Karl Bajano: Herr Schmücking, Sie sind Produktmanager im größten österreichischen Bioverband, der Bio Austria. Was macht die?
Jürgen Schmücking: BIO AUSTRIA ist die Organisation der österreichischen Biobauern. Es ist also kein Weinbauverband wie Ecovin. sondern ein Dachverband für alle landwirtschaftlichen Biobetriebe. Das sind derzeit etwa 14 000, davon gibt es rund 250 Biowinzer. Das wäre an sich beinahe verschwindend, wenn nicht gerade die Winzer im Focus der Aufmerksamkeit stehen würden, weil es sich bei Wein um ein Prestigeobjekt handelt. Die Kernkompetenz der Bio Austria liegt an sich nicht in der Vermarktung von Spezialitäten, dafür wurde die Organisation nicht ins Leben gerufen, dennoch kommt genau das in letzter Zeit verstärkt zum Tragen. Die Bio Austria bewegt Tonnen von Getreide, macht Lobbying, unter anderem, was den Milchpreis betrifft, ist also, übertragen gesehen, die sehr hoch angesiedelte „Gewerkschaft” der Biobauern. Es gibt für alle Bereiche Produktmanager, wobei die Dienstleistung darin besteht, dass es für die Bauern einen Berater und einen Vermarkter gibt. Nachdem der Wein ein sehr kleiner Bereich ist, habe ich gewisse Freiheiten. Ganz entscheidend ist aber, dass die Projekte in der Öffentlichkeit stark gesehen werden, natürlich auch durch Erfolge bei Messen und - ganz wichtig - dass Bewertungen möglichst breiten Widerhall finden.
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Bio-Austria Chef Jürgen Schmücking
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Insofern sind Sie also ein spezialisierter PR-Manager, kann man das so sagen? Genau genommen umfasst meine Arbeit bei Bio Austria drei Bereiche. Einmal die klassische Pressearbeit mit allen Details, dann die Entscheidung, welche Messen besucht werden mit der dazu gehörigen Organisation und der sehr wichtige Bereich der direkten Kommunikation mit Vetriebspartnern der Winzer. Natürlich ist es so, dass die Messeteilnahmen mit den Winzern abgesprochen werden, vor allem auch, wer dort wie vertreten sein wird, weil nicht alle Messetermine von den Winzern persönlich wahrgenommen werden können. Ganz wichtig ist das betreffend die asiatischen Messen. Da ist es oft so, dass ich stellvertretend für die teilnehmenden Winzer die Weine präsentiere.
Wie sieht eigentlich die Budgetierung aus? Müssen das alles die Winzer alleine finanzieren? Ich habe ein Budget, über das ich in Absprache verfügen kann und nein, müssen sie nicht. Natürlich zahlen sie ihre Beiträge an die BA Austria, aber dazu kommen dann Landesförderungen der dortigen Organisationen und ein Teil wird von der EU beigetragen.
Es gibt jetzt eine Kooperation mit Deutschland, ist das richtig?
Ja, wir arbeiten jetzt enger mit Bioland zusammen, die ähnlich wie wir organisiert ist. Einen gravierenden Unterschied aber gibt es. In Österreich wurde schon vor längerer Zeit die politische Entscheidung getroffen, dass die vielfältigen Kleinverbände der Länder zu einer schlagkräftigen Organisation zusammengefasst werden, eben der Bio Austria. In Deutschland ist das anders, da existieren etliche konkurrierende Organisationen, was zwar den Vorteil bietet, dass man sich den Verband aussuchen kann, aber eine Konzentration der Kräfte praktisch nicht möglich ist. Bioland Deutschland ist der größte Verband. Wir arbeiten aber auch mit Bioland Südtirol zusammen.
Wie sieht das auf der nun kommenden BioFach in Nürnberg aus?
Ein wenig anders als sonst, weil die BioFach praktisch unsere europäische Hauptmesse ist. Hier haben wir, als Österreicher ohne unsere Partner, einen sehr großen Stand, weil die Weinbauern persönlich anwesend sind. Hier unterstützt uns die ÖWM auch tatkräftig, was nicht immer selbstverständlich war und uns sehr freut. Wir haben jetzt eine gute Basis miteinander.
Die Biofach ist aber nicht die einzige Aktivität hinsichtlich Deutschland?
Nein, natürlich nicht. Wir arbeiten stark mit dem Naturkosthandel und Biosupermärkten zusammen, wo wir Listungsgespräche führen und in den Geschäften auch direkt Promotion machen. Ab Herbst dieses Jahres wird es eine Tour durch die Biohotels in Deutschland geben, wo wir Präsentationen machen. Aber noch einmal möchte ich betonen, dass wir keine Verkaufsorganisation sind, sondern die Verkaufsbemühungen der Weinbauern durch eine Art Lobbying unterstützen. Dazu zählt auch, dass wir Interessenten, hauptsächlich aus dem gewerblichen Sektor, zu Verkostungen einladen, mit ihnen Weinbauern besuchen oder eben auch in deren Wirkungskreis Werbung betreiben.
Zu den Basics. Was ist ein Zertifikat?Ein Zertifkat ist eine amtliche Bestätigung, dass der betreffende Betrieb nach bestimmten Kriterien kontrolliert arbeitet. Die Umstellungsphase beträgt 2 Jahre, die ebenfalls kontrolliert wird. Man kann nach drei Verarbeitungskriterien zertifiziert werden. Die Stufe mit den wenigsten Einschränkungen ist die EU-Norm, wofür es die einschlägigen Verordnungen gibt. Wenn man bei Bio Austria Mitglied sein will, muss man strengeren Vorschriften gerecht werden. Die strengsten und restriktivsten Verordnungen haben die biodynamischen Weinbauern, die sich nach den Demeter-Richtlinien zertifizieren lassen müssen. Demeter ist auch derzeit die einzige Gruppe, bei der es verpflichtende Kellerrichtlinien gibt. Der Grund dafür ist, dass alle Bioverbände traditionell Organisationen für Produzenten sind, nicht jedoch für Verarbeiter. Die Kellertechnik ist aber ein Punkt, der in Brüssel von uns stark verhandelt wird und ich bin überzeugt, dass es in absehbarer Zeit verpflichtende Regeln hinsichtlich der Kellerwirtschaft für alle geben wird.
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Das Logo des Verbandes
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Wenn in Österreich, oder auch in Deutschland, ein Biobauer seine Erzeugnisse als Bioprodukte anbieten möchte, muss er zu einer der amtlichen Kontrollstellen, die mit der Vermarktung oder Promotion gar nichts zu tun haben, die die Richtigkeit der Angaben kontrollieren. Kontrolliert wird nicht nur das Produkt, sondern im Falle Biowein eingehenst die Weingärten. Die Verbände wie Bio Austria haben damit nichts zu tun.
Es gibt eine genaue Regelung, welche Wörter und Bezeichnungen verwendet werden dürfen, abgesehen davon, dass die Produktion dementsprechend korrekt sein muss. Diese Kontrollstellen werden von unabhängigen Firmen betrieben, die wiederum akkreditiert sein müssen. Die Überwachung der Kontrolleure wird von einer internationalen, EU-weiten Kontrollstelle durchgeführt.
Wie kann man erkennen, wo ein Wein kontrolliert wurde?
Ein Biowein hat auf dem Rückenetikett eine codierte Nummer, an Hand derer man das feststellen kann. Also zum Beispiel AT(Österreich)N(Herkunft der Frucht), dann Bio und die Nummer der Kontrollstelle.
Aus meiner Sicht gibt es da aber recht viele Bezeichnungen, das ist manchmal eher verwirrend.Es ist ein ganz großes Problem, dass es leider noch nicht geregelte Grauzonen gibt, also eine Reihe von Bezeichnungen, die für den Konsumenten ähnlich den zugelassenen klingen, aber nicht kontrolliert worden sind. Das ruft oft große Verwirrung hervor. Beispiel: aus ökodynamischem Landbau. Das bedeutet gar nichts in dieser Form. Da wird mit einem Begriff gearbeitet, der etwas symbolisieren soll, was so nicht der Fall ist. Der betreffende Winzer mag zwar naturnah oder sogar biologisch arbeiten, aber er lässt sich nicht zertifizieren, kann also praktisch alles machen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, wenn er wichtige Regeln nicht befolgt. Auch schon gesehen: der Wein mit Bauernhofgarantie, oder vor allem „naturnah”. Klarerweise produzieren alle zertifizierten Betriebe so, aber der Begriff ist schwammig, nicht geschützt und verursacht viel Verwirrung beim Konsumenten.
Nicht nur das. Hin und wieder hört man Meldungen, dass ausgerechnet Bioprodukte weniger gut oder typisch schmecken. Und ausgerechnet ein sogenanntes „Billigprodukt” eines Diskonters dann als strahlender Sieger dasteht, Beispiel Olivenöl. Wie ist so etwas möglich?
Dadurch, dass der Biobegriff in letzter Zeit enorm im Fokus des Konsumenteninteresses steht, wird dieser Sektor zunehmend für große Konzerne interessant, die daraufhin ihre Sortimente ausweiten. In diesen Größenordnungen kann von handwerklicher Produktion natürlich keine Rede mehr sein. Lebensmittelkonzepte, Produktionskonzepte und Vermarktungskonzepte werden also auf den Biobegriff aufgesetzt. Begonnen hat das mit Fruchtsäften. Ein Großproduzent muss auf Fruchtsaftkonzentrate zurückgreifen, anders geht das gar nicht. Natürlich aus biologisch angebauten Früchten, das ist technisch und auch geschmacklich gesehen alles ganz korrekt. Nur erwartet der Konsument ganz einfach von einem Bioprodukt, dass es aus der Masse heraussticht, als solches positiv erkennbar ist. Aber es ist einfach so, dass ein Produkt, dessen Basis aus einer idealen Region kommt und in dem Sinne nicht technisch verändert wird, besser schmecken kann, als ein Bioprodukt aus einer für die Frucht nicht so optimalen Gegend. Das meine ich mit aufgesetzten Konzepten. Alles jederzeit von irgendwo, das geht zwar logistisch, aber entspricht nicht wirklich dem ursprünglichen Biogedanken.
Beim Wein gab es bisher ja dieses Problem nicht, eher umgekehrt. Also je kantiger, rauer und, sagen wir es freundlich, rustikaler der Wein geschmeckt hat, desto eher konnte man annehmen, dass er aus einer Bioproduktion stammte. Das hat sich in letzter Zeit aber sehr geändert. Wie das?
Ja, das sind die Vorurteile, mit denen wir derzeit noch zu kämpfen haben. Und ich sage auch gar nicht, dass die so ganz unberechtigt wären, leider, es gab solche Weine. Man darf aber eines nicht vergessen: als die ersten Winzer mit der Bioproduktion begonnen haben, mussten die praktisch die Arbeit neu erfinden. Es gab für nichts Erfahrungswerte, auf die man zurückgreifen konnte. Man kann diesen Pionieren, die noch dazu oft massiven Angriffen aus der Umgebung ausgesetzt waren, gar nicht genug danken für ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Man stelle sich nur vor, dass zu Anfang absolut nicht klar war, wie man zum Beispiel gegen Peronospora vorgehen sollte. Jeder Weinkenner weiß, was das bedeutet, wenn infizierte Trauben verarbeitet werden müssen. Und ich sage müssen, denn ein jahrelanger Ernteausfall hätte ja den sofortigen wirtschaftlichen Untergang bedeutet. Das waren bitterste Lehrjahre.
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Begrünung ist von großer Bedeutung im Weinbau
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Das ist nun überwunden, wie mir scheint, mehr noch, da ja auch ganz namhafte und dazu recht große Betriebe nun biologisch - und klarerweise zertifiziert - arbeiten.Das sehen wir auch sehr positiv. Wir haben nun einen schon reichen Erfahrungsschatz, auf dem weiter aufgebaut werden kann. Zudem ist der Zusammenhalt sehr groß, sodass in kritischen Momenten, speziell im Weingarten, erfahrene Kollegen helfend zur Seite stehen. Dieses Miteinander ist ein sehr schöner Aspekt und bietet mehr Sicherheit für alle.
Wie stehen Sie zu dem noch zu hörenden Vorwurf, dass viele bekannte Betriebe jetzt praktisch aus Trendgründen auf den Zug aufspringen?
Offen gesagt habe ich auch einen Lernprozess hinter mir. Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich davon gelöst habe. Jetzt bin ich der Meinung, dass diese Bestrebungen vieler namhafter Betriebe durchaus positiv zu sehen sind. Das hängt auch ein wenig damit zusammen, dass bis vor wenigen Jahren der für uns so wichtige Journalismus, man muss es leider sagen, auch viel Unsinniges über biologischen Weinbau geschrieben hat. Jetzt gibt es in der Hauptsache hervorragend recherchierte Berichte, die Journalisten beschäftigen sich ernsthaft mit der Materie. Natürlich kommen die bekannten Namen öfter vor. Das ist aber mehr als in Ordnung, nachdem jetzt auch die Pioniere gebührend gewürdigt werden.
Herr Schmücking, wir wünschen Ihnen und damit den Weinbauern viel Erfolg und danken für das Gespräch.
Eine Liste von Betrieben aus Österreich mit gültigen Kontrollverträgen
Bio-Weingut Diwald
Weingut Mehofer - Neudeggerhof
Weingüter Bioveritas
Weingut Familie Wimmer-Czerny
Bio-Weingut Johannes Zillinger
Weingut Fred Loimer
Weingut Bernhard Ott
Weingut Günther Schönberger
Weingut Pretterebner
Weingut Söllner
Weinbau Roisz
MEINKLANG - Weingut Michlits
Lesehof STAGÅRD
Weinbau Beilschmidt
Christian Mrozowski
Wein und Heuriger Pferschy-Seper
Weinbau Hajszan
Fritz Salomon - Gut Oberstockstall
Rotweinbau Moritz
Weinbau Graf
Weingut Kirchberghof Biosektkellerei
Weingut Groiß