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23.12.2004
Auf des Kaisers Stuhl
Tour bei Kaiserwetter
Von Berthold Heinz
Leserkommentare (bisher 0)

Der Kaiserstuhl ist eine Ausnahmeregion, nicht nur klimatisch. Auch Gastronomie und Weinkultur eröffnen dem Wanderer im Hitzeloch Deutschlands immer neue Perspektiven.

Mammutbäume, Gottesanbeterinnen, Lilien, Smaragdeidechsen, schmucke Gasthäuser und aufregende Weinterrassen auf Vulkanterrassen - der Kaiserstuhl im südlichen Baden ist eine Ausnahmeregion, nicht nur klimatisch. Auch Gastronomie und Weinkultur eröffnen dem Wanderer immer neue Perspektiven.

Der Totenkopf ist mit 557 Metern die höchste Erhebung am Kaiserstuhl

Zeitgeist und Pseudo-Moderne machen der deutschen Gastronomie zu schaffen. Fast nirgendwo werden Gäste von Zitronengrasspiessen und Gänseleber-Latte-macchiato verschont. Doch die Restaurants am Kaiserstuhl tanzen aus der Reihe! Wie erstklassig Gastronomie auch ohne modische Cross-over-Beliebigkeit sein kann, beweisen die traditionsreichen Gasthäuser im Minigebirge zwischen Schwarzwald und Vogesen Tag um Tag. Familienbetriebe mit langer Historie sind in Ihringen, Vogtsburg oder Endingen zu bewundern. Die Geschichte vieler Restaurants reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Zum deutschen Gastro-Kulturerbe gehört allen voran auch Franz Kellers «Schwarzer Adler», wo Ess- und Weinkultur schon lange vor Witzigmann und Lafer existierten. Kein Zweifel, nach einer sommerlichen Tour durch den Kaiserstuhl können sich Genießer wirklich gesättigt und zufrieden auf des Kaisers Stuhl niederlassen!

Doch um die Einheit von Natur und Küche, Weinen und Landschaft zu verstehen, wäre zunächst eine Wanderung durch die Wiesen und Weinberge angesagt. Kein Spaziergang, denn die Anstiege sind oft fühlbar, die schmalen, ausgetrampelten Pfade ziehen sich durch niedrige Wälder hinauf. Doch vor allem im Sommer belohnt die Natur alle Mühen: Die Vegetation im Juli oder August ist von einer Reichhaltigkeit, die selbst im fruchtbaren Baden wenig Vergleichbares hat. Grillen zirpen, sogar die anderswo längst raren Schmetterlinge sind im Überfluss vorhanden. Wer sich noch weiter den Berg hinaufquält, hat gute Chancen, ein merkwürdiges Lebewesen zwischen den Gräsern zu beobachten: Eine schimmernde Eidechse lugt heraus und beäugt wachsam den Menschen.

Ein seltener Anblick: Die Smaragdeidechse
Smaragdeidechsen gibt es in Deutschland fast nur noch hier am Badberg, einem großen, grünen Klotz mitten im Kaiserstuhl. Kein Zufall, hier befindet sich Deutschlands Wärmeinsel Nummer eins. Durchschnittstemperaturen von zehn Grad im Jahresmittel und Sommerspitzenwerte von 40 Grad machen den vor Jahrmillionen von Vulkanen geformten Gebirgszug zu einem mediterranen Vorposten. Wärme liebende Tiere leben hier. Im August klettern sogar die bizarr anmutenden Gottesanbeterinnen - fingerlange Fangschrecken - über die Felsen.

Wer sich die Vielfalt der Kaiserstuhllagen erwandern will, tut gut daran, rechtzeitig für Unterkunft zu sorgen. Mit seinen hübschen Fachwerkdörfern, den Strausswirtschaften und gemütlichen Gasthöfen ist die Region längst zum Geheimtipp der Ausflugstouristen geworden. Zumal hier der anderswo beliebte Souvenir- und Bimmelbähnchen-Schnickschnack fast völlig fehlt. Der Kaiserstuhl biedert sich nicht an beim Besucher. Die Sehenswürdigkeiten muss man sich im wahrsten Sinne erschwitzen…

400 Jahre Gastlichkeit: Hotel "Krone"
Idealer Ausgangspunkt für eine Kaiserstuhl-Tour ist die «Krone» in Achkarren. Kein Hotel der Luxusklasse, aber eines, das seit über 400 Jahren in die Landschaft passt. Küchenchef Jürgen Schüssler müsste hier gar nicht asiatisch experimentieren, seine badischen Schmankerln à la Kalbskopf machen doch genug Spaß! Die Weinliste setzt zum Glück ganz auf Heimisches: nicht weniger als 20 badische Sorten glasweise und noch viel mehr in Flaschen (vom Weingut Dr. Heger oder der ortsansässigen Winzergenossenschaft!).

Von Achkarren aus könnte die Kaiserstuhlwanderung am nächsten Tag über Bickensohl nach Oberbergen führen, zum legendären «Schwarzen Adler». In dessen holzgetäfelter Stube werden Speisen aufgetragen, die ohne jeden Firlefanz auskommen. Schon der Aperitif ist klassisch und zugleich originell: «Kalte Ente», Sekt mit trockenem Weißwein. Im Rheinland ein beliebtes Karnevalsgetränk, bei Keller ein überraschender Aperitif. Was danach als «Unsere Gänseleber» serviert wird, ist nicht etwa ein modisches Sammelsurium aus verschiedenen Gänseleber-Zubereitungen, sondern besteht einzig aus einer Scheibe der hausgemachten Terrine. Den Hauptgang wiederum, das saftige Rinderfilet, begleitet nichts als eine kräftig reduzierte Spätburgundersauce. Und der Service, bunt zusammengewürfelt aus Badenern und Elsässern, ist von einer Warmherzigkeit, die man sonst lange sucht.

Führt den "Schwarzen Adler": Fritz Keller
Aber der «Adler» ist nicht nur Gourmet-Restaurant, sondern auch denkmalwürdiger Hort deutscher Weinkultur. Franz Keller senior wetterte in den siebziger und achtziger Jahren gern gegen die süßen, überzuckerten Tropfen, die damals in Mode waren. Heute gehört der «Adler» zu den renommiertesten Weingütern am Kaiserstuhl. Restaurantgäste profitieren aber auch von der Leidenschaft des Seniorchefs für alte Bordeaux. Hunderte von reifen Rotweinen aus legendären Jahrgängen wie 1990, 1985 oder 1982 sind nicht nur zu haben - sie sind auch vergleichsweise erschwinglich. Viele halbe Flaschen ermöglichen zudem ausgedehnte Weinverkostungen. Und wer Glück hat, bekommt einen Schluck von einem ganz besonderen Tropfen, der gerade «im Anbruch» ist. Besser kann man Weinkultur nicht zelebrieren!

Von Oberbergen aus ist es nicht weit zum 557 Meter hohen Totenkopf, der höchsten Erhebung des Kaiserstuhls. Nach einem Blick über die Landschaft begreift man rasch, warum das Klima nicht nur für eine üppig sprießende Vegetation, sondern auch für beste Weine sorgt. An den Hängen des durch Flurbereinigung weitgehend terrassierten Gebirges wachsen Tropfen, die oft zu den besten in Deutschland gehören - die aber vor allem durch ihre unvergleichliche Art hervorstechen. In anderen Weinbauregionen mag der Begriff Terroir etwas Abstraktes sein, am Kaiserstuhl wird auch für den Wein-Novizen nachvollziehbar, welchen Einfluss Gestein und Kleinklima haben können.
Wolf-Dietrich Salwey
Die fruchtbaren vulkanischen Böden, die in den meisten Kaiserstühler Lagen dominieren, speichern die Sommerhitze bemerkenswert gut. In Spitzenlagen wie Winklerberg, Schlossberg und Bassgeige wachsen nicht zufällig einige der komplexesten Burgunder Deutschlands. Typisch für den Kaiserstuhl ist übrigens die Eleganz der Weine, Frische und Frucht bleiben auch in den heißesten Jahren erhalten. Spezialist für rote Klassetropfen ist zum Beispiel Wolf-Dietrich Salwey aus Oberrotweil, bei dem man dennoch nie weiß, ob die Grau- oder die Spätburgunder die interessanteren Gewächse sind (ah, dieser ***-Grauburgunder vom Eichberg!).

Genießen kann man natürlich auch anderswo am Kaiserstuhl. Zum Beispiel in «Dutters Stube» in Kiechlinsbergen, dem nächsten Etappenziel einer Kaiserstuhltour. Hier trägt Franziska Dutter mit Vorliebe badische Klassiker auf: Kalbskopfragout oder Perlhuhn in Gänseleberrahm mit hausgemachten Nudeln. Die höchst beachtliche Weinkarte zeichnet sich durch sympathische Preise und viele halbe Flaschen aus, das echte Viertel Spätburgunder von Bercher gibt’s schon für fünf Euro! Und übernachten kann man in den (leider wenigen) hübschen Zimmern auch. Am nächsten Morgen sollte man dringend einen Abstecher nach Endingen einplanen, um bei Markus Dirr Verpflegung einzupacken. Die «Metzgerei Dirr» ist über den Kaiserstuhl hinaus bekannt für hausgemachte Wurstwaren nach altbadischer Art: von der Kalbs-Lyoner über die grobe Salami bis zum sensationellen Schinken!

Über Königschaffhausen und Leiselheim erreicht man rechtzeitig zum Mittagessen Bischoffingen und Thomas Wernets idyllisch von Reben umrahmtes Hotel-Restaurant «Steinbuck». Außerdem wandert es sich anschließend von Bischoffingen aus höchst angenehm durch das schöne Lilienthal. Danach ist der Gaumen gewiss wieder in Form für eine Probe der Auxerrois oder süffigen Muskateller des jungen Freiherrn von Gleichenstein in Oberrotweil - im Sommer sind die meisten Weine des Vorjahres schon gefüllt und stehen zur Verkostung und zum Mitnehmen bereit.

Regionale Köstlichkeiten

Auch Niederrotweil nebenan ist bequem zu Fuß erreichbar. Im «Gasthaus zum Kaiserstuhl» serviert Lothar Koch eine ebenso authentische wie ungewöhnliche Kaiserstuhl-Küche. Was immer er so an Kräutern in den Wiesen der Umgebung findet, wandert in seine kulinarischen Kreationen. Junger Knoblauch, Löwenzahn oder kuriose, erstaunlich würzige Dahlienblüten. Die Weinauswahl ist weniger Bordeaux-lastig als bei Franz Keller, aber nicht minder beeindruckend - mit ihren vielen dutzend Kaiserstuhlweinen von fast allen Top-Winzern!

Wer die sommerliche Tour durch den Kaiserstuhl nicht am Ausgangspunkt, in Achkarren, beenden will, sollte noch eine Stippvisite nach Ihringen einplanen. Marianne Birmele serviert in ihrer «Winzerstube», im südlichsten Ort des Kaiserstuhls, hausgemachte Nudeln, heimisches Lamm, krossen Wolfsbarsch mit Sommerkräutern oder den gebackenen badischen Ziegenkäse. Authentisch, einfach-genial und unverwechselbar. Wie der gesamte Kaiserstuhl!



Text: Berthold Heinz, (berthold.heinz@vinum.de)

Fotos: Armin Faber (armin.faber@vinum.info)

Adressen:


Restaurants und Hotels:

Karle’s Weinkrügle
Eisenbahnstrasse 24
79241 Ihringen
Tel. 07668-74 99
weinkrueglekarle@aol.com

Schindlers Ratsstube
Marktplatz 10
79346 Endingen
Tel. 07642-34 58,
www.schindlers-ratsstube.de
info@schindlers-ratsstube.de

Hotel zur Krone
Schlossbergstrasse 15-17
79235 Achkarren
Tel. 07662-931 30
www.hotel-krone-achkarren.de
krone-achkarren@t-online.de

Dutters Stube
Winterstrasse 28
79346 Endingen-Kiechlinsbergen
Tel. 07642-17 86
www.dutters-stube.de
info@dutters-stube.de

Gasthof Schwarzer Adler
Badbergstrasse 23
79235 Vogtsburg-Oberbergen
Tel. 07662-93 30 10
www.franz-keller.de

Gasthaus zum Kaiserstuhl
Niederrotweil Nr. 4
79235 Vogtsburg-Niederrotweil
Tel. 07662-237

Hotel-Restaurant Steinbuck
Steinbuckstrasse 20
79235 Vogtsburg-Bischoffingen
Tel. 07662-91 12 10
www.hotel-steinbuck.de
wernet@hotel-steinbuck.de

Winzerstube
Wasenweilerstrasse 36
79241 Ihringen
Tel. 07668-50 51
www.winzerstube-ihringen.de
winzerstube_ihringen@t-online.de


Winzer:

Weingut Franz Keller
Badbergstrasse 23
79235 Vogtsburg-Oberbergen
Tel. 07662-933 00
www.franz-keller.de
keller@franz-keller.de

Weingut Salwey
Hauptstrasse 2
79235 Vogtsburg-Oberrotweil
Tel. 07662-384
www.salwey.de
gut@salwey.de

Weingut Freiherr von Gleichenstein
Bahnhofstrasse 12
79235 Vogtsburg-Oberrotweil
Tel. 07662-288
www.gleichenstein.de
weingut@gleichenstein.de


Einkaufen:

Metzgerei Dirr
Königschaffhauser Strasse 17

 


Der vorstehende Artikel wurde uns freundlicherweise von der Vinum-Redaktion zur Verfügung gestellt. Vielen Dank hierfür. Bitte bestellen Sie über den nachfolgenden Link GRATIS ein Probeheft der Vinum:

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Berthold Heinz

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