wie Satelliten angeordnet sind. Die Region ist fast durchweg ländlich geprägt und misst zwischen ihren äußersten Grenzen im Osten und Südwesten rund 300 Kilometer. Wollte man die Appellationen alle auf einmal mit dem Auto erkunden, wäre man auf den bisweilen einsamen Landstraßen Wochen und Monate allein mit Fahren beschäftigt. Viele der Landschaften sind beschaulich bis spektakulär und laden zum Verweilen ein, aber schon wären wir wieder abgelenkt vom Wein, der doch mitunter nicht weniger spektakulär ausfallen kann.

Die Haut-Pays

Quelle: CIVSO
Als Haut-Pays wurden früher die Weinregionen jenseits des Bordelais entlang der Flüsse Dordogne und Garonne bezeichnet. In diesen Bereichen wurde oft wesentlich früher Wein angebaut als um Bordeaux, und einige von ihnen besaßen lange vor den Nachbarn eine derart vorzügliche Reputation, dass sie für das aufstrebende Bordelais eine ernste Bedrohung darstellten. Zum Glück für die bordelaiser Weinproduzenten führten alle wichtigen Handelswege – die Flüsse – durch Bordeaux, was es den geschäftstüchtigen Nachbarn ermöglichte, den Absatz der Weine aus den Haut-Pays durch Zölle und Handelsbeschränkungen empfindlich zu drosseln. So entstand wohl ein nicht unerheblicher Teil des Reichtums von Bordeaux in früheren Zeiten aus einer Art zivilisierter Wegelagerei, ein Umstand, der so manchem Winzer zwischen Dordogne und Garonne noch heute die Zornesröte ins Gesicht treibt.

Eine der berühmtesten Appellationen des Südwestens ist Cahors, das sich zu beiden Seiten des Lot erstreckt. Der Ruf des „schwarzen Weins“ war einst legendär und klingt bis heute nach, wenn auch inzwischen erheblich leiser als früher. Neben der damaligen Geschäftspolitik der Bordelaiser machte auch die Reblauskatastrophe zu Beginn des 20. Jahrhunderts den ansässigen Winzern schwer zu schaffen. Dazu kam die plötzliche Konkurrenz aus dem Languedoc, von wo seit dem Bau der Bahnlinie zwischen Bordeaux und der Mittelmeer-Region Massen an billigem Wein in die lukrativen Märkte drängten, die von Bordeaux aus beliefert wurden. Erst seit dem verheerenden Frost im Jahr 1956 und einem fast vollständigen Neuanfang begann sich Cahors wieder eine nachhaltige Reputation aufzubauen. Der Wein besteht heute aus mindestens 70% Malbec, der im Südwesten Côt, in Cahors aus unerfindlichen Gründen aber Auxerrois genannt wird. Als Verschnittpartner sind mehrere Sorten zugelassen, hauptsächlich kommen aber Tannat und immer öfter auch Merlot zum Einsatz. Die beiden berühmten Cabernet-Sorten aus Bordeaux sind allerdings nicht zugelassen.

Cahors war trotz seiner höheren Lage lange Zeit konzentrierter und kräftiger als die meisten Bordeaux, weshalb sein Wein auch gerne zur „Verbesserung“ seiner nordwestlichen Nachbarn herangezogen wurde. Im Zuge der kellertechnischen Fortentwicklung und des Klimawandels haben die Bordeaux inzwischen fast gleichgezogen. Dabei wirkt ein erstklassiger Cahors auch bei mehr als 13% Alkohol wesentlich kühler als die meisten klassifizierten Médoc-Gewächse.

Gascogne - Quelle: CIVSO

Die Reben stehen hier zumeist entweder auf einem der drei Kalksteinplateaus (den causses) mit ihren oft extrem dünnen Bodenauflage, oder wesentlich häufiger, an den terrassierten Hängen (den coteaux) mit Sand- und Kiesböden. Es herrscht weitgehender Konsens darüber, das die langlebigsten und charaktervollsten Weine in der Regel von den zwei höchstgelegenen Plateaus stammen, doch auch in anderen Lagen entstehen immer wieder exzellente Tropfen. Die weiter flussaufwärts gelegenen, winzigen VDQS Vins d’Entraygues et du Fel und Vins d’Estaign, sowie die AOC Marcillac (die von einst 5000 Hektar auf ganze 170 zusammenschrumpfte) sind sowohl von ihrer Bodenvielfalt als auch von ihrer exzentrischen Sortenwahl her so spannend, dass man sie im Auge behalten sollte, und auch die im Süden angrenzende, erheblich größere VDQS Coteaux du Quercy bietet immer interessantere Tropfen.

Südwestlich von Cahors, jenseits der Garonne, liegen die AOC Buzet und die VDQS Côtes du Brulhois. Während man es in Buzet mit den gängigen Bordeaux-Sorten zu tun hat, genießen in den Côtes du Brulhois auch Tannat, Côt und die kräftige, herbe und pfeffrige Fer Servadou hohes Ansehen. Interessanterweise verweist auch diese gerade einmal 250 Hektar große VDQS, die lediglich von zwei Kellereien und zwei Privatwinzern bewirtschaftet wird, auf eine Tradition als Heimat von „schwarzem Wein“.

Gaillac - Quelle: CIVSO

Ganz im Westen des Gebietes, auf halbem Weg zwischen Mittelmeer und Atlantik, liegt die AOC Gaillac. Einst hoch geschätzt ist diese von den zwei verschiedenen maritimen Einflüssen geprägte Zone heute außerhalb Frankreichs nur mehr wenig bekannt. Noch scheint Gaillac nicht aus seinem Dornröschenschlaf erwacht zu sein. Zwar gibt es hier reichlich tiefgründigen Ackerboden, daneben aber auch viel geeignetes Rebland mit Kies-, Ton- und Kalkböden, teils auf terrassierten Hängen. Noch ist es schwer, wirklich spannenden Rotwein zu finden, der unter anderem aus der säurebetonten Duras und Fer Servadou (hier Braucol genannt) produziert wird. Interessanter sind oft die Weißen aus Mauzac, Loin del’Oeil und Muscadelle. Auch guter Perl- und Schaumwein wird produziert.

Fronton - Quelle: CIVSO

Westlich von Gaillac und nördlich von Toulouse befindet sich das kleine Anbaugebiet Fronton, das allem Anschein nach ein wenig darunter leidet, dass die nahe Universitätsstadt einen zu bequemen Umschlagplatz für eher einfache, süffige Weine abgibt. So werden die Vorzüge der heimischen Sorte Négrette, die schlanke, aber gleichwohl feine und rassige Rotweine ergeben kann, nur selten ausgereizt. Unglücklicherweise geht der Ehrgeiz einiger Produzenten eher in die Richtung, den Weinen mit röstwürziger Holzimpfung auf die Beine zu helfen, statt der Sorte und dem Boden zu vertrauen. Doch selbst in diesem moderneren Stil finden sich einige interessante Tropfen.

Der Süden

Im äußersten Südwesten Frankreichs entstehen einige der charaktervollsten Weine des Landes. Sowohl für den Rotwein als auch für den Weißen kann man hier auf echte Juwelen unter den Rebsorten zurückgreifen. Bei den Roten heißt die vorherrschende Sorte Tannat. Sie ergibt tiefdunklen, festen, kernigen und mitunter gewaltigen Wein von eherner Struktur und außerordentlicher Kraft. Sein Tannin ist legendär und macht den Weinen in schwierigeren Jahrgängen durchaus zu schaffen, wenn die Frucht der Lagerzeit weniger gut standhält als das zupackende Tannin. In den besten Lagen der berühmten AOC Madiran und von guten Produzenten entsteht aus Tannat - in Verbindung mit geringeren Anteilen von Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon oder Fer Servadou - allerdings ein einmaliger Wein. Sucht er sich in jungen Jahren seine Freunde mit der Pinzette, kann er sich nach einiger Flaschenreife zu einer herben, maskulinen Großzügigkeit aufschwingen, der man nur schwer zu widerstehen im Stande ist.

Madiran - Quelle: CIVSO

Béarn - Quelle: CIVSO
In den benachbarten Regionen Côtes de St.-Mont und Tursan sowie in der AOC Béarn (von der kleine Teile an Madiran angrenzen, deren weit größerer Teil jedoch weiter südlich an Jurancon anschließt) und in der baskischen AOC Irouléguy fallen die Rotweine mit überwiegendem Tannat-Anteil zumeist leichter und nicht selten auch härter aus.

Geographisch ist die AOC Pachérenc du Vic-Bilh mit der AOC Madiran völlig identisch, nur wird dieser trockene bis edelsüße Weißwein lediglich auf rund 250 Hektar produziert, während die Fläche des Madiran etwa 1300 Hektar beansprucht. Neben den auch im bekannteren Jurancon verwendeten Gros Manseng, Petit Manseng und Petit Corbu kommen hier auch die lokale Sorte Arrufiac (auch Ruffiat), sowie Sauvignon und Semillon zum Einsatz.

Einiges Ansehen hat sich die Weißwein-AOC Jurancon erworben. Vor allem ihre Dessertweine aus Petit Manseng und Corbu sowie bisweilen auch kleineren Anteilen Camaralet und Lauzet sorgen immer wieder für Aufsehen. Anders als andere Süßweinregionen ist Jurancon nicht unbedingt auf Edelfäule angewiesen, um großartige Dessertweine zu erzeugen. Besonders die dickschalige Petit Manseng ist für Fäulnis wenig anfällig und kann daher im Herbst so lange hängen gelassen werden, bis die oft völlig gesunden Trauben am Stock langsam eintrocknen. Für die trockene Variante wird zusätlich Gros Manseng verwendet, eine dünnschaligere Variante. Sie ergibt einen Wein, der nicht selten an trockenen Chenin Blanc von der Loire erinnert, jedoch zumeist deutlich kräftiger ausfällt.

Béarn - Quelle: CIVSO

Auch in der Nachbarzone Béarn und der erst kürzlich zur AOC erhobenen Béarn-Bellocq werden Dessertweine aus Petit Manseng und Gros Manseng produziert, aber die Hauptrolle spielt hier die einheimische Sorte Raffiat de Moncade. Für Rotwein und den im Gebiet hohes Ansehen genießenden Rosé stehen Tannat sowie Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc zur Verfügung.

Die südlichste AOC im Südwesten – und die einzige französische Appellation im Baskenland – heißt Irouleguy. Nur wenige Kilometer von Biarriz und Bayonne erstreckt sich dieses kleine Gebiet auf beiden Seiten der Nive direkt an der spanischen Grenze. Die hoch gelegene Region bietet nur in steilen Südlagen gute Voraussetzungen für den Weinbau und auch hier ist die Ausreifung nicht immer gesichert. So sind die Rotweine aus Tannat, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon oft herb, metallisch und säurebetont und man fragt sich immer wieder, ob es nicht sinnvoller wäre, früher reifende oder wenigstens weniger hart auf geringe Reife reagierende Sorten zu kultivieren. Bei den Weißen sieht die Situation etwas anders aus. Gros und Petit Manseng profitieren hier durchaus von langen Hängezeiten und können knackige, bisweilen ziemlich mineralische Tropfen hervorbringen.

Millau - Quelle: CIVSO

Die Landweine

Die Vins de Pays spielen in Frankreichs Südwesten eine bedeutende Rolle. Während auf AOC und ADQS lediglich 30% der Gesamtfläche von rund 50000 Hektar entfallen, sind 45% davon den Landweinen vorbehalten (der Rest ist Tafelwein). Die wichtigsten der insgesamt 22 Landweine heißen Côtes de Gascogne, Comté Tolosan und Côtes du Tarn. Während in der Branntweinregion Gascogne mehr als 90% der Produktion auf Weißwein aus den auch für Cognac und Armagnac verwendeten Sorten Ugni Blanc und Colombard (sowie etwas Gros Manseng) entfallen, ist der Anteil der Rotweine in den anderen Gebieten erheblich höher. Die Qualitäten schwanken stark und auch die Stile sind ganz unterschiedlich. Einerseits findet man unter den Vins de Pays unkomplizierte, fruchtige Alltagsweine, die oft nach den verwendeten Rebsorten benannt sind, andererseits begegnen einem dort, wo der Ehrgeiz mit den Produzenten durchgeht, aber auch schwere, nicht selten überreife oder überextrahierte Holzmonster, wie man sie in fast allen Anbaugebieten der Welt finden kann.

So gibt es viel zu entdecken in diesem für die meisten Weinliebhaber weitgehend unbekannten Gebiet. Kaum ein Wein ist hier mehrheitsfähig (von den einfacheren Rebsortenweinen einer der vielen Genossenschaften vielleicht abgesehen, die zusammen etwa die Hälfte der Trauben des Südwestens verarbeiten), aber die Vielfalt ist so groß, dass sich für nahezu jeden Geschmack etwas Interessantes auftreiben lässt. Dabei sind selbst die besten Vertreter – von einigen Spitzencuvées und Dessertweinen abgesehen – ausgesprochen günstig. Und für Alle, die sich im Urlaub nach Abgeschiedenheit und bisweilen wilder Natur sehnen, ist Frankreichs Südwesten ohnehin ein idealer Rückzugsort.

Zu den Weinen im Weinführer


Marcus Hofschuster

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