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03.08.2006
Aktuelle Verkostungen
Südtirol
Von Marcus Hofschuster
Leserkommentare (bisher 2)

Wer die Weine Südtirols einer kritischen Püfung unterzieht, läuft immer Gefahr sich zwischen die Stühle zu setzen. Das liegt zum einen am Selbstbewusstsein dieser erfolgreichen Region, zum anderen aber auch an der scheinbaren Unentschiedenheit in der Weinerzeugung. Die Produzenten Südtirols waren Vorreiter in der Produktion konkurrenzfähiger Weißweine aus weltweit verbreiteten Rebsorten und auch bei den Roten reüssiert man mit Merlot, Cabernet und Pinot Noir auf dem internationalen Parkett. Daneben verfügt Südtirol über eine Reihe heimischer Sorten, mit denen die Region ein unverwechselbares Profil zeigen kann, die im Ansehen, auch der Produzenten, aber nicht immer den Stellenwert haben, den sie verdienen.

Steillagen im Unterland

Wichtigste der autochtonen Sorten ist zweifellos der Vernatsch, Südtirols Brot- und Buttersorte. Im Allgemeinen wird aus ihr ein leichter, oft dünner und säuerlicher Wein erzeugt, der außerhalb des Gebietes kaum verkäuflich wäre. In den Händen gewissenhafter Produzenten entstehen dagegen höchst ansprechende Tropfen, die mit der Massenware nur die helle Farbe gemein haben. Was die Komplexität der Aromen, die Tiefe und Länge der besten Vernatsch-Weine angeht, müssen sich viele nominell höherwertige Weine des Gebietes nicht selten geschlagen geben. Es gibt keinen besseren Wein zur Regionalen Küche und auch außerhalb des Gebietes sind erstklassige Vernatsch, Kalterersee und St. Magdalener die erste Wahl zur deftigen Brotzeit. Doch nicht nur auf die rustikaleren Speisen sollte man sich festlegen: auch zu erheblich feineren Gerichten, ob mit Kalbfleisch, Geflügel oder auch ganz vegetarisch, kann guter Vernatsch wunderbar passen und sogar manches Fischgericht wird von ihm perfekt begleitet.

Glossar zum Thema
Die zweite autochtone Rotweinsorte Südtirols ist der Lagrein. Er ergibt dunkelfarbige, bisweilen etwas rustikale und kantige Weine mit Sauerkirsch- und Brombeeraromen. Die meisten Produzenten Südtirols versuchen bereits seit längerer Zeit aus dieser etwas bäuerlichen Sorte einen internationalen Showstar zu machen. Die probaten Mittel hierzu sind Konzentration und neues Eichenholz. Leider wirken viele dieser Weine heute überzüchtet. Wenn auch zumeist perfekt vinifiziert, fehlt es den Lagrein modernen Zuschnitts zumeist an Charme, oft auch an echter Tiefe. Bis heute fällt im Gebiet kaum Jemandem auf, dass der Spagat zwischen Regionalcharakter und modernem, internationalem Schliff beim Lagrein partout nicht gelingen will und die Weine am Ende in vielen Fällen weder dem einen noch dem anderen Anspruch gerecht werden.

Steillagen bei Meran

Abhilfe könnten Merlot und Cabernets bringen, die sich in Südtirol eines erstaunlichen Ansehens erfreuen. Dabei wird vor allem der Cabernet nur in den besten Jahren und den besten Lagen reif. Weine mit Charakter und echter Tiefe sind nicht leicht zu finden. Der großzügige Holzeinsatz, den ihnen die meisten Produzenten angedeihen, macht die Sache nicht besser. Zwar sind holzgeschminkte Weine bei vielen Verkostungen auch heute noch in der Favoritenrolle, einer kritischeren Betrachtung halten die Weine jedoch nicht immer stand. Zu vordergründig kommen sie oft daher, und schon nach wenigen Jahren schmecken die meisten Weine mehr oder weniger holzig, spröde und uncharmant. Obwohl sich die meisten Kellermeister anhand eigener Archivweine vermutlich selbst von der ungünstigen Entwicklung vieler dieser einst hoch gehandelten Prestigeweine überzeugen können, ist hier ein Umdenken bis heute nur selten zu erkennen.

Weit mehr Chancen, erstklassige Weine mit eigenem Charakter hervorzubringen hat hier der Pinoit Noir. Die besten Produzenten erzeugen schon lange beachtliche, manchmal erstklassige und eigenständige Tropfen. Sowohl im leichteren, süffigen und unkomplizierten Stil, als auch in der Rolle des kraftvollen Prestigeweins fühlt sich der Blauburgunder in Südtirol wohl.

Unter den Weißweinen gebührt sicher dem Gewürztraminer die größte Ehre. Trocken oder restsüß entstehen hier immer wieder beeindruckende Exemplare, die zu den besten Vertretern ihrer Art gerechnet werden müssen. Leider führt die Sorte in der Gunst der meisten Verbraucher ein völlig unverdientes Mauerblümchendasein.

St. Justina mit Rosengarten

Auch mit Sauvignon Blanc feiert man hier Erfolge. Dabei folgen die Produzenten zumeist dem eleganten, frischen, betont vegetabilen Stil, der sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Einzelne Produzenten bringen aber auch einen im Holzfass ausgebauten, auf längere Lagerung ausgelegten, kräftigen Sauvignon-Stil auf den Markt. Diese Version gelingt aber nur dort, wo der Ertrag so weit gezügelt und die Lese so spät durchgeführt wird, dass tatsächlich Weine mit echter Tiefe und Dichte entstehen.

Glossar zum Thema
Die wohl unkomplizierteste weiße Sorte ist in Südtirol der Weißburgunder. Er ist wie der Pinot Grigio nahezu allgegenwärtig und wird ebenfalls im schlanken, süffigen Stil, in der zumeist etwas stabileren Lagen-Variante und als eichenholzgeprägter Prestigewein produziert. Als einfacher Basiswein erleiden der Weißburgunder und Pinot Grigio nicht selten das gleiche Schicksal wie die meisten anderen weißen Sorten: die Weine geraten oft arg schlank und brechen ein, sobald die erste kleine Fruchtphase nach der Gärung vorüber ist. Für diese Art Wein war der Zeitpunkt unserer Verkostung ein denkbar Ungünstiger: während die neuen Weine zum Teil noch nicht auf dem Markt waren, waren die Erzeugnisse des Vorjahres in aller Regel schon sehr müde. Von den besten Produzenten aber kommen immer wieder exzellente Weißburgunder in allen Stilrichtungen, vor allem, wenn die Erzeuger mit dem Holz behutsam umgehen - oder es gleich ganz weg lassen. Gleiches gilt auch für den Pinot Grigio, der allerdings eine höhere Reife benötigt, um einen Charaktervollen Wein zu ergeben. Nur wenige Produzenten sind in diese Richtung engagiert. Zumeist entstehen aus dieser Sorte die leichten, unkomplizierten Trinkweine, wie sie in und aus ganz Norditalien bekannt und beliebt sind.

Noch mehr in den Genuss neuen Holzes als die beiden anderen weißen Burgundersorten kommt traditionell der Chardonnay. Leider erweist sich die Sorte immer wieder als nur eingeschränkt geeignet für den Anbau in Südtirol. Ergibt ein früh gelesener Weißburgunder oft noch einen schlanken, animierenden Trinkwein, wird der Chardonnay im gleichen Fall grün, flach und dünn. Wie überall auf der Welt braucht der Chardonnay exzellente Standorte, geeingnete Böden und eine ertragsbegrenzende Sonderbehandlung, wenn daraus wirklich Weine mit Tiefe und Charakter entstehen sollen. Ansonsten bleiben die aus Chardonnay-Trauben gewonnenen Weine banal, im besten Fall sauber und gut zu trinken, aber eher austauschbar. Versucht man dieses Manko durch forschen Holzausbau wettzumachen, wie das häufig auch in Südtirol geschieht, erhält man zwangsläufig holzlastige Karikaturen, die mit jedem Monat Reife immer noch spröder und matter werden. Auch hier fragt man sich, wie sich die Mär vom lange lagerfähigen Barrique-Chardonnay so hartnäckig halten kann, wo doch nahezu jeder gereifte Wein, den man heute aus dieser Richtung in die Finger bekommt, das Gegenteil beweist. Freilich gibt es Ausnahmen, aber sie sind sehr, sehr selten.

Schloss Warth im Herbst

Die anderen weißen Sorten führen eher ein Schattendasein. Silvaner oder auch Veltliner aus dem Eisacktal können überaus ansprechend sein und um den Riesling bemüht man sich offenbar mehr und mehr. Auch Müller-Thurgau hat hier eine Heimat. Eine besondere Spezialität ist der Rosenmuskateller. Aus ihm werden unvergleichliche Dessertweine mit intensiv floralen und muskatigen Aromen erzeugt, die mitunter großartig ausfallen.

Insgesamt ergibt die Betrachtung des Weinbaus in Südtirol ein zwiespältiges Bild. Ein paar wenige private Erzeuger produzieren regelmäßig erstklassige Weine, die weltweites Ansehen verdient haben. Bestimmt wird das Bild in Südtirol von den Genossenschaften. Hier erstaunt das qualitative Niveau immer wieder. Es gibt wohl kaum eine andere Region, in denen sich die Genossenschaften allgemein einen so guten Ruf erarbeitet haben und in der manche sogar den privaten Spitzenproduzenten Konkurrenz machen. Hier ist Südtirol zweifellos immer noch in einer Vorreiterposition und viele Erzeugergemeinschaften aus anderen Ländern können sich daran nur ein Beispiel nehmen.

Steillagen im Etschtal

Auf der anderen Seite gibt es Bereiche, in denen man sich in Südtirol offenbar seit Jahren nicht mehr weiterentwickelt. Die Holzmanie herrscht nach wie vor und längst kann man an Unmengen ausgetrockneter, spröder und stumpfer ehemaliger Prestigeweine aus den 90er Jahren feststellen, wie groß der buchstäbliche Holzweg ist. Immer noch scheint ein rauchig-röstiger, holzlastiger, tanninspröder und allzuhäuftig auch noch grüner Cabernet oder Cabernet-Merlot ohne echte Tiefe, ohne Charakter und wahre Substanz das Nonplusultra in den Köpfen vieler Kellermeister darzustellen, wie man an den hohen Preisen sehen kann, die am Ende für sie verlangt werden. Auch den Lagrein versucht man nach wie vor in die Liga internationaler Spitzenweine heben zu können und immernoch glaubt man, dies vor allem mit schwarzer Farbe und jeder Menge neuen Holzes erreichen zu können. Doch nur äußerst selten bereiten diese Weine wirklich Trinkfreude. Selbst den von uns höher bewerteten Weine geht echter Charme zumeist ab, von seltenen Ausnahmen einmal abgesehen.

Vor allem der manchmal so wunderbare Vernatsch zeigt, dass es auch anders geht, wenn man sich auf seine tatsächlichen Stärken besinnt. Der Lagrein wäre auf einer rustikalen Vespertafel ebenfalls viel besser aufgehoben, als überschminkt und aufgetakelt auf internationalem Parkett, wo er am Ende oft doch nur das hässliche Entlein geben muss. Cabernet Sauvignon und Chardonnay machen nur in allerbesten Lagen Sinn und das Geld für einen großen Teil der neuen Barriques, die jedes Jahr nach Südtirol gekarrt werden, wäre in Weinbergsarbeit und niedrigere Erträge vermutlich besser investiert.

Oder in guten Vernatsch. Denn in einem Sommer wie diesem gibt es eigentlich immer zu wenig davon.

 

Die besten Weine der bisherigen Verkostungen:

Die besten Weißweine

Die besten Rotweine

Extraliste Vernatsch


Marcus Hofschuster

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