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19.01.2009
Amerika - als Weinland nicht ganz ernst genommen
Highway Number One
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 2)
Eine der aufregendsten Küsten der Welt, die Westküste von Kalifornien - entlang des Pazifiks – wird durch eine berühmte Straße erschlossen, den Highway No. 1. Unterwegs von Los Angeles nach San Francisco richten sich die Blicke der Touristen fast ausschliesslich nach Westen auf der 756 Kilometer langen schmalen Straße, um möglichst viel von der Küstenlandschaft zu erhaschen.
South Central Coast - Küstenlandschaft zwischen Los Angeles und San Francisco

Wer bei uns von den „Kaliforniern“ spricht, der denkt wohl an das Napa Valley und die dort beheimateten Kultweine: „Opus One“, „Screaming Eagle“ „Harlan“, „Maya“, „Dalla Valle“…. und wie sie alle heißen. Dabei werden in diesem weltweit bekannten Tal kaum fünf Prozent des in Kalifornien produzierten Weins angebaut. Im benachbarten Sonoma County wachsen weit mehr Reben. Von den übrigen vier großen Weinregionen Kaliforniens spricht hierzulande kaum jemand. Von der North und South Coast zum Beispiel, oder - weiter im Süden, fast an der mexikanischen Grenze – von Temecula. Auch die bei uns so wichtigen Lage- und Herkunftsbezeichnungen – sie sind im Weinland Frankreich als AOC (Appellation d’Origine Contrôlée) besonders restriktiv – führen in Nordamerika eher ein Schattendasein. Es gibt zwar seit 1980 auch hier eine Weinklassifikation, die AVA („Approved Viticultural Area”), nach französischem Vorbild geschaffen, aber weit liberaler als fast jede andere staatlich überprüften Herkunftsbezeichnungen.
Ausschnitt aus der California Wine Map, auf der über 1000 Weingüter eingezeichnet sind

Dies alles liest sich informativ, staubtrocken und gar nicht kolumnenlike. Tatsächlich musste auch ich meine Aufgaben machen. Es waren nicht nur Stunden, es waren Tage, an denen ich nachschlagen, nachlesen, recherchieren, googeln musste, um das zu erweitern, was ich bisher von Weinkalifornien wusste: erschreckend wenig, geprägt von der Erfahrung der bei uns üblichen Gastroweine. Etwa so: „Diese sind anständig bis gut, billig, doch sie schmecken immer gleich!“. Wenn ich dann die Nase ins geleerte Glas stecke, kommt mir meist ein Duft von Marmelade entgegen, ein untrügliches Zeichen konzentrierter, im Weinkeller „gemachter“ Weine. Doch im Gegensatz zu französischen oder gar italienischen Billigweinen konnte ich schon bisher diese Kalifornier sogar trinken, ihnen eine gewisse Qualität zubilligen. „Gut gemacht, aber langweilig!“. An die „andern“ Kalifornier – die kultigen – kam ich bisher kaum heran: Die großen Namen sind mir zu teuer oder passen ganz einfach nicht in meine Wertordnung. Also klammere ich sie beflissen aus meinen täglichen Weinbegegnungen aus. Sie tauchen für mich bestenfalls in der Werbung auf oder zu horrenden Preisen an Auktionen.
Entlang der Pazifikküste, nicht immer ist die Landschaft so freundlich

Nun aber bin ich in Kalifornien, unterwegs auf dem Highway Number One, fahre entlang der „Central Coast“ und suche vergeblich nach Reben. Ich kann es meinen Mitreisenden nicht verargen: sie haben dafür kein Verständnis, ihre Aufmerksamkeit gilt den palmengesäumten Stränden, den tiefen Canyons, den hohen Granitfelsen, den Brandungen, den Haarnadelkurven und den dauernd wechselnden Landschaften. Ich aber suche das Weingebiet der South und North Central Coast. In dieser Beziehung habe ich Glück: Da die Küstenstraße nur zweispurig ist, von Touristen mit ihren Wohncars überschwemmt und auf uns noch mehr als 6000 Kilometer Weg warten, wechseln wir rasch einmal auf den Highway 101, die schnellere, gutausgebaute, aber langweilige Route nach San Francisco. Hier liegen – auf beiden Seiten der Strasse – viele Weinberge der Region. Zum ersten Mal sehe ich kalifornische Reben, Rebberge. Und? Nicht viel anders als bei uns – nur weit größer, flächendeckender und uniformer.
Rebberge an der South Central Coast - Kilometerlange Felder

Hektarweise Neupflanzungen, immer wieder die markanten Bewässerungstürme mit den verspielten Rädchen und Flügeln und – zu dieser Zeit – große, abgeerntete Felder, zum Teil in verwahrlost erscheinendem Zustand
Nach Santa Maria bin ich pausenlos mit Fotografieren beschäftigt. Was klickt er da in der Welt herum, meist gar nicht das im Visier, was es da eigentlich zu bestaunen gibt…..? Die Gefahr ist groß, dass diese Kolumne jetzt zum Reisebericht verkommt. Das möchte ich nicht! Die berühmten Weingüter, die teuren Weine, die klingenden Namen bekomme ich nicht zu Gesicht. Was ich sehe, erlebe, bildlich festhalte, ist eben das, was ein weininteressierter Tourist auf der unendlich langen Route durch vier amerikanische Staaten im „wilden Westen“ sehen und erleben kann. Und da hat Wein eindrucksmäßig keinen allzu großen Stellenwert. Er ist zwar wirtschaftlich wichtig, doch im Bewusstsein der Bevölkerung und der Touristen eher ein „Randprodukt“. Für uns Europäer kaum zu glauben. Im riesigen Bereich „Fastfood“ existiert der Wein nicht, und selbst im „Hilton“ von Los Angeles ist die Weinkarte nicht aufregender und repräsentativer als die in einem kleineren Restaurant bei uns. Im Gegenteil: noch nie habe ich auf einer Reise in Hotels der höheren Touristenklasse so viel schlechte Weine getrunken wie in Kalifornien.
Ein bei uns ungewohntes Bild - Bewässerungsanlagen in den Rebbergen

Nach der herben Enttäuschung im „Hilton“ von LA wollte ich am ersten Abend in Santa Maria endlich einen Kalifornier im Glas, einen guten Wein der Mittelklasse. Dies gelang mir sogar, zum ersten und einzigen Mal für lange Zeit.

Zwei "echte" Kalifornier - getrunken in zwei unterschiedlichen Restaurants, in Sacramento (Wein links) und Santa Maria (rechts)
Erst in Sacramento, in einem italienischen Restaurant, schaffte ich es wieder, einen halbwegs „echten“ Kalifornier zum Essen zu bestellen. In Santa Maria war es ein Cabernet Sauvignon der Hess Collection Winery, den ich in einer recht dunklen Ecke eines bizarr geschmückten Lokals zu einem T-Bone-Steak einschenken ließ. Endlich in Amerika angekommen. So konventionell es auch ist: Steaks liebe ich und der Cabernet – im Store wohl für 20 Dollar zu kaufen – war durchaus akzeptabel. Immerhin ein Cabernet mit Charakter, einem kalifornischen Charakter, und der ist ganz anders als das, was ich zum Beispiel aus dem Bordelais kenne. Den zweiten recht guten Wein konsumierte ich dann also in einem italienischen Restaurant. Einen Wein mit einem eher bizarren Namen und einem noch bizarreren Etikett. Ein Pinot Noir aus Santa Cruz. Ich hätte den Wein nie bestellt, doch der charmante Kellner beharrte darauf.
Es war keine Enttäuschung! Ein charmanter oder zumindest Achtung verdienender Vertreter einer Weinproduktion in Kalifornien, bei der auf etwa 13‘000 Hektar knapp 90 Prozent der amerikanischen Weine gemacht werden.
Wer jetzt darauf wartet, dass ich in Kalifornien „bekehrt“ wurde, fortan nur noch Kalifornier einlagere, den muss ich enttäuschen. Selbst deutsche Anklänge wie Hubers Dornfelder aus dem Santa Barbara County – den ich leider nicht verkostet habe – können mich nicht auf die kalifornische Highways der Weinproduktion locken.
In einer kalifornischen Vinothek entdeckt; Dornfelder von Huber aus Santa Rita Hills

„Highway Number One“ bleibt ein Erlebnis der ungezähmten Natur, nicht des Weins. Selbst die sonnigsten Sandstrände können nicht verbergen, dass das Wasser im Pazifik kaum mehr als 17 Grad erreicht, auch in der heißesten Periode nicht. Ähnlich geht es mir beim Wein. Größe und Vielfalt können nicht verbergen, dass nur ganz selten jene Individualität erreicht wird, die ich bei europäischen Weinen so schätze.
Ich habe die Gegenden auf Highways durchrast, die Stores und Restaurants nach mir bekannten Namen durchstöbert und mich schließlich gefreut, dass ich all die Highways hinter mir lassen konnte um jetzt hier in Europa in aller Ruhe und Besonnenheit ab und zu einen „Kalifornier“ einzuschenken. Nun aber nicht mehr abgelenkt von der Exotik der Landschaft und den legendären Kraftfeldern an der Küste des Pazifik.

Peter Züllig

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