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22.01.2010
Die Letzten beißen die Hunde
Traubenlieferanten tragen den Verlust
Von Andreas März (Merum)
Leserkommentare (bisher 11)

Die aktuellen Marktbedingungen für italienischen Wein sehen nicht rosig aus. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind die Verkäufe im ersten Halbjahr dieses Jahres mengenmäßig zwar um 6,9 Prozent gestiegen, haben aber im Gegenzug 7,3 Prozent an Wert verloren. Dieser Widerspruch verdeutlicht die schwierige Situation der Produzenten auf einem Markt, auf dem der Preisverfall an der Tagesordnung ist. Insgesamt um 13,3 Prozent hat der italienische Wein im Vergleich zum letzten Jahr an Wert verloren. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Kellereien enorme Lagerbestände hat. Wer nicht genügend Platz für die neue Ernte hat, ist gezwungen, ältere Jahrgänge zu verscherbeln. Raffaella Usai fasst die Meldungen über die dramatische Preissituation zusammen.

Die diesjährige Weinlese hat sich zwar in fast ganz Italien als qualitativ hochwertig erwiesen, doch die Traubenpreise sind im Keller, von Nord nach Süd bestätigen Winzer einen dramatischen Preisrückgang. Insbesondere in der Toskana haben die Traubenlieferanten mit der schlechten Situation zu kämpfen.

In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung La Repubblica äußerte sich der Traubenlieferant Paolo Fabbrizzi aus Castelfiorentino (Florenz) so: „Ich muss gestehen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Trauben nicht geerntet habe. Es handelte sich um 4000 Kilo weiße IGT-Trauben, für die man mir 0,10 Euro pro Kilo angeboten hatte. Das hätte die Kosten für die Weinlese nicht gedeckt, daher habe ich die Trauben im Weinberg gelassen.“

Auch im Internet findet man Beispiele für die verzweifelte Lage. So heißt es in einer Anzeige im Netz: „Verkaufe hochwertige DOCG-Trauben für Nobile di Montepulciano und Chianti Colli Senesi aus biologischem Anbau.“

Glossar zum Thema
Für den Präsidenten der toskanischen Vertretung des Bauernverbandes CIA, Giordano Pascucci, ist das die schlimmste Krise der letzten zwanzig Jahre für die toskanische Landwirtschaft. Die Sangiovese-Trauben für den Chianti Classico kosten zwischen 70 Cent und einem Euro pro Kilo (30% weniger als 2008), die für den Chianti hingegen nur noch 40 Cent (50% weniger als 2008).

Doch auch in Montalcino sind die Preise um 45 Prozent gefallen, die Brunello-Traubenlieferanten bekommen gerade mal einen Euro pro Kilo an Stelle der 1,80 Euro des Vorjahres. Paolo Fabbrizzi weiter: „Ich habe 70 000 Kilo Chianti-Trauben an die Kellereigenossenschaft in Certaldo geliefert und dafür 0,35 Euro pro Kilo bekommen. Letztes Jahr waren es noch 0,75 Euro.“

Der Präsident des Schutzkonsortiums der Weine des Oltrepò Pavese, Carlo Alberto Panont, äußerte sich gegenüber der italienischen Tageszeitung Il Sole 24 Ore folgendermaßen: „Wir erleben eine paradoxe Situation. Auf der einen Seite haben wir Trauben von bester Qualität geerntet, die mit denen des Jahrgangs 1997 verglichen werden können. Auf der anderen Seite wird das ob der Krise von Seiten des Marktes nicht gewürdigt. Die Preise für alle Rebsorten sind deutlich gefallen.“

Selbst die Preise für Nebbiolo-Trauben für Barolo sind um 30 Prozent, die Trauben für Amarone um 20 bis 25 Prozent gesunken. Kritisch wird die Situation allerdings in Mittel- und Süditalien. Der Präsident der Assoenologi der Abruzzen, Nicola Dragani: „Wir befinden uns mit diesen Preisen auf dem Niveau von vor 25 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr liegen die Traubenpreise für Trebbiano und Montepulciano 20 Prozent tiefer.“ Ein Kilo Trebbiano-Trauben aus den Abruzzen kostet gerade einmal 22 Cent.

Noch weniger bekommen die sizilianischen Traubenlieferanten für ihre weißen Trauben. Der Geschäftsführer der Kellerei Colomba Bianca di Trapani, Carlo Ferracane: „Für die weißen Rebsorten Catarratto, Insolia und Grecanico wird die lächerliche Summe von 14 Cent pro Kilo gezahlt.“

Zwar pendelt sich der Preisverfall laut dem Generaldirektor der Assoenologi, Giuseppe Martelli, bei durchschnittlich zehn Prozent gegenüber 2008 ein, doch die meisten publizierten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Situation stellt sich vielerorts wesentlich dramatischer dar.

Der Geschäftsführer des Gruppo Italiano Vini (GIV), Emilio Pedron, sorgt sich um die Weinbauern, die am meisten unter der Krise zu leiden haben. Pedron: „Dieser drastische Preisverfall wird wahrscheinlich dazu führen, dass viele Traubenproduzenten ihre Produktion einstellen.“

Der italienische Bauernverband Coldiretti hat Anfang Oktober in Rom mit der Veranstaltung „Salviamo il Frascati“ (Rettet den Frascati) auf die miserable Situation der Weinbauern im Latium aufmerksam gemacht. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise für die Frascati-Trauben um 45 Prozent gefallen. Während die Bauern 2008 noch 43 Cent pro Kilo bekamen, müssen sie sich dieses Jahr mit 23 Cent pro Kilo abfinden. Und das deckt in den meisten Fällen nicht einmal die Erntekosten.

Die drastisch gefallenen Traubenpreise betreffen ein Gebiet von rund 30 000 Hektar, von denen jährlich 2,7 Millionen Hektoliter Wein produziert werden. Die Coldiretti ruft daher zu einer gemeinsamen Kampagne zur Rettung des bekannten Weines auf, der in den letzten 40 Jahren mit einem stetigen Preisverfall zu kämpfen hatte. Der Direktverkauf in den Kellereien müsse stärker unterstützt und beworben werden. Die gesamte Produktionskette müsse hinter den Marketing-Maßnahmen stehen. Sonst seien viele Bauern gezwungen, ihre Betriebe zu schließen.

In Italien fällt 2009 die Ernte geringer aus, es werden 44,5 Millionen Hektoliter erwartet gegenüber 46,2 Millionen im Vorjahr. Entgegen dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage steigen aber die Traubenpreise nicht, vielmehr verlieren die Trauben zunehmend an Wert.

Laut Angaben von September kommen die Erzeuger von Trauben für DOC-Prosecco noch am besten weg: Hier bleiben die Preise mit 50 Cent pro Kilo Trauben stabil. Das Doppelte wird für Trauben der neuen DOCG Conegliano-Valdobbiadene bezahlt, doch entspricht auch das einem Minus gegenüber dem Vorjahr. Denselben Rückgang haben Winzer aus dem Trentino bei Trauben für die Schaumweinerzeugung in Kauf zu nehmen.

In der toskanischen Maremma hingegen wird für Vermentino heuer nur mehr 70 Cent für ein Kilo Trauben bezahlt, 2008 war es noch ein Euro bis 1,10 Euro. Für Merlot oder Cabernet Sauvignon gibts sogar statt 60 bis 70 nur noch 30 bis 40 Cent.

Dramatisch ist die Situation im Süden: Chardonnay aus Apulien ist noch 20 statt 30 Cent pro Kilo Trauben wert, in Sizilien sinkt der Preis für Merlot, Cabernet Sauvignon oder Syrah von 45-50 auf 30 Cent. Den traurigen Tiefpunkt erzielen die autochthonen Sorten Grecanico und Nero d’Avola: Mehr als 20 bis 25 Cent pro Kilo Trauben ist dafür nicht mehr zu kriegen.

Quellen: La Repubblica, Il Sole 24 Ore, www.agroalimentarenews.com, News Coldiretti, Vitisphère, Assoenologi.

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Andreas März (Merum)

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