„... sieh dort den Erblaßten ... deß Arme die heil’ge Kirch’ umfaßten ... er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus von im Vernacciawein ersäuftem Aal mit schwerem Fasten“, so schrieb Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie über den verblichenen Papst Martin IV., ehemals Simon de Brion aus Tours. Der Heißhunger des letzten in Viterbo gewählten Pontifex auf die fetten Aale aus dem Bolsena-See in Vernaccia ließ die Amtszeit, die erst 1281 begann, im Jahre 1285 jäh enden.
In dieser Gegend Italiens lebten Päpste und Bischöfe offenbar gefährlich, denn auch vom Bischof Fugger ist die Hingabe zum Est!Est!!Est!!! und ihre Folgen gut bekannt. So wie der Wein aus Montefiascone einst wohl eher ein Muskat war und darum auch ungeübten Gaumen sofort schmeichelte, so weiß man nur, dass der Wein, in dem die Aale für Martin IV. kochten, Vernaccia genannt wurde. Vernaccia ist uns heute vor allem aus San Giminigano als weißer und Serrapetrona als roter Wein bekannt. Es ist durchaus möglich, dass einmal auch der Cannaiolo oder Cannaiola in der Tuscia (Gebiet nördlich von Rom) mit diesem Namen bedacht wurde, so wie man einst auch den Vermentino in Ligurien Vernaccia nannte, was einfach soviel hieß wie der Wein, der hier wächst".
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Der Weinberg von San Savino, wie „aus dem Ei gepellt“: Cannaiola Nera in niedriger Produktion im Reifestadium Ende August 2008; reif sind die Beeren fast schwarz.
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Legenden – Herren – Roter Wein
Der kleine Ort Marta in der Provinz Viterbo mit seinen 3.500 Einwohnern, liegt am südlichen Ufer des Bolsena-Sees. Und hier hat man sich die Geschichte von Papst Martin IV. zu eigen gemacht. Acht Jahrhunderte nach den Erzählungen Dantes sind zwei Martani, die Cousins Antonio und Silvano Castelli das Abenteuer angegangen, den echten Cannaiola zu produzieren. Zwar fand sich kein Zeuge mehr aus dem Jahr 1285, als Martin IV. sich zu Tode fraß und trank, doch aus der Lage am See und der Tradition von Marta, die Aale zu fischen und den Cannaiola herzustellen, entstand die Legende der Aale in und mit Cannaiola.
Roter Wein soll damals dem gemeinen Volk verboten worden sein, er war nur den „Signori“ vorbehalten und so machte man ihn heimlich. Diese unwiderstehliche Anziehungskraft, jede Grenze zu überschreiten, hat sich bis heute in Italien hartnäckig gehalten und wird sogar an höchster Stelle vorgelebt. Wieso sollten es da die Untertanen anders halten? Und Irgendwie fügt es sich dann in ein für alle vermeintlich zum Vorteil gereichendes System ein: Damals ergab der heimlich angebaute Rote, der nach der Ernte schnell in Schuppen und Kellern zum Trocknen verschwand, dann gepresst und bis Weihnachten in einem Fass lagerte, ein Geschenk zum Fest für den Priester, den Doktor und alle, die man gnädig stimmen musste und wollte.
Bis noch vor ein paar Jahrzehnten konnte man dem Wein komplett der Natur überlassen. Die kalten Wintermonate hielten die Gärung an und der Wein blieb leicht lieblich, als Kontrast zum Tannin und dem herben Abgang. Heute braucht es dazu Kältetechnik, denn die Winter sind mild geworden. Antonio Castelli lässt seinen Canniola, der zu 85 % aus der Rebsorte Cannaiola Nera besteht und zu 15% aus Vino Nobile di Montepulciano, von Oktober bis in den Juli des Folgejahres langsam im Tank ohne Zusatz von Hefen bei 5 bis 8 Grad Celsius gären. Kein Vergleich mit dem, was sonst als Cannaiola in Marta angeboten wird, von jedem, der vom Geschäft mit dem „Weihnachtswein“ profitieren will, bisweilen aus Bauernrezepten, die sich jeglicher Kontrolle durch die DOC Colli Etruschi Viterbesi entziehen und sich theoretisch gar nicht so nennen dürften. Doch auf den großen Korbflaschen gibt es kein Etikett.
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Antonio Castelli (Tonino) zeigt stolz seinen ersten Gärtank im „Bonsai“-Weinkeller, wie er ihn selbst nennt.
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Bis in die 90er Jahre verschenkten auch die Castellis den Cannaiola ganz traditionell zum Heiligen Fest und machten dabei eine schlechte Figur, denn was sie zu kaufen fanden, hielt oft nicht einmal bis zum 25. Dezember durch und taugte auch nicht mehr als Salatdressing. Doch es gab diesen Mythos von einem Wein, der anfangs eine süße Fruchtigkeit vermittelte und dann mit Tannin und Struktur die Zunge bedachte, um in einem trockenen Finale den Gaumen frei für den nächsten Schluck zu spülen und der wunderbar zu gegrilltem Fisch aus dem Bolsena-See passte und eben auch zu Aal.
Die Suche nach dem wahren Cannaiola aus Marta
Antonio Castelli arbeitete sein Leben lang als Nachtportier im Hotel Therme Salus in Viterbo. 1996 kündigte er und beschloss mit seinen damals 53 Jahren, sich auf die Suche nach dem wahren Cannaiola zu machen. Es hatte ihn gepackt und sein Cousin Silvano, der die Arbeit auf dem Feld und im Rebberg kannte, war dabei. Sie sprachen mit den Alten, ließen sich Eindrücke und Eigenschaften des Weins erklären, der einst in Marta ein Mythos war. Studierten den Boden, suchten die Reben und dann ging es los. Erste Vinifizierungsversuche gingen schief, aber das gehörte zum Projekt. Sie brauchten einen Önologen, doch niemand der jungen Weinmacher kannte sich mit Cannaiola aus und einer kelterte ihnen fast einen „Maraschino“ (Kirschschnaps) zusammen. Die Suche ging weiter und man fand noch einen Alten mit 92 Jahren, der sich an den echten Geschmack erinnern konnte. Mit seiner Hilfe schufen sie den „Weihnachtswein“ aus Marta neu.
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Auf dem Werbeplakat verheißt Cousin Silvano Castelli all jenen Glück und Freundschaft, die mit dem Cannaiola anstoßen.
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Belächelt vom halben Städtchen und den Cannaiola-Händlern, ohne Unterstützung der eigenen Familie, die nicht verstand, wie man in „seinem Alter“ noch einmal von Null beginnen kann, ging "Tonino" unbeirrt seinen Weg. Wenn er „Cannaiola“ sagt, dann kling das wie eine Liebeserklärung. Und hört man dem heute 65jährigen zu, bekommt man unweigerlich selbst eine Portion Mut mit auf den Weg.
Die Kraft der Leidenschaft
Ohne Unterlass erzählt Antonio von seinen Projekten und ist dabei immer gut gelaunt. Trotz der vielen Arbeit findet er immer auch Zeit für Freunde und zum Feiern. Auch seine kleine Stadt liegt ihm am Herzen. Immer mehr junge Leute verlassen diesen Ort, aus dem historischen Zentrum sind fast alle Einwohner verschwunden und die Häuser sind an Sommerfrischler aus Rom verkauft. Um die Kultur der geliebten Heimat den Zugereisten und Gebliebenen zu vermitteln, stellte er sogar eine Theatergruppe auf die Beine, die auf einem Plateau, im Freien, mit Blick auf den herrlichen Bolsena-See, ihre Stücke gaben. Tonino war für 5 Jahre der Präsident und Regisseur, aber nicht wegen der Würde des Amtes, sondern damit es voran ging - dann gaben seine „Schauspieler“ leider auf. Sie hatten nicht die gleiche Leidenschaft und das Theater ruht zur Zeit. 2009 soll es mit neuen Stücken und Mitstreitern weiter gehen.
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Schauspiel in natürlicher Kulisse, der Blick vom Plateau, das zur Theaterbühne wurde.
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Dieser Mann scheint eine unerschöpfliche Kraft zu haben. Mit seiner Leidenschaft und seinem Cannaiola findet er auch allein immer neue Freunde und Bewunderer, auf Verkostungen, Messen und Veranstaltungen: Sein Wein wurde in Rom sogar von Jean-Claude Berrouet, dem Macher von Petrus, probiert und für gut befunden. Und mit den 3.000 produzierten Flaschen der Castellis hat Marta endlich wieder einen Wein, den man getrost zu Weihnachten verschenken kann.
Buon Natale!