Erst hat er seine Barolo- und Barbaresco-Crus zu Langhe DOC deklassiert, dann massiv in der Toskana investiert. Angelo Gaja, Winzerstar aus dem Piemont, erklärt, warum seine Liebe trotz allem dem Barbaresco gehört.
Vinum: Signor Gaja, seit dem Jahrgang 1996 haben Sie Ihre Einzellagenweine zu Langhe DOC deklassiert. Damit wollten Sie den Barbaresco DOCG aufwerten. Ist das gelungen?
Gaja: Ja, heute ist der Barbaresco DOCG mehr denn je unser wichtigster Wein. Er ist eine Cuvée aus Trauben 14 grosser Lagen - eine Art Super-Barbaresco - und drückt alles aus, was in der Nebbiolo-Traube und den Böden der Region steckt. Diesen Spitzenwein wollten wir nie durch die Crus gefährden. Wir haben ja schon 1967 begonnen, Einzellagenweine zu keltern. Aber seit rund 15 Jahren ist das nun Mode geworden. Also haben wir uns entschlossen, die Crus zu deklassieren.
Vinum: Einige vermuteten, sie wollten unter dem Langhe-Etikett einen Super-Piemontesen mit internationalen Rebsorten keltern. Im Interview (VINUM 7/2000) haben Sie das bestritten. Inzwischen sind die Crus aber nicht mehr 100 Prozent Nebbiolo
Gaja: Wir haben etwas Barbera zugefügt, um den Nebbiolo zu beleben - maximal acht Prozent im Sperss und im Conteisa. Darum wollen wir es noch lange nicht der Toskana gleichtun. Einen Super-Piemonteser wird es von mir nicht geben.
Vinum: Cabernet oder Merlot kommt also nicht in Frage?
Gaja: Nein. Auch die Barbera können wir weglassen, wenn der Wein sie einmal nicht benötigt.
Vinum: 2003 haben Sie eine Kellerei in der Maremma eröffnet. Bald kommen mehr Gaja-Weine aus der Toskana als aus dem Piemont. Wandern Sie aus?
Gaja: Natürlich nicht. Wir wollten wachsen, uns dabei aber nicht auf Abenteuer einlassen. In den Langhe gab es Anfang der 90er mehrere schwierige Jahrgänge in Folge. Also haben wir uns entschieden, auf die Toskana auszuweichen. Sie hat einfach grosse Böden.
Vinum: Sie haben bekannte Gebiete wie Montalcino oder die Maremma gewählt. Warum nicht eine dynamische Aufsteigerregion wie Montecucco?
Gaja: Natürlich mussten wir da investieren, wo die besten Weine wachsen - Gaja backt schliesslich keine Pizza. In Montalcino hatte schon Biondi-Santi vorgemacht, was dort möglich war, in der Maremma war es Sassicaia. Ein sicheres Investment also.
Vinum: Experimentierfreudig sind Sie nicht gerade. In der Toskana keltern Sie bislang nur Brunello, in der Maremma solide Cuvées aus Cabernet und Merlot - kommt in den nächsten Jahren noch ein Knaller?
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Angelo Gaja: Experimente ja, Abenteuer nein (Foto: H.Knall/winetimes.at)
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Gaja: In Montalcino wollten wir natürlich einen ortstypischen Wein keltern, also den Sangiovese grosso. In der Maremma hingegen gedeihen Cabernet und Merlot am besten. Dort sind wir allerdings noch nicht so weit, einen grossen Wein zu machen. Ein grosser Wein entsteht nur aus alten Reben, und wir sind noch dabei, neu zu pflanzen.
Vinum: Dabei gibt es das Projekt Ca’ Marcanda schon seit 1996. Doch haben Sie vor dem Pflanzen jede potenzielle Rebbergslage genauestens untersucht. Warum?
Gaja: Wir wollten einen Aspekt des piemontesischen Weinbaus in die Toskana bringen: die Stärken jeder Lage zu kennen, um Weine mit eigenständiger, unverwechselbarer Persönlichkeit zu erzeugen. Wie unsere Crus im Piemont.
Vinum: Lodovico Antinori, Ihr Nachbar in der Maremma, will einen grossen reinsortigen Merlot keltern. Was halten Sie davon?
Gaja: Ich habe so meine Bedenken. Merlot wird meines Erachtens an der Küste zu früh reif, als dass er solo ein grosses Gewächs ergeben könnte. Aber wir werden sehen - gepflanzt haben wir jedenfalls Cabernet Sauvignon, Cabernet franc, Merlot, Syrah und Sangiovese. Ich persönlich mag Sangiovese sehr - vielleicht, weil er dem Nebbiolo ähnelt.
Vinum: Die Maremma gilt als das italienische Kalifornien. Würde Sie auch ein Projekt in der Neuen Welt reizen?
Gaja: Wir haben über ein Joint Venture in Kalifornien oder Australien nachgedacht. Aber Italien ist doch das wahre Amerika: So viele Möglichkeiten gibt es sonst nirgends auf so engem Raum. Italien hat eine riesige Vielfalt von Böden und Trauben, ausserdem kann sich alle 100 Meter das Mikroklima völlig ändern.
Vinum: Ihre Entscheidung für die Toskana hat sich wohl auch wirtschaftlich gelohnt. Die grossen Weine des Piemont - Barolo und Barbaresco - stecken heute mehr in der Krise als die Toskaner.
Gaja: Die so genannte Krise im Piemont ist eine ganz natürliche Entwicklung. Man kann nicht immer wachsen. Seit 1995 hatten wir in den Langhe sechs, sieben grosse Jahrgänge in Folge, ausserdem sind viele neue Betriebe hinzugekommen - da kommt es automatisch zu einem Überangebot. Aber natürlich geht es der Wirtschaft auch insgesamt nicht gut; selbst Nobel-Automarken sehen sich gezwungen, bis zu 20 Prozent Rabatt zu geben.
Vinum: Gibt es auch Gaja-Weine im Sonderangebot?
Gaja: Nein, wir senken unsere Preise nicht. Zum Glück dreht unsere Klientel auch in solchen Zeiten nicht jeden Cent dreimal um.
Vinum: Sie machen also Weine für Reiche?
Gaja: Ja. Wir machen ein Nischenprodukt für Leute mit Geld - und solche gibt es immer.
Wo liegen Ihre Märkte?
Gaja: In England und Russland verkaufen wir gut, auch Japan erholt sich, und sicher wird China bald interessant. Deutschland dagegen, das immer die Lokomotive Europas war, steckt in Schwierigkeiten. Überall wird gespart. Ein Bekannter von mir verkauft Holzpaneele für Türen, und nach Deutschland liefert er statt echtes Holz fast nur noch Plastik. Auch wir erzielen in Deutschland nur noch 13 Prozent unseres Gesamtumsatzes - früher waren es 20.
Vinum: Wie sehen Sie den Barbaresco heute im Vergleich zum grossen Bruder Barolo?
Gaja: Der Barbaresco hat immer die zweite Geige hinter dem Barolo gespielt - jetzt tritt er aus dem Schatten des grossen Bruders. Er wird immer besser, das hat zuletzt der Jahrgang 2000 gezeigt. Der 2000er hat das, wodurch sich der Barbaresco vom Barolo abhebt: Eleganz.
Vinum: Ist die Zeit der Protzer vorbei?
Gaja: Nicht unbedingt, aber immer mehr Konsumenten lernen elegante Weine zu schätzen. Ich habe den Erzeugern immer schon gesagt: Seid nicht neidisch auf die Barolisti, überholt sie auf der Zielgeraden!
Angelo Gaja
Angelo Gaja bekam den Barbaresco sozusagen in die Wiege gelegt: Das Weingut der Familie wurde 1859 gegründet, Angelos Vater Giovanni gehörte in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den Weinbaupionieren der Langhe. Angelo nahm Anfang der 60er seine Arbeit im Familienunternehmen auf. Schon 1968, lange bevor dies Mode wurde, füllte er seinen ersten Einzellagenwein ab, Sorì San Lorenzo, ihm folgten ein halbes Dutzend weitere Crus, die seit dem Jahrgang 1996 als Langhe DOC firmieren. Heute besitzt Angelo Gaja 90 Hektar Weinberge in den Langhe und 114 in der Toskana: 16 in Montalcino und 98 in der Maremma bei Castagneto Carducci (60 davon in Ertrag). Daneben importiert er grosse Gewächse und Riedel-Gläser nach Italien - und ab Herbst 2004 (oder spätestens Frühjahr 2005) wird er auch Hotelbesitzer sein. Dann soll nämlich die «Locanda Castello di Barbaresco» direkt gegenüber seiner Kellerei eröffnen, ein Vier-Sterne-Hotel, in dessen Kellergewölben schon jetzt die Gaja-Weine lagern.
Auch die nächste Generation der Familie Gaja steht schon am Start: Die beiden Töchter Gaia und Rosanna haben ihre Ausbildung abgeschlossen - Gaia hat Wirtschaft studiert, Rosanna Weinbau - und sammeln nun Erfahrungen in der Branche. Teils arbeiten sie im elterlichen Gut, teils schnuppern sie in fremden Betrieben. |
Der vorstehende Artikel wurde uns freundlicherweise von der Vinum-Redaktion zur Verfügung gestellt. Vielen Dank hierfür. Bitte bestellen Sie über den nachfolgenden Link GRATIS ein Probeheft der Vinum:
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