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04.05.2006
Aktuelle Verkostungen
Brunello und Rosso di Montalcino
Von Marcus Hofschuster
Leserkommentare (bisher 1)

Bislang wurden in dieser Rubrik Weine vorgestellt, die nicht in den Weinführern unterzubringen waren. Nun, da wir den Weinführer so weit ausgebaut haben, dass alle probierten Weine darin Platz finden, erscheinen hier unter dem Titel Aktuelle Verkostungen Kurzbesprechungen zu den verschieden Verkostungsthemen der letzten Wochen.

Den Anfang machen der Vollständigkeit halber Notizen zu Proben, die teils schon im letzten Jahr durchgeführt wurden.

Brunello di Montalcino 2000 und Riserva 1999

Neben dem Barolo gilt der Brunello immer noch als der große, majestätische Rotwein Italiens. Bis heute sagt man den Weinen eine jahrzehntelange Lagerfähigkeit nach, was wohl im Wesentlichen den Weinen des Brunello-Erfinders Ferruccio Biondi-Santi zuzuschreiben ist, der den Wein erstmals 1888 vorstellte und dessen Weingut bis Mitte des 20. Jahrhunderts der einzige Produzent dieses Weines war (allerdings wurden bis einschließlich 1945 nur vier Jahrgänge produziert). Noch heute gibt es einige dieser alten Flaschen, die noch trinkbar sein sollen und einige der folgenden Jahrgänge zementierten den Ruf des Langstreckenläufers bisweilen eindrucksvoll.

Die Rebfläche hat in den letzten Jahrzehnten ebenso gewaltig zugelegt, wie die Zahl der Produzenten und längst nicht alle erzeugten Brunello werden den hohen Erwartungen gerecht. Dennoch darf der Brunello auch heute noch als einer der wenigen Weine Italiens gelten, der sich in Bestform auch über deutlich mehr als ein Jahrzehnt weiterentwickeln kann.

Das gilt vor allem für solche Weine, die eher in einem traditionellen Stil ausgebaut sind und nicht von versierter Oenologenhand und mittels viel süßlicher Eichenholzaromen geschminkt wurden. Letztere treffen zwar eher den Massengeschmack und finden sowohl in der einheimischen als auch in der ausländischen Presse viel Anklang, sie repräsentieren aber nur selten die Einzigartigkeit ihrer Herkunft und entwickeln sich in den meisten Fällen eher enttäuschend: das Holz trocknet die Weine oft viel zu schnell aus, Komplexität und Finesse bleiben auf der Strecke und auch mit dem jugendlichen Charme ist es dann vorbei.

Ein Spitzenbrunello eher traditioneller Art ist dagegen zumeist ziemlich uncharmant und kantig in der Jugend. Tannin, Säure und Frucht sind noch nicht auf schmeichlerische Art verwoben. Doch auch mit der Reife behält erstklassiger Brunello seinen Biss. Bei aller mit den Jahren eintretenden Harmonie wird er nie ein Wein für den Lecker-Trinker werden. Zu eigenständig und auch eigensinnig bleiben die Weine, zu fordernd um einer breiten Masse gefallen zu können. Dafür spielen diese Weine in Verbindung mit dem richtigen Essen erst richtig auf - und alle auf gefällig getrimmten Schmeichler an die Wand.

Weingarten des Weingutes Tenute Silvio Nardi in der Lage Manachiara
Das gilt aber nicht nur für die Weine der Ultratraditionalisten, wie Biondi Santi. Neben diesen und den Modernisten mit ihren auffälligen, aber eher charakterarmen Weinen findet man heute viele Betriebe, die die positiven Errungenschaften der modernen Oenologie durchaus zu nutzen verstehen, ohne damit jedoch Weine zu produzieren die ihre Herkunft verleugnen. Sie profitieren durchaus von den inzwischen herabgesetzten Fasslagerzeiten. Ihre Weine sind zwar jung in den meisten Fällen ebenfalls noch etwas kantig, sie entwickeln sich jedoch häufig etwas schneller und sind dank Kraft, Schmelz und saftiger Frucht auch einem größeren Publikum zugänglich.

Glücklicherweise scheint der Trend zum forcierten Holzeinsatz inzwischen deutlich nachzulassen. Auch die Sorgfalt, mit der die meisten Weine produziert wurden, hat uns bei der Verkostung der Jahre 1999 und 2000 erstaunt. Vor zwei Jahren noch machten wir uns anlässlich einer ähnlichen Probe mit einer ganzen Reihe höchst mäßiger Weine größere Sorgen um die Entwicklung im Gebiet, die sich nun, auch angesichts des alles andere als einfachen und doch überwiegend gelungenen 2000ers, offenbar als unbegründet erweisen.

Der Jahrgang 1999, von dem wir im Wesentlichen die Riserve verkosteten, darf zweifellos als klassisches Jahr gelten. Die Weine sind zumeist fest gewirkt, dicht und immer noch sehr jung. Die verlängerte Fassreife der Riserva, oft kritisiert, weil viele Weine den langen Holz- und damit auch Luftkontakt nicht unbeschadet überstanden, scheint diesmal von einer Mehrzahl an Weinen ohne negative Auswirkungen überstanden worden zu sein. An der Spitze der von uns probierten Auswahl steht ein Meisterwerk von Biondi-Santi, wie wir es auch von hier nicht oft zu sehen bekommen. Der Wein benötigt allerdings mehrere Tage an der Luft, um alle seine Facetten und seine wahre Tiefe zu offenbaren. Dann schließlich ist "majestätisch" das Wort der Wahl, um ihn zu beschreiben. Kein Brunello vermittelt einen ähnlichen Eindruck von Aristokratie. Beeindruckt haben uns aber auch die Riserve von La Lecciaia, Casanuova delle Cerbaie, Mastrojanni, Collosorbo und Il Poggione, gefolgt von Capanna, Fuligni und La Togata. Erfreulich auch, dass mit Banfi und Barbi zwei Produzenten in den vorderen Rängen landeten, die uns in der jüngeren Vergangenheit eher durch allzu moderne und austauschbare Weine auffielen, uns mit ihren Riserve jedoch viel Vergnügen bereiteten.

Der Jahrgang 2000 steht geradezu komplementär zu seinem Vorgänger. Das Jahr hat Brunello von einer deutlich zugänglicheren Art entstehen lassen, als wir es gewohnt sind. Zwar werden die Tiefe und Komplexität der großen Jahre nur sehr selten erreicht, aber dafür kann man den Jahrgang schon verhältnismäßig früh genießen, ohne dabei auf die typische Frucht, den Biss und den Charakter eines gute Brunello verzichten zu müssen. Viele Weine machen schon jetzt viel Freude. Sie sind bestens geeignet, dem Brunello-Freund die Zeit zu verkürzen, bis die 1999er und 1997er ihre Trinkreife erreichen.

Nicht nur der Wein ist hier empfehlenswert - auch die Landschaft
Die Liste der empfehlenswerten Weine ist lang und wir legen sie auch und vor allem denjenigen unter unseren Lesern ans Herz, die auf ihren Wein keine 5 bis 10 weitere Jahre warten wollen oder sich mit dem Thema Brunello gerade erst zu beschäftigen beginnen. An der Spitze des vorgestellten Sortiments steht der Brunello von Siro Pacenti. Dabei waren wir zunächst skeptisch ob des präsenten Holzes und der geschliffenen Machart. Pacenti ist jedoch einer der wenigen Erzeuger, denen es gelingt, den Weinen trotz forschen Holzeinsatzes ihre Eigenheiten und ihren Herkunftscharakter zu belassen. Der Wein verfügt über eine Dichte und Tiefe, die in 2000 im Gebiet kaum Vergleichbares kennt. Nach ausreichend Luftzufuhr tritt das Holz weit in den Hintergrund und macht einer Frucht platz, die auch aus einem erstklassigen Jahr stammen könnte. Ein toller Brunello und einer der wenigen des Jahrgangs, die unbedingt Reifezeit benötigen. Es folgen Andrea Costanti, Donatella Cinelli Colombini, die gleich mit zwei Weinen in der Spitzengruppe landeten, Canalicchio di Sopra, Cerbaia, Fanti, Ferrero, La Fornace, La Rasina, La Velona, Mastrojanni, Talenti, die Tenuta di Sesta und Tenimeni Angelini mit ihrem "Val di Suga". Weitere rund 30 Betriebe rangieren knapp darunter und obwohl sich fast alle Weine schon jetzt schön trinken, könnten einige von ihnen von einem weiteren Jahr Flaschenreife profitieren.

Rosso di Montalcino 2003

Auch wenn man den Rosso di Montalcino den "kleinen Brunello" nennt, sind die Rosso, die diesem Anspruch gerecht werden, doch eher in der Minderheit. Zumeist folgen die Weine einem wärmeren und offenherzigeren Stil. Sie sind in aller Regel schon Jung mit vergnügen zu trinken und besitzen nur ein begrenztes Reifepotenzial. Damit sind sie eine perfekte Ergänzung zum reifebedürftigen Brunello.

Weingut Siro Pacenti

Sie sind freilich auch erschwinglicher, wenngleich die Preise in den letzten Jahren nicht immer in attraktiver Relation zu den gebotenen Qualitäten gestanden haben. Die einfacheren Rosso sind oft etwas zu indifferent, es fehlt ihnen häufig an Tiefe und Struktur, um die geforderten Preise Wert zu sein. In Bestform allerdings ist der Rosso di Montalcino ein erwachsener Rotwein, dem die Komplexität der besten Brunello zwar abgehen mag, der sich aber dennoch über einige Jahre sehr vorteilhaft entwickeln und großes Vergnügen bereiten kann. Vor allem die Weine von Nannetti, La Fortuna, Il Poggione, Poggio San Polo, Siro Pacenti und Canalicchio di Sotto entsprechen diesem Bild. Tenimeni Angelini zeigt mit seinem bestens ausbalancierten Rosso wie schon mit dem Brunello, dass sich sehr moderne Machart und Qualität auch in Montalcino keineswegs widersprechen müssen.

Die Jahrgangsbesten

Unter den folgenden Links finden Sie unsere Favoriten der jeweiligen Jahrgänge:

Brunello di Montalcino 2000

Brunello di Montalcino 1999

Rosso di Montalcino 2003

 


Marcus Hofschuster

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