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08.10.2008
Der Vinschgau:
Riesling, Grappa, Speck & der Yeti
Von Roland Brunner
Leserkommentare (bisher 0)


„33 Weine wurden verkostet, von denen gerade einmal drei genießbar waren.” So das Resümee der ersten Gebietswein-Verkostung im Vinschgau im Jahr 1976. Das ist heute endgültig Vergangenheit. Man findet heute im kleinsten Anbaugebiet Südtirols kaum mehr einen schlechten Wein, vielmehr ein überdurchschnittlich hohes Niveau mit einigen herausragenden Spitzenprodukten.'


Die Pioniere

Qualitätswein-Pioniere im Vinschgau: Thea Tappeiner-Schuster & Oswald Schuster, Foto: Hans Tappeiner
Noch Anfang des letzten Jahrhunderts betrug die Vinschgauer Weinbergsfläche circa 200 Hektar und damit fast drei mal so viel wie jetzt. Weil der Wein nur zur Selbstversorgung der zwar durstigen, aber wenig anspruchsvollen Bauernfamilien diente, war die Qualität längere Zeit bescheiden. „Mit genügend Wasser verdünnt war das saure Zeug für die Einheimischen gut genug. Verkaufen konnte man es nicht”, so Oswald Schuster, der auf seinem Befehlhof in Vetzan bei Schlanders als erster im Vinschgau seinen Wein in Flaschen abfüllte. „Damit Geld ins Haus kam, brauchte man etwas anderes. So kam man auf Obst, denn wo die Rebe wächst, da wächst das Obst noch viel besser.”

Andererseits sind die Lagen, in denen im Vinschgau Früchte angepflanzt werden, sehr steil und schwierig zu bewirtschaften, so dass sich mit zunehmender billigerer Konkurrenz aus den leichter zu bearbeitenden flachen Monokulturen im Tal das Obst auch nicht mehr verkaufen ließ. Schuster und sein Kollege Hubert Pohl vom Köfelgut in Kastellbell zogen daraus die Konsequenz, wieder vor allem auf Wein zu setzen - allerdings diesmal auf gute Qualitäten. Das war anfangs gar nicht so leicht. Was sollte man überhaupt anpflanzen? Die klassischen heimischen Sorten waren zwar robust, ergaben aber auch eher raue, rustikale Tropfen, mit denen man qualitativ wenig anfangen konnte. Erfahrungen mit anderen Sorten gab es in den hohen Lagen des Vinschgau nicht. Oswald Schuster und Hubert Pohl mussten also ausprobieren. Naheliegend waren Sorten, die ein eher nördliches Klima bevorzugen: Riesling, Müller-Thurgau, Kerner und Weißburgunder bei den Weißen, sowie Blauburgunder und Zweigelt beim Rotwein. Hubert Pohl probierte auch noch Grauburgunder aus, Oswald Schuster die heimische Rebsorte Fraueler. Ihre Geduld und Zähigkeit hat sich ausgezahlt. Die Weine, die sie jetzt anbieten, zeichnen sich durch Sauberkeit, Feinheit, markanten Sortencharakter und die für den Vinschgau typische Frische und Mineralität aus.


Interessante Perspektiven

Frische, Mineralität und ausgeprägter Sortencharakter bei moderater Gradation werden mehr und mehr geschätzt. Gleichzeitig jedoch wird es mit der Klimaveränderung immer schwieriger, Weine mit diesen Eigenschaften in klassischen Anbaugebieten zu erzeugen. Hoch liegende Gebiete wie der Vinschgau werden deshalb zunehmend interessanter. „Die Trauben für unsere Blauburgunder werden wir in Zukunft vor allem aus dem Vinschgau beziehen”, so Stephan Kapfinger, Kellermeister der Meraner Kellerei. „Hier haben wir kein Problem mit der physiologischen Reife und die Weine haben selten mehr als 13% Alkohol. Außerdem gibt es im Vinschgau aufgrund des trockenen Klimas und der guten Durchlüftung durch den immer präsenten Wind kaum Probleme mit Pilzkrankheiten.”

Weinberge bei Schlanders, Foto: Josef Linser

Dies schätzt auch Baron Sigmund von Kripp, der auf der Stachlburg in Partschins seit 1998 seine Weinberge und Obstgärten biologisch bewirtschaftet. „Heuer haben wir aufgrund der ungewöhnlich häufigen Niederschläge im Frühsommer zum ersten mal nennenswerten Peronospera-Befall. Aber viele Probleme, mit denen man weiter unten jedes Jahr zu kämpfen hat, kennen wir hier oben gar nicht.” Auch er setzt vor allem auf Blauburgunder und konnte mit diesem in Italien auch schon große Erfolge erzielen. Sein 2004er wurde bei den jährlich in Südtirol stattfindenden Nationalen Blauburgundertagen zum besten Blauburgunder Italiens gekürt.

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Beim Rotwein dürfte diese Rebsorte sicherlich die interessanteste im Vinschgau sein. Beim Weißen ist es der Riesling. Ihm hat der Vinschgau auch die Aufmerksamkeit der italienischen Weinführer zu verdanken, die für Rieslinge aus den Weinbergen um Naturns und Kastellbell gerne einmal ihre höchsten Auszeichnungen springen lassen.


Die "Stars"

Die Vorzeige-Produzenten sind im Vinschgau zur Zeit Martin Aurich (Weingut Unterortl) und Franz Pratzner (Falkenstein). Beide setzen sie vor allem auf den Riesling. Stars in Anführungszeichen sind sie vor allem deshalb, weil sie sich - zum Glück - nicht als solche fühlen und die Qualität ihrer Produkte realistisch einzuschätzen vermögen. „Der Riesling ist hier in Italien ein Nischenprodukt. Außer bei uns hier im Vinschgau und im Eisacktal gibt es südlich der Alpen keine wirklich interessanten Anbaugebiete für diese Rebsorte. Das bringt uns bei italienischen Weinführern natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit, die wir in Deutschland und Österreich aufgrund der dortigen Konkurrenz wohl schwerlich erzielen würden,” so Franz Pratzner. „Verstecken müssen wir uns vor den Rieslingen nördlich der Alpen allerdings auch nicht.” Da hat er durchaus recht. Auch bei den Verkostungen für den Wein-Plus-Weinführer zeigte sich, dass die Rieslinge dieser beiden Produzenten alle Eigenschaften besitzen, die diese Rebsorte zur „Königin unter den Weißweinen” gemacht hat.

Bekannte Gesichter in der Vinschgauer Weinwelt: Martin Aurich, Franz Pratzner und Reinhold Messner, Foto: Roland Brunner

Trotz ihrer Erfolge treten Martin Aurich und Franz Pratzner nicht überheblich gegenüber ihren Winzerkollegen auf. Im Gegenteil: es herrscht unter allen Winzern im Vinschgau ein sehr kollegiales, freundschaftliches Verhältnis. Man wird in ganz Südtirol kaum einen Winzer finden, der schlecht über seine Kollegen redet. Aber im Vinschgau ist das Verhältnis der Erzeuger untereinander von einer ganz besonderen Herzlichkeit geprägt. Fast alle Traubenproduzenten - nicht nur die zehn selbst vermarktenden Betriebe - sind im Vinschgauer Weinbauverein (www.vinschgauer-weinbau.com) organisiert. Dieser 1981 gegründete Verband berät die Vinschgauer Weinbauern und organisiert Fachtagungen sowie die jährlich stattfindende Vinschgauer Gebietsweinkost, bei der man alle Gewächse des Anbaugebiets verkosten kann. „Und”, so Martin Pohl, Sohn des Pioniers Hubert Pohl, „es wird, neben der ernsthaften, fachlich kompetenten Arbeit, viel gelacht und manches nicht ganz so ernst genommen” - wie eben die Prämierungen.  Diese entspannte, unkomplizierte Atmosphäre kann man bei allen Winzerbesuchen hier erleben. Während anderswo oft verbissener Ehrgeiz herrscht, der letztlich doch viel zu häufig nur zu überambitionierten Weinkarikaturen führt, begegnet man im Vinschgau entspannter Gelassenheit, sowie Neugierde und Freude an der eigenen Arbeit.


Rieslingtage Naturns

Einmal im Jahr - in der ersten November-Woche- gibt es allerdings ein sehr ehrgeiziges und ausgesprochen ambitioniertes Projekt im Vinschgau. „Was hier jedes Jahr von einigen Weinverrückten in fast ausschließlich ehrenamtlicher Arbeit auf die Beine gestellt wird, das wird sonst nirgendwo geboten. Nicht im Rheingau, nicht an der Mosel, nicht in der Wachau und in keinem anderen der berühmten Riesling-Anbaugebiete,” so Stuart Pigott, Riesling-Experte und Stammgast bei den Rieslingtagen Naturns. Über 100 Rieslinge, darunter die besten der Welt aus allen bekannten Anbaugebieten (F.X. Pichler, Heymann-Löwenstein, Peter-Jakob Kühn, Zind Humbrecht u.v.a.m.) sowie Exoten aus Ländern wie Luxemburg und sogar aus den Niederlanden können für nur 25 € Eintritt probiert werden.

Schloß Naturns, Foto: Josef Linser

Und natürlich kann man die italienischen Riesling-Gewächse verkosten, die sich in großer Anzahl tapfer der internationalen Konkurrenz stellen, gegen die sie letztlich nur selten Chance haben. Aber es geht den Veranstaltern bei den Rieslingtagen nicht um einen Wettbewerb, sondern vor allem darum, die Vielfalt und Einzigartigkeit dieser Rebsorte aufzuzeigen. Deshalb gibt es nicht nur die rein italienische Rieslingprobe, sondern auch ein ausführliches Rahmenprogramm mit einer Vertikalverkostung berühmter internationaler Rieslinge. Heuer stehen zehn Jahrgänge des Riesling "Cuvee Henriette" vom Weingut Frederic Mochel aus dem Elsass auf dem Programm. Außerdem werden ein 6-gängiges Riesling-Gala-Diner offeriert (leider immer schon ein halbes Jahr vorher ausgebucht) sowie Kellereibesichtigungen der besten Vinschgauer Rieslingproduzenten. Heuer finden die Rieslingtage vom 01. Bis zum 9. November - teils zeitgleich mit dem Meraner Weinfestival - statt. (www.rieslingtage.com)


Hochprozentige Vielfalt: Vinschgauer Brände

Der Vinschgau ist ein Paradies für Liebhaber hochprozentiger Getränke, seien es Trester- oder Obstdestillate. Es gibt hier eine Fülle und ein Qualitätsniveau, das man woanders in dieser Konzentration selten findet.

Gebrannt wird alles, was geeignet ist. Angebot von Martin Aurich - Weingut Unterortl, Foto Andreas Zipperle
Kaum ein Weinproduzent verzichtet darauf aus seinen Trestern Schnaps zu brennen. „Das hat drei Gründe”, so Martin Pohl. „Erstens haben wir bestes Ausgangsmaterial, zweitens müssen wir alle unsere Pressrückstände nachweislich zur Destillation bringen. Und da es im Vinschgau selbst keine größere Brennerei gibt, war es früher einfach zu umständlich, während der Ernte den Trester weite Strecken zur Brennerei zu fahren. Da war das Selberbrennen weniger aufwendig. Drittens macht uns das Brennen genauso wie die Weinproduktion einfach große Freude.” Das schmeckt man an den Resultaten. Und weil die Vinschgauer Weinproduzenten ohne Ausnahme auch Äpfel und anderes Obst anbauen, gibt es neben Grappa auch alles, was im Vinschgau wächst, als hochprozentiges Getränk: Marillen, Birnen, Äpfel, Zwetschgen, Holunder, Quitten, Kornellkirschen und Edelkastanien.


Wertvolle Grundlagen: Hochwertige Lebensmittel

Wie überall in Italien wird auch in Südtirol Wein fast ausschließlich zum Essen genossen. Da findet man im Vinschgau das Beste gleich vor Ort.

Rudolf Eberhöfer, Hofkäserei Gandhof, Foto Roland Brunner
Das für den Weinbau günstige Klima (trocken, hohe Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sowie Sommer und Winter und ein stetiger, erfrischender Wind) ist auch förderlich für die Produktion von hochwertigem Speck und geschmackvollem Obst. Auf den Almen in den Seitentälern grasen Rinder, Schafe und Ziegen, welche die Milch für würzigen Käse liefern. Immer mehr davon stammt inzwischen aus kontrolliert biologischer Produktion. Womit wir beim in der Überschrift erwähnten Yeti wären. Den gibt es natürlich nicht im Vinschgau. Aber Reinhold Messner, der sich wohl am intensivsten von Allen mit dem Schneemenschen beschäftigt hat, war im Vinschgau sehr aktiv, um die hier ansässige Landwirtschaft (wieder) zu beleben. 1983 erwarb er am Juvaler Berg bei Kastellbell (wo übrigens auch der Drei-Gläser-Riesling von Martin Aurich produziert wird), einen Bergbauernhof, auf dem seine Pächter beweisen, dass diese sehr ökologische Wirtschaftsform durchaus rentabel betrieben werden kann. Auch der Vinschger Bauernladen wurde von ihm mit begründet. Hier, am Fuße des Juvaler Bergs, erhält man alles, was der Vinschgau an hochwertigen landwirtschaftlichen Produkten zu bieten hat. Vieles davon in Bio-Qualität. Und weil das Projekt auf genossenschaftlicher Basis, also ohne Zwischenhandel organisiert ist, gibt es die angebotenen Produkte zu ausgesprochen moderaten Preisen.

Vinschger Bauernladen. Hauptstraße 78, Juval; I-39025 Naturns/Naturno; (0039)-0473-667723.


Die von Wein-Plus empfohlenen Vinschgauer Produzenten und ihre Weine:

Weingut Unterortl - Familie Aurich
Falkenstein - Franz Pratzner
Köfelgut - Martin Pohl
Befehlhof - Oswald Schuster
Meraner Kellerei


Erzeuger-Adressen für Speck, Käse, Obst (alle biologisch zertifiziert)

Speck:
Familie Hofer aus Partschins, Niedereben. Tel: +39 0473 968208
www.niedereben.it

Käse:
Psairer Bergkäserei Sankt Martin in Passeier; Tel: +39 0473 650139
www.psairerbergkaeserei.com

Gandhof Gand im MartelltalTel: +39 0473 744596
www.gandhof.com

Äpfel:
Vinschgauer Produzenten
www.vip.coop


Weitere Nützliche Adressen für einen kulinarischen Vinschgau-Besuch

Roter Hahn. Vermittelt Urlaub auf dem Bauernhof/Weingut und informiert über Produzenten mit hochwertigen, typischen Produkten.
www.roterhahn.it

Tourismusverband Meraner Land; Gampenstraße 95, I-39012 Meran/Merano (0039)-0473-200443;
www.meranerland.com

Tourismusverband Vinschgau; Kapuzinerstraße 10, I-39028 Schlanders/Silandro; (0039)-0473-620480; www.vinschgau.suedtirol.com

(Hinweis: bei den italienischen Telefonummern ist immer die komplette Vorwahl mit der Null zu wählen)


Roland Brunner

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