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16.09.2009
Fermentation im Kopf und im Weinkeller
Von Tensoren, Franciacorta Satèn und viel Unternehmergeist
Von Katrin Walter
Leserkommentare (bisher 1)

Ruhig und mit sonorer Stimme antwortet Riccardo Ricci Curbastro auf jede ihm gestellte Frage, hat tausend Anekdoten zu erzählen und offeriert einen wunderbaren Wein. Wir befinden uns mitten in der Franciacorta, in Capriolo. Dann wartet er still die Reaktion seines Gegenüber ab, und als er in ein zufriedenes Gesicht schaut, sagt er: "Das ist ein Wein für Kenner", und meint den Franciacorta Extra Brut 2005 aus 50% Chardonnay und 50% Pinot Nero, den er nur in guten Jahrgängen produziert. Es gibt ihn auch noch als 2002er, denn die Politik des Familienunternehmens sieht vor, neben dem jeweils aktuellen Jahrgang immer mindestens noch einen früheren Jahrgang des gleichen Weins anzubieten. So auch beim Brut 1998, der erst 2007 seinen Pilzkorken aufgedrückt bekam, nach fast 9 Jahren auf dem Hefelager. Auch ein Wein für Kenner, heute, 2009, nach 11 Jahren.

Riccardo Ricci Curbastro in seinem Büro, wo man, links oben im Bild, auch an Einstein erinnert (Foto: Katrin Walter)

Satèn® Markenware made in Lombardy

Am meisten wird allerdings Brut verkauft, als "normaler" Franciacorta und als Satèn, auch wenn die Unterschiede zwischen Dosage Zero, Extra Brut und Brut in diesem Betrieb gering sind: 0 g, 3 bis 4 g und beim Brut 7 bis 8 g Restzucker. Beim Brut Satèn ermahnt Riccardo Ricci Curbastro "Trinken Sie einen Satèn niemals außerhalb der Mahlzeiten. Es wäre ein Fehler, ihn als Aperitif oder zu leichten Vorspeisen zu kombinieren."

Fast 1,75 Millionen Flaschen des seidigen Franciacorta Satèn Brut wurden 2008 verkauft. Das sind ca. 18 Prozent des Gesamtab-satzes von 9.662.691 Flaschen im letzten Jahr, mit einer Steigerung gegenüber 2007 von 1.295.660 Flaschen (Foto: Katrin Walter)
1995, in der Amtszeit von Riccardo Ricci Curbastro als Präsident (1993-1999) des Konsortiums Franciacorta, wurde diese Typologie als eingetragenes Warenzeichen registriert. Seitdem bezeichnet Satèn einen Blanc de blancs (Chardonnay und Weißburgunder) mit einem maximalen Druck von 4,5 bar in der Flasche (andere Franciacorta-Weine und klassische Flaschengärungen haben ca. 6 bar), der ausschließlich als Brut auf den Markt kommt. Er besitzt einen weichen cremigen Schaum, feinste Perlage und durch die Fermentation des Chardonnays im Barrique eine eine kraftvolle Struktur und schmelzige Konsistenz. Der perfekte Essensbegleiter.

Mit 27 Hektar ist Ricci Curbastros Weingut eher klein bis mittelgroß aber alle paar Jahre gibt es eine Innovation. So war es mit dem Dosaggio Zero (pas dosé), einem Wein als Hommage an seinen Vater Gualberto, mit 5 Jahren Hefelager und 0 g Restzucker. Seine Komplexität ist außergewöhnlich und "er bleibt doch immer ein Franciacorta mit viel Frische", wie Riccardo sagt, "im Gegensatz zum Champagner, in deren älteren Jahrgängen manches Mal stärkere oxidative Noten vorherrschen."

Glossar zum Thema
Bei aller Innovationsfreude werden Traditionen und die didaktisch wertvolle Vermittlung des Wissens an Kinder und alle Neugierigen dieser Welt ganz groß geschrieben. Seit 1986 befindet sich im Weingut ein Wein- und Landwirtschaftsmuseum. Es zeigt über 3.000 Gegenstände aus dem ländlichen Leben auf dem Feld und im Weinkeller, Haushaltsgegenstände und Werkzeuge sowie Utensilien für Tierpflege, Weinanalysen, die Käseherstellung bis hin zu altem Kinderspielzeug. Das Museum ist ganzjährig geöffnet. Der Eintritt mit Führung kostet zwischen 6 und 10 Euro pro Person. Der Besuch ist nur nach Voranmeldung möglich, damit der Gast individuell – zur Zeit nur in Italienisch, Englisch und Französisch (einige Deutschkenntnisse vorhanden) – begrüßt werden kann, Weinkellerbesichtigung und Degustation inklusive. Zum Gutsgelände gehört auch ein Bauernhof mit 8 Ferienwohnungen.

Mit Sachverstand und Humor finden die Museumsführungen statt, und wenn man Glück hat, leitet sie der Chef persönlich (alle Fotos: Katrin Walter)

Raum-Zeit Betrachtungen

Raum und Zeit in einem Weingut sind meistens nicht relativ sondern eher sehr konkret, denn die Natur verlangt ihr Recht. Wenn man allerdings bei einer Weinprobe alter Jahrgänge mit einem überaus freundlichen Winzer sitzt, kann das wieder ganz anders aussehen.

Von Albert Einstein (1879-1955) sagt man, er solle selbst eher wenig Alkohol getrunken haben und wenn überhaupt, dann höchstens ein Gläschen Wein. Das freut den Winzer und passt genau in die heutigen "Trink bewusst"-Kampagnen.

Gregorio Ricci Curbastro in einer Karikatur von Raoul Chareaun alias Sinópíco (1889-1949)
Zu Lebzeiten von Einstein, des in Deutschland geborenen schweizerisch-amerikanischer Physikers und weltweit bekannten Genies, gab es andere Sorgen neben den politischen: der mathematische Beweis seiner allgemeinen Relativitätstheorie. Gregorio Ricci Curbastro (1853-1925), italienischer Mathematiker und der Cousin von Riccardo Ricci Curbastros Großvater forschte auf dem Gebiet der Tensorrechnung. Nach ihm ist der Ricci-Fluss und der Ricci-Tensor (siehe Foto im Teaser) benannt. Ricci-Curbastro veröffentlichte über sechzig mathematische Schriften. Seine Arbeit zum "absoluten Differenzial-Kalkül", den er zusammen mit seinem Schüler Tullio Levi-Civita entwickelte, wurde die Grundlage der Tensoranalysis und diente auch Albert Einstein bei der Formulierung der allgemeinen Relativitätstheorie.

Heute gibt es keine Mathematiker mehr bei den Ricci Curbastros, sie sind Unternehmer, Rechtsanwälte oder eben Winzer, letzterer mit noch weiteren wichtigen repräsentativen Positionen in verschiedenen Verbänden. Doch man fragt sich, ob nicht eine schöne neue mathematische Formel ganz hilfreich in der aktuellen Krise wäre? Eine Formel vielleicht, die Dummheit mit Raffgier multipliziert und mit Größenwahn und Machtgeilheit summiert. Diese Zwischensumme dann mit der Wurzel aus dem Masse an Haarfärbemitteln auf den Häuptern der amtierenden Manager und Politiker potenziert wird. Das allen sichtbaren Ergebnis dieser Tonsurrechnung wäre dann der Ausdruck für die absolute Unfähigkeit der betrachteten Person und führte zur allgemeinen Unzumutbarkeitstheorie, für die geeignete Maßnahmen noch festzulegen wären. Vielleicht den von Mariann Fischer-Boel favorisieren Industriewein zu trinken und das täglich in einer festgelegten Masse (m) in Lichtgeschwindigkeit (c).

Allerdings würden wir dann heute nicht die wunderbaren Franciacorta-Weine von Ricci Curbastro genießen können und das ist ja auch ein Trost, und kann beim Genuss, manches Mal, ein großes kreatives Potenzial freisetzen.


Katrin Walter

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