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25.06.2008
Alter Satz
Frischer Frankenwein aus Reben, so alt wie die "Adler"-Dampflok
Von Uwe Kauss
Leserkommentare (bisher 2)

1835 eröffnete die Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft die erste dampfbetriebene Eisenbahnlinie in Deutschland. Die Lokomotive „Adler” zog zweimal am Tag die Waggons von Nürnberg nach Fürth und zurück; für den weiteren Verkehr nutzte man Pferdegespanne. Im selben Jahr legte Johann Hufnagel im fränkischen Rimbach einen kleinen Weinberg für seine Familie an. Der kleine Ort liegt an der bekannten Weininsel, nur wenige Kilometer entfernt von den idyllischen Weinorten Volkach und Sommerach. Der Turm seiner katholischen Pfarrkirche St.Georg, gebaut 1669, überragt heute wie damals die umliegenden Hügel und Wälder. Es scheint, als schlüge die Turmuhr in einem geruhsameren Zeittakt als dem von Digitaluhren.

Johannes und Otmar Zang
Seit 173 Jahren stehen die Reben nun auf einem abgelegenen, windigen Hügel, umgeben von fruchtbarem Ackerland. Er ist der älteste Weinberg in Franken - und birgt eine kleine Sensation: Die von Hufnagel gepflanzten Stöcke tragen noch immer Trauben. Der Sommeracher Winzer Otmar Zang macht Wein aus ihnen; einen, der typisch fränkisch ist und doch anders schmeckt. Denn im 19. Jahrhundert war es noch nicht überall üblich, Wein sortenrein anzubauen  - und so pflanzte Hufnagel damals über 25 Rebsorten ins „Terroir am Rimbach”, wie es im alten Kirchenbuch nachzulesen ist.

Fünf Generationen lang bewirtschaftete die Familie Hufnagel den Weinberg, bis Zang ihn 1990 von einem Nachfahren übernahm. Er beschloss, den alten Bestand weiter zu pflegen. „Mit war klar, dass dieser Weinberg heute etwas ganz besonderes ist. In unserer Familie gab es auch so einen Rebgarten mit vielen Sorten, doch der ist über die Jahre verschwunden”, berichtet der Winzer. Schweren Herzens riss er allerdings die Hälfte der alten Stöcke heraus. Die standen nämlich seit 1835 in nur einem Meter Abstand zueinander - zu eng, um gute Qualität zu erreichen. „Nur so konnten wir wieder zu Ertrag kommen. Sie raubten sich gegenseitig die Energie”, erklärt er.

Früher sei es üblich gewesen, einzelne Stöcke verschiedener Sorten nebeneinander zu pflanzen, erzählt Gutsbesitzer Otmar Zang. So hätten die Winzer Ertrag und Qualität gesichert: „Bei Frost im Frühjahr konnte man die spät reifenden Sorten ernten, und bei schlechtem Wetter im Herbst hatte man wenigstens die gereiften frühen Sorten. Damit gab’s immer Wein, egal, wie’s Wetter war”. Zang liest die Trauben von Hand und baut sie gemeinsam aus. Dieser Wein verschiedener Rebsorten, traditionell als „Alter Satz” bezeichnet, kommt im Bocksbeutel mit dem Lagennamen „Rimbacher Landsknecht” zu den Kunden.

Ein ganz alter Rebstock

Die Tradition des gemeinsamen Lesens und Vergärens verschiedener Sorten eines Weinbergs wird auch als „Gemischter Satz” oder „Mischsatz” bezeichnet - und ist in Deutschland nahezu ausgestorben. Der Begriff leitet sich dabei vom Setzen verschiedener Rebsorten auf dem Weinberg ab. Der „Schillerwein” in Baden-Württemberg und in der Schweiz wird auf diese Weise ebenso produziert wie der echte Wiener Heurige, der derzeit in den Bars der österreichischen Hauptstadt mittlerweile wieder gern als modischer Trendwein getrunken wird.

Doch welche Sorten auf dem Rimbacher Weinberg stehen, weiß auch Otmar Zang nicht so genau. Experten der bayrischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim und von der Rebenzuchtanstalt Geilweiler Hof im pfälzischen Siebeldingen haben die Methusalem-Stöcke untersucht und 25 Sorten ausgemacht - zehn von ihnen ließen sich nicht identifizieren. Neben Riesling, Silvaner und der uralten Sorte Elbling fanden sie eine blaue Variante des Silvaners sowie den sehr seltenen Roten Gutedel. „Einmalig in Franken” sei zudem die „erstaunliche Gesundheit” der Elbling-Reben, bescheinigten die Wissenschaftler.

Zang geht beim Anbau einen ganz traditionellen Weg. Er zeigt auf einen knorrigen Rebstock: „Ich warte, bis der Elbling reif wird. Das ist eine sehr späte Sorte; beginnen die Trauben früher Rebsorten zu faulen, schneiden wir sie einfach heraus.” Deshalb sei „kein Jahrgang mit dem vorigen zu vergleichen.” Der 2007er ist ein voluminöser, dabei mineralischer Wein mit schöner Säure und feinen Noten nach weißen Früchten und Kräutern. Pfeffernoten kitzeln die Zunge, der Nachhall ist lang und dezent fruchtig. Er passt zur Vesperplatte genauso wie zu kräftigem Fisch, zu würzigen Salaten und Kartoffelgerichten.

Robert Haller, neuer Bertiebsleiter im Bürgerspital
Einige fränkische Winzer haben die Tradition wieder entdeckt und setzen dabei dennoch moderne Akzente. Das Würzburger VDP-Weingut Bürgerspital verarbeitet auf diese Weise im nun zweiten Jahr Riesling-, Silvaner- und Traminerreben von einer seiner besten Lagen. „Die Würzburger Abtsleite ist sehr markant, eigentlich eine Große Lage”, schwärmt Gutsdirektor Robert Haller und blickt hinüber ins Tal auf die Türme der Barockstadt. Das brach liegende Steillagen-Gelände hat sein Gut vor einigen Jahren mit großem Aufwand wieder kultiviert. Doch für Weine im Top-Segment seien die erst 2003 gepflanzten Reben „noch nicht alt genug”, erklärt Haller. So kam die Idee, aus dem Ertrag einen traditionellen „Gemischten Satz” zu machen. Dabei ist der Anteil der Sorten etwa gleich groß. Der Wein ist mit seiner zarten Mineralität und der vielfältigen Aromatik nach Kräutern und weißen Früchten bestens zum Essen geeignet. „Wir haben 2006 den ersten Alten Satz angeboten und hätten die dreifache Menge verkaufen können”, freut sich Haller.

Robert Haller hat Erfahrung mit der uralten Methode: Viele Jahre leitete er das Weingut Löwenstein, das ebenfalls einen Gemischten Satz von der Lage Homburger Kallmuth erzeugt. „Man erzielt das beste Ergebnis, wenn man die Trauben in einem Durchgang liest und sofort gemeinsam verarbeitet”, berichtet er. „Wir haben einmal in zwei Gängen gelesen, gekeltert und die Weine später zusammengebracht”, erinnert sich Haller, „das hat aber nicht funktioniert.” Das Geheimnis der Aromatik liege in den komplexen Umwandlungs- und Oxidationsprozessen während der Gärung. Für Robert Haller der entscheidende Punkt: „Das gemeinsame Terroir der verschiedenen Rebsorten macht den speziellen Charakter des Gemischten Satzes aus”. All diese Faktoren unterschieden ihn auch von der klassischen Cuvée, bei der fertig ausgebaute Weine zu einem neuen Produkt komponiert werden.

Die Lage Landsknecht

Doch die Flurbereinigung in den 70er Jahren hat die Weinberge alter Prägung verschwinden lassen. Die neuen Besitzer hatten meist kein Interesse an den alten Stöcken. In Rimbach blieb der „Landsknecht” in Familienbesitz. Zangs alte Rebstöcke sind zudem noch wurzelecht. Er schaufelt Erde und Gras um einen Stock mit der Hand zur Seite. Zum Vorschein kommt eine knorrige, dicke Wurzel mit über 20 Zentimetern Durchmesser. „Die haben sogar die Reblausplage überstanden”, erzählt Otmar Zang. Die gefährlichen Plagegeister kamen mit dem Import kalifornischer Reben um 1860 nach Europa. Die dortigen Sorten sind resistent gegen die Läuse - die europäischen waren es nicht. Die Reblaus breitete sich rasend aus und vernichtete einen großen Teil der Rebstöcke in allen Ländern Europas. Der Weinbau brach zusammen. An Rimbach zog die Plage vorbei. Doch die alte Anlage überstand auch andere Katastrophen: im Jahr 1985 ließ der arktisch kalte Winter die Stöcke erfrieren. „Im folgenden Frühjahr sind die dicken, alten Wurzeln aber wieder ausgetrieben”, sagt Otmar Zang.

2010 feiert die „Adler”-Dampflok ihr 175-jähriges Dienstjubiläum - und Otmar Zang wird wohl seinen Alten Satz bei der großen Feier in Nürnberg ausschenken. „Weinberg und Lok sind schließlich gleich alt”, freut sich der Sommeracher Winzer. Nur ist der Adler längst ein Museumsstück. Der Alte Satz ist es noch lange es nicht.

Uwe Kauss

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