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12.05.2009
Die Schweiz präsentiert ihre Weingüter und ihre Weine
Ein kleines Land - zwei Führer
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 0)

Es ist gerade mal neun Jahre her, seit ich zum ersten Mal eingeladen wurde, Schweizer Weine in Deutschland zu präsentieren. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit zwei großen Koffern nach Bielefeld und Köln reiste, um meinen deutschen Weinfreunden, die ich durch wein-plus.de gerade kennen gelernt hatte, ein kleines Stück Wein-Schweiz näher zu bringen. Dies wäre heute viel einfacher, denn inzwischen gibt es zwei umfassende neue schweizerische Weinführer.

Weltkulturerbe Lavaux. Das Gebiet über dem Genfersee umfasst 14 Gemeinden mit 574 Hektaren Reben

Literatur über Schweizer Weine gibt es zwar schon seit vielen Jahren. Doch vieles ist wenig fundiert oder bereits ordentlich in die Jahre gekommen. Es war vor zwei Jahren, als am Schweizer-Stand an der ProWein in Düsseldorf noch ein Schweizer Weinführer auflag, der mindestens fünf Jahre alt war. Nicht gerade eine überzeugende Visitenkarte! Von meinen Freunden, die ich zum sehr auffälligen Schweizerstand begleitet habe, wurde ich entsprechend gehänselt.

Glossar zum Thema

Zumal auch die präsentierte Auswahl an Weingütern und Winzern überhaupt nicht das darstellte, was ich unter dem Begriff „beste Schweizer Weine“ verstehe. Nein, es war – vornehm formuliert - eine Katastrophe. Letztes Jahr standen die beiden profiliertesten Schweizer Winzer, die als Aussteller an der ProWein teilnahmen, Daniel Gantenbein und Thomas Mattmann, nicht am Schweizer-Stand, sondern bei den Weinzeitschriften „Wein-Gourmet“ und „Vinum“. Die „offizielle Schweiz“ hingegen wurde von Großunternehmen dominiert, unter anderem von der Weinkellerei Rahm, die keine eigenen Reben besitzt (die Trauben also zusammenkauft) und vorwiegend durch ihren sektähnlichen, alkoholfreien Traubensaft „Rimus“ (jährliche Produktion 4 Millionen Flaschen) bekannt ist.

Präsentation des Schweizerweins an der ProWein in Düsseldorf, dominiert von Großunternehmen.

Jetzt ist aber alles anders – zumindest im Bereich der Weinliteratur! Die Schweiz hat jetzt auch zwei ernst zu nehmende Publikationen: Ein offiziöses Buch, “Schweizer Weinführer“, herausgegeben von der VINEA (Komitee, das sich vor allem für das jährliche Walliser Weintreffen engagiert) im Auftrag von „Swiss Wine Promotion“, erschienen im Ringier-Verlag und versehen mit einem Vorwort von Bundespräsident Pascal Couchepin. Und ein unabhängiges, viel stärker wertendes Buch, geschrieben vom deutschen Weinjournalisten Wolfgang Faßbender, mit dem anspruchsvollen Titel: „Die besten 400 Weingüter der Schweiz“, erschienen im Orell Füssli-Verlag. Der Untertitel scheint mir entscheidend zu sein: „Getestet und bewertet“. Wolfgang Fassbender zählt nicht nur auf, beschreibt nicht nur die Weingüter, er vergibt auch Punkte, bewertet die Weine. Genau dies ist es, was auch in der engen Schweiz rasch einmal zum Zankapfel werden kann. Der offiziöse Schweizer Weinführer hingegen drückt sich um eine eigene Wertung, indem nur die Ergebnisse des „Grand Prix du Vin Suisse 2008“ – bei dem 1860 Schweizer Weine zu beurteilen waren – publiziert werden. Da gibt es in jeder der 11 Kategorien (vom weissen Chasselas über den Rosé bis zum roten Merlot) ein Siegertreppchen mit drei gekrönten „besten Winzern“. Zudem werden 263 Gold- und 321 Silber-Medaillen vergeben.

Zwei neue Weinführer für Schweizer Weine

Da auch viele Spitzenwinzer an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen, ist zwangsläufig eine sonderbare „Rangliste“ entstanden. So stammt zum Beispiel der preisgekrönte beste Pinot Noir nicht etwa von Gantenbein, Kesselring oder Mattmann, sondern von Hansruedi Adank aus Fläsch, der zwar gute Weine macht, aber insgesamt von Fassbender „nur“ im Mittelfeld (2 von 4 Sternen mit Tendenz zur höheren Bewertung) eingestuft wird.

Dem Siegerwein unter den Merlots, Sassi Grossi 2005, von Feliciano Gialdi, werden hingegen auch von Faßbender 90 Punkte zugesprochen mit der Begründung: „sehr klar, reife Frucht, rauchig; würzig, fest, straff, nichts Störendes, elegant, perfekter Holzeinsatz, fast ein Charmeur.“ Damit kann ich als Konsument, trotz aller Subjektivität, die ja in jeder Wertung und Beschreibung liegt, etwas anfangen, jedenfalls mehr als mit der sportlichen Siegertreppe oder den Gold- und Silberauszeichnungen von Wettbewerben. Andererseits ist der Winzer mit dem besten Gamay im Wettbewerb, Noël Graff, bei Fassbender nicht vertreten, figuriert nicht unter den „besten 400 Weingütern“. Ähnliche Differenzen findet man noch viele in den beiden neuen Weinführern. Ist dies ein Fehler, ein qualitatives Manko? Ich glaube nicht. Gerade die Subjektivität – die Bindung an die Kenntnisse, den Geschmack, vielleicht auch die Vorlieben – eines bestimmten Degustators schafft Klarheit für den Konsumenten.

Eine der vielen Dorflagen: Berneck im Rheintal – heute vorwiegend ein Industriegebiet

Gerne gebe ich zu, dass auch ich nicht objektiv bin, ja eigentlich schon Partei. Sowohl gegenüber vielen Schweizer Winzern – deren Weine mich bereits viele Jahre begleiten – als auch gegenüber den Weinkritikern. Ich kenne und schätze Wolfgang Faßbender, mit dem ich schon manche schöne Stunde erlebt und manchen ausgezeichneten Wein getrunken habe. Ich bin auch skeptisch gegenüber den Wettbewerben, bei denen trotz gutem Willen halt doch mehr oder weniger der Zufall regiert, die „Tagesform“ oder eben die Durchschnittswerte von 120 Degustatoren aus der ganzen Schweiz. Ich habe auch meine Lieblingsweine, zum Beispiel jene von Eric Klausener oder Adrian Kaufmann, die in Faßbenders Buch gerade noch am Rande erwähnt, aber nicht bewertet werden.

Solche subjektiven Unstimmigkeiten zeigen auch die Problematik eines jeden Weinführers. Da suche ich zum Beispiel vertrauensvoll den ganz speziellen – ja einmaligen - Räuschling (für mich der beste Aperowein) von Hermann Schwarzenbach: dieser bekommt gerade mal 84 Punkte von Faßbender, während der Pinot noir (Réserve) von Christian Hermann, der für mich mit zu viel Holz überzogen, wenig ausgewogen ist und sehr gekünstelt wirkt, es auf 93 Punkte bringt.

Zwei gewichtige Schweizer Winzer - Gian Battista von Tscharner, Reichenau (links) und Hermann Schwarzenbach, Meilen (rechts)

Dabei wird mir erst so richtig bewusst, was ein Weinführer leisten kann und was nicht. Er kann Auskunft geben über Winzer und Weingüter in der Schweiz. Und das macht der offiziöse Führer recht gut, vielleicht sogar besser als das eher knapp geratene Faßbender-Buch. Er kann zu einer Kaufentscheidung beitragen, da hat Faßbender die Nase eindeutig vorn. Mit seinen Wertungen kann ich als Weinfreak recht viel anfangen. Letztlich dienen solche Publikationen aber eher zur Bestätigung des eigenen Weingeschmacks. Bin ich auf dem richtigen Weg mit meinem Konsum von Schweizerweinen? Habe ich richtig investiert? Kann ich einheimische Gewächse auch kritischen Weinliebhabern aus andern Ländern einschenken? Fazit nach der Lektüre von Faßbenders getesteten und bewerteten Weinen: ich kann! Die letzten Zweifel sind beseitigt. Ich brauche mich mit meinen Schweizer Weinen in der grossen weiten Weinwelt nicht mehr zu verstecken. Auch wenn die höchstbewerteten Gewächse kaum in einer schweizerischen Weinhandlung anzutreffen, geschweige denn im Ausland zu kaufen sind. Doch ich bin beruhigt, ich habe jetzt wenigstens zwei Führer.

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig

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