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08.03.2008
Biowein in Sachsen: Öko-Nische im Öko-Boom
Interview mit dem sächsischen Biowinzer Ralph M. Ropohl
Von Manfred Wirbals
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Sachsen - das nordöstlichste Anbaugebiet und eines der kleinsten in Deutschland - weist eine sehr wechselvolle Weinbaugeschichte auf: Nach ersten Anfängen im 12. Jahrhundert umfasste es in seiner Blütezeit eine Fläche von ca. 5.000 ha, um 1840 waren es noch 1.600 ha, und unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg war der Tiefpunkt mit gerade noch 60 ha erreicht. 1993, kurz nach der Wiedervereinigung, verzeichnete der vom Deutschen Weininstitut herausgegebene „Deutsche Weinatlas” bereits wieder 200 ha. Für die Ausweitung des sächsischen Weinbaus wurden noch Potentiale gesehen: „Es wäre ohne weiteres möglich, das kleine Anbaugebiet um gut 100 ha zu erweitern. Die doppelte Menge könnte in Sachsen geerntet werden, ohne dass die Qualität darunter litte.” Nach knapp 60 Jahren hat Sachsen seine Weinfläche sogar auf nunmehr 470 ha vergrößert; die Mengenerträge konnten damit jedoch nicht Schritt halten. Mit durchschnittlich 55 hl/ha (21.000 hl 2007) gehören die sächsischen Erntemengen zu den geringsten aller deutschen Anbaugebiete.

Gebietsweinwerbung: „Wein aus Sachsen - eine Rarität”

So hat der Sächsische Weinbauverband seine Gebietsweinwerbung zu Recht unter das Motto „Wein aus Sachsen - eine Rarität” gestellt: Lediglich 0,2 % der gesamten deutschen Weinmenge kommt aus Sachsen. Da erstaunt es nicht, dass die beachtlichen Qualitäten, die entlang der 1992 gegründeten „Sächsischen Weinstraße” wachsen, vielen Weinliebhabern kaum oder noch gar nicht bekannt sind. Geradezu einen „weißen Fleck” stellt Sachsen auch auf der Karte ökologischer Weinerzeugung in Deutschland dar. Deutschland erlebt einen Bioboom sondergleichen, ökologisch erzeugte Weine werden von Verarbeitern und Händlern dringend gesucht, immer mehr Betriebe arbeiten im Weinberg bereits ökologisch oder stellen offiziell für eine Verbandsmitgliedschaft um, doch in Anbaugebieten wie Sachsen (oder etwa der Hessischen Bergstraße) haben Weine aus ökologischem Anbau noch Seltenheitswert. Während sich die „klassischen” Öko- und Bioweinverbände wie Bioland, Ecovin, Naturland und Demeter seit vielen Jahren über ein nachhaltiges Interesse nicht nur an der Mitgliedschaft, sondern auch an Beratungsleistungen freuen, kann der 1988 in Dresden gegründete Verband „Gäa e.V. Vereinigung Ökologischer Landbau e.V.” aktuell lediglich ein Mitglied aufweisen: Das bei Radebeul, wenige Kilometer nordwestlich von Dresden gelegene Weingut Hoflössnitz - ein Öko-Weingut mit Alleinstellungsmerkmal inmitten der sächsischen Kultur- und Weinlandschaft.

Das Ökö-Weingut Hof Lössnitz

Zur Sonderrolle von Hof Lössnitz  in der sächsischen Weinszene befragte Wein-Plus-Autor Manfred Wirbals dessen Kellermeister und Produktionsleiter Ralph Ropohl. Der dreißigjährige diplomierte Weinbauingenieur (FH Geisenheim) trat auf dem Weingut vor einem knappen Jahr seine erste Stelle als Kellermeister an. Als Vorstandsmitglied des Weinbauverbandes Sachsen bringt er auch auf Verbandsebene sein Fachwissen ein, betreibt Kontaktpflege - und freut sich nach seinen Worten über die Möglichkeit, „dort das Wissen über das dynamische Weinland Sachsen auffrischen zu können.”


Manfred Wirbals: Was war für Sie die Motivation, sich im Bioweinbau zu engagieren? Waren Sie durch das Studium „vorgeprägt”?

Kellermeister Ralph Ropohl
Ralph Ropohl: Theorie und Praxis ökologisch erzeugter Weine waren mir schon früh sympathisch. Nachhaltiges Arbeiten im Weinberg führt zu gesünderen Rebstöcken und somit zu einem gesünderen Ausgangsmaterial mit qualitativ überzeugenden und vielschichtigeren Weinen. Im Studium wurden wir mit diesem immer bedeutender werdenden Thema schon im ersten Semester mit spezifischen Unterrichtseinheiten zum Bioweinbau konfrontiert. Da die FH Geisenheim über den einzigen Lehrstuhl für ökologischen Weinbau in Deutschland verfügt - der ja vom erfolgreichen Ecovin-Winzer Randolf Kauer ebenso prominent wie fachkundig vertreten wird - ist für eine entsprechende Präsenz des Öko-Weinbaus in allen seinen Facetten während des ganzen Studienverlaufs gesorgt.


Manfred Wirbals: Welche Stellung hat das Weingut Hoflössnitz innerhalb der sächsischen Weingüter? Und wann hat Hoflössnitz auf ökologische Weinerzeugung umgestellt?

Schloss Proschwitz
Ralph Ropohl: Zur sächsischen Winzerszene gehören drei große Betriebe: Die Winzergenossenschaft Meißen mit rund 1.800 Mitgliedern, das Staatsweingut Schloss Wackerbarth und schließlich das größte sächsische Privatweingut Schloss Proschwitz. In sogenannten Weingemeinschaften sind ca. 3.600 Nebenerwerbswinzer mit ganz unterschiedlichen Flächengrößen organisiert; viele von ihnen bilden heute die Stütze des Weinbaus auf den Steillagen, die ohne dieses Engagement wohl kaum erhalten werden könnten. Schließlich gehören zu dieser Struktur noch ungefähr 20 Vollerwerbswinzer, zu denen auch das Weingut Hoflössnitz zu zählen ist. Nach der Gründung der Weingutanlage Hoflößnitz im Jahr 1401 hatte es eine sehr wechselvolle Geschichte: Lange war es Mittelpunkt herrschaftlichen, von der Adelskultur geprägten Weinbaus, dann staatliche Weinbauversuchs- und Lehranstalt und schließlich in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts das Stadtweingut von Radebeul. Heute befindet es sich als Stiftungsweingut zu 90% in städtischem und zu 10% in privatem Besitz. Dem fränkischen Winzer Gerhard Roth ist es als eine Pionierleistung zu verdanken, dass  Hoflössnitz 1997 als ökologisches Weingut wiedergegründet wurde. Ich glaube, die Radebeuler Stadtkämmerin kann sich heute über ein Juwel städtischer Beteiligung freuen: Die Anlage mit Weingutmuseum, Weingut und Weinstube gilt heute als ein herausragendes kulturelles und weinbauliches Zentrum an der Sächsischen Weinstraße.


Manfred Wirbals: Wie ist der Vertrieb der Weine organsiert? Wie ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage?

Ralph Ropohl: Auf ca. 8 ha Rebflächen in der Großlage Lößnitz werden heute jährlich 40.000 Flaschen Ökowein produziert. Da ich unseren Kunden unverfälschten Weingenuß garantieren möchte, werden die Flaschen komplett mit dem Drehverschluß Stelvin Plus verschlossen - als Marketingproblem hat sich das nicht herausgestellt. So habe ich jedenfalls die Gewähr, dass die Kunden die Qualität bekommen, die sie hier vor Ort verkostet haben. Die Probleme des Trichloranisol-bedingten Korkschmeckers und der durch schlechte Korkqualität verursachten Oxidation stellen sich uns damit nicht.

Auch ein wichtiger Impulsgeber für Sachsen: Schloss Wackerbarth
Ein großer Anteil der Weinproduktion wird über das von dem privaten Pächter Stephan Lampe geführte Restaurant HofLößnitz und den Weinladen verkauft, die von der Stiftung betrieben wird. Der Rest wird über den regionalen Fachhandel und die hiesige Gastronomie abgesetzt. Es gäbe durchaus noch Flächenpotentiale zur Erweiterung unseres Gutes und des Weinbaus hier im Elbtal. Gerade bei konventionellen Winzern gibt es eine große Nachfrage nach weiteren Flächen. Wir sind sehr glücklich, dass kürzlich erst mit EU-Mitteln 1,5 ha einer alten Terrassen-Steillage in dem von steinigen Verwitterungsböden geprägten Radebeuler Steinrücken reaktiviert werden konnten. Sie ergänzen sehr schön unsere bisherigen Lagen um das Weingut herum - die Flächen im Radebeuler Goldenen Wagen und den Granit- und Syenitböden vom Radebeuler Johannisberg, die alle zur Großlage Lößnitz gehören. In unserem Rebsortenspiegel sind wir übrigens auf eine Rebe besonders stolz: Mit dem Goldriesling pflegen wir eine sächsische Spezialität, die hier nur noch auf ca. 11 ha angebaut wird. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie von Rebenzüchter Christian Oberlin im elsässischen Colmar aus den Sorten Riesling und Courtillier Musqué Précoce gekreuzt. Als frühreifende und spätaustreibende Rebsorte eignet sie sich sehr gut für die hiesigen Klimabedingungen. Mit ihrem Verkauf als typisches, regionales Produkt sind wir ganz zufrieden. Der Großteil der 4000 Flaschen ist jedenfalls meistens vorreserviert.


Manfred Wirbals: Viele Weinhändler suchen händeringend nach deutschen und regionalen Bioweinen - das Angebot kann mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Welche Gründe gibt es für die deutsche Zurückhaltung bei der Ausweisung neuer Ökoflächen auch im Weinbereich? Sollte der ökologische Weinbau von Seiten der Politik mehr unterstützt werden? Was wäre zu tun?

Ralph Ropohl: Von der politischen Ebene müsste das eindeutige Signal kommen, dass die Winzer bei der dreijährigen Umstellungsphase besser unterstützt werden. Die Winzer gehen ein nicht unbeträchtliches Risiko ein. Sie müssen noch intensiver arbeiten, sorgen sich um das Zusammenbrechen der Anlagen als Folge von Pflanzenkrankheiten und um geringeren Ertrag - und sehen zugleich, dass konventionell arbeitende Winzer mit weniger Arbeitsaufwand gute Gewinnmargen verzeichnen können. Man sollte auch darüber nachdenken, neue Pflanzrechte in  Flachbereichen vorrangig für Ökoweinbau vorzusehen. Von einer solchen Politik würde die sächsische Weinkultur und mit ihr das gesamte Elbtal profitieren.

In Sachsen sind viele Weinberge terrassierte Steilhänge

Manfred Wirbals: Sie betreiben ausdrücklich „kontrolliert ökologischen Weinbau”. Was verstehen Sie darunter?

Ralph Ropohl: „Kontrolliert ökologischer Weinbau” bedeutet für mich zunächst, beste Bedingungen für die Rebe im Weinberg zu schaffen. Es ist schließlich die Qualität im Berg, die stimmen muss - im Keller kann ich sie nicht mehr verbessern. Obwohl ich beim Pflanzenschutz -  z.B. bezüglich des Kupfereinsatzes - sehr zurückhaltend bin, haben wir das Problem der Pflanzenkrankheiten bislang gut gemeistert. Außerdem haben wir unseren klassischen, von Müller-Thurgau, Riesling und Weißburgunder geprägten Rebsortenspiegel mit den pilzwiderstandsfähigen Sorten Regent und Johanniter ökologisch verträglich ergänzt.

Glossar zum Thema
Im Keller gehe ich sehr differenziert mit den technischen Möglichkeiten um: So verzichte ich auf Spontangärung durch wilde Hefen, da mir hier die Risiken zu groß sind. Ich bin auch kein Freund von Kaltvergärung, da sie die Hefen doch in erheblichen Stress versetzt und mir die Weine dann oft aromatisch zu aufdringlich erscheinen. 20 bis 23 Grad sind mir lieber, dies bringt eine verlässliche, saubere Vergärung mit einer letztlich weniger blumigen, dafür aber vielschichtigeren, mineralischen Aromatik. Bei der Mostklärung verzichte ich auf Flotation und setze stattdessen auf die traditionelle Sedimentation. Mit dem zurückhaltenden Einsatz von Reinzuchthefen, Hefenährsalzen und Enzymen kommen wir zu immer besseren Ergebnissen - eine Goldmedaille bei der letztjährigen Berliner Wein Trophy hat uns sehr gefreut und ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Bestätigt wurden wir aktuell auch durch eine Einkaufsempfehlung in einem Fachmagazin für unseren Weißburgunder Kabinett.


Manfred Wirbals: Was erwarten Sie von den EU-Kellerrichtlinien, die 2009 in Kraft treten sollen?

Glossar zum Thema
Ralph Ropohl: Mit Einschränkungen der Weinbehandlung im Keller wäre wohl zu rechnen; dies dürfte insbesondere für die Schönung mit Gelatine, Kaseinaten, Hausenblase, den Einsatz von Ascorbinsäure und Lysozym oder den von mir ohnehin schon deutlich reduzierten Schwefeleinsatz gelten. Letztlich erwartet uns hier mehr Arbeit und mehr Verantwortung im Keller. Über die Preise wird  das aber kaum mehr aufzufangen sein, da sich unsere Weine vergleichsweise bereits im Premium-Segment befinden.


Blick in den Keller
Manfred Wirbals: „Klimawandel” ist für den Weinbau in letzter Zeit zu einem wichtigen Diskussionsthema geworden: Von langfristig veränderten Rebsortenspiegeln, vom Ausweichen in höher gelegene Anbaugebiete oder deren Verlagerung in den Norden ist die Rede. Sehen Sie auch hier in Sachsen schon erste Anzeichen?

Ralph Ropohl: Ich bin sehr zurückhaltend gegenüber der weitverbreiteten Tendenz, die klimatischen Auffälligkeiten von vornherein einem unausweichlichen Klimawandel zuschreiben. Auch wenn wir hier in den letzten zehn Jahren keine Spätfröste mehr hatten und die Reben im letzten Jahr unter heftigem Sonnenbrand zu leiden hatten, ist die Möglichkeit nicht außer Acht zu lassen, dass die Temperaturspitzen Ausdruck extremer Schwankungen sind, die in der Klimageschichte bekanntlich immer wieder vorgekommen sind. Es wird langfristig vor allem darauf ankommen, mit den Böden und der großen Toleranzbreite der Reben, mit Rückschnitt und Entblätterung noch besser zu Recht zu kommen. Dies bedeutet natürlich noch intensivere Arbeit mit den Reben im Weinberg.

Manfred Wirbals

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