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27.02.2009
Faßbender war essen
Cüplis seit 100 Jahren
Von Wolfgang Faßbender
Leserkommentare (bisher 1)

Die Frage hätte ich mir sparen können. Welchen Champagner man denn offen ausschenke, wollte ich eines späten Nachmittags von der distinguierten Servicedame wissen. Doch die schaute nur, als hätte ich sie in der berühmtesten Cocktail-Location Zürichs gebeten, einen Bananenmilchshake anzufertigen. „Natürlich Philipponnat“, erwiderte mir die Barchefin vom Dienst der Kronenhalle, „und das schon seit einhundert Jahren“. Ich schaute verlegen gen Boden und brachte gerade noch ein gemurmeltes „Dann muss er ja gut sein“ heraus.

Echte Zürcher wissen das mit der Marke wahrscheinlich seit langem. Oder aber, zweite Möglichkeit, sie achten gar nicht erst auf den Inhalt ihrer Champagnergläser. Denn mehr noch als in anderen Ländern und Städten bestellen die Einwohner der größten Stadt der Deutschschweiz zur Apéro-Stunde statt Champagner oft bloß ein Cüpli – so meine Beobachtung nach mehrjährigem Teilzeitaufenthalt an der Limmat. Das Wort leitet sich irgendwie von der französischen coupe ab und verrät zweierlei: erstens das Faible der Zürcher für kulinarische Begriffe aus der Westschweiz und zweitens eine Leidenschaft für Verkleinerungen.

Brasserie

Doch was ist mit der Leidenschaft für den Inhalt des Cüpli? Gute Frage, einfache Antwort. Den meisten Zürchern ist es ganz offenbar piepsegal, ob sich in der Coupe – de facto niemals ein Pokal, wie die wörtliche Übersetzung suggeriert, sondern ein passables bis gutes Schaumweinglas – irgendein Spumante (oft), ein Schweizer Schaumwein (erstaunlicherweise sehr selten) oder ein hochklassiger Champagner befindet. Aufs Prickeln kommt es an und auf den Stil des Trinkens. Bei Globus – dem Schweizer Nobelkaufhaus schlechthin – oder beim Edel-Confiseur Sprüngli zu sitzen und sich mit einem Cüpli zu erfrischen, bedeutet nichts weniger als: Ich gehöre dazu, ich kann es mir leisten. Dass man nicht über die Stränge schlägt wie die neureichen russischen Einkaufstouristen, die sich aus Krisengründen derzeit rar machen in der Schweiz, versteht sich von selbst: Kaum ein Zürcher würde auf die Idee kommen, in aller Öffentlichkeit eine Flasche Dom Pérignon zu ordern. Und jene Lokalitäten, die tatsächlich echten Jahrgangschampagner ausschenken, bemühen sich um faire Preisgestaltung. So kann es also passieren, dass man für ein Dezi x-beliebigen Crémant nur drei oder vier Franken weniger zahlen muss als für die gleiche Menge eines gestandenen 99er Laurent Perrier.

Wer jetzt als Deutscher den Kopf schüttelt und so was Ähnliches wie „diese Schweizer!“ gluckst, der sollte sich mal für ein paar Sekunden an die eigenen, die germanischen Trinkgewohnheiten erinnern. Cüplis bestellt in Krefeld oder Ingolstadt zwar keiner, aber dafür ist der Prosecco nach wie vor das Getränk der Wahl. Manchmal wird das „pro“ nonchalant weggelassen, dann heißt der Champagner-Ersatz einfach „secco“ und bezeichnet etwas undefinierbar Prickelndes, selten Schäumendes, das im besten Falle ordentlich schmeckt. Im schlechtesten Falle handelt es sich um eine Resteverwertung, die im Großmarkt für 1,81 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer in den Regalen steht und über deren Geschmack man nicht weiter nachdenken sollte.

Geschichte

Ach ja, die Kronenhalle. Die mit dem Champagner der Marke Philipponnat. Ich habe ihn bekommen und getrunken, er war gut, wenngleich nicht sehr gut oder gar aufregend. Aber eigentlich habe ich mich ein bisschen geärgert. Über mich. Diese ganz besondere Bar, eng, verraucht, aus dem vorletzten Jahrhundert in die Moderne gerettet, ist nämlich für eigentlich nicht für den Weinausschank, sondern für ihre Cocktails berühmt. Also hätte ich lieber, wie schon so oft, einen Side Car oder einen White Russian bestellen sollen. Vielleicht auch einen der völlig außer Mode gekommenen Champagnercocktails (ein Stückchen Zucker, ein paar Tröpfchen Angostura). Oder, ich hätte, noch besser, gleich dem Barchef freie Hand lassen sollen. Es genügt hier nämlich, seine Lieblingsingredienz zu nennen und sich von einer à la minute geshakten Kreation überraschen zu lassen. Von der Bar bis zum eigentlichen Restaurant sind es übrigens nur ein paar Schritte, und auch die lohnen sich, sofern man genug Geld eingepackt hat.

Ganz früher servierte man in der Kronenhalle mal einen Lunch inklusive Wein für zwei Franken und 50 Rappen. Heute muss man für ein Chateaubriand für zwei schon 146 Franken auf den akkurat eingedeckten Tisch legen. Ob solche Preise den Gästen auf den Magen schlagen? Tatsächlich scheinen sich die Sitten geändert zu haben. Wie Zürcher Medien grinsend meldeten, sollen neulich etliche Anwesende aufbegehrt haben, als Ex-UBS-Starbanker Marcel Ospel das Lokal betrat. Der einstige Stammgast wurde, so erzählt man sich rund um die Bahnhofstraße, mit Missfallensbekundungen eingedeckt, bis er freiwillig den Raum verließ. Ob Ospel echten Champagner bestellen wollte oder nur harmlosen Chasselas, ist nicht überliefert. Doch der Mann, der für die grandiosen Verluste der größten Schweizer Bank mitverantwortlich gemacht wird, scheint derzeit wenig angesagt zu sein. Was man von der Kronenhalle-Bar nicht behaupten kann: Die ist spätestens um 18 Uhr so voll Menschen, Qualm und Lärm, dass die Frage nach der Champagnermarke gar nicht mehr zum Personal durchdringen würde...

Wolfgang Faßbender

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