Wer Wein trinkt, taucht nicht nur ein in die Welt des Weins, er bewegt sich immer auch in den Landschaften, wo die Trauben wachsen, aus denen der Wein gekeltert wird. Es sind Landschaften, die den Wein letztlich prägen und sich darin spiegeln. „Weinland“ nennen wir Regionen, die bezüglich des Klimas, des Bodens und der Kultur eine Einheit bilden, meist ohne wirklich einheitlich zu sein.Die Nahe zum Beispiel, ein deutsches „Weinland“, das gegenüber Mosel, Pfalz, Rheingau, Baden, Franken und so fort, fast immer den kürzern zieht. Also nahe und doch so fern ist.
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Rotenfels zwischen Bad Münster am Stein-Ebernburg und Norheim
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Der Rotenfels, die größte Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien, überragt Bad Münster am Stein. Ich bin an der Nahe angekommen. Vier Tage, um einem Weinland zu begegnen, das ich wohl noch nie betreten habe. Oder doch? Tatsächlich bin ich vor zwei Jahren auf einer Draisinentour von Staudernheim nach Lauterecken „geradelt“, also doch schon einmal im Gebiet der Nahe gewesen. Doch wer auf einer Draisine schwitzt, findet kaum noch Zeit, auf Reben zu achten, den Weinen nachzusinnen und die Dramaturgie eines Weinlandes zu erfassen. Diesmal ist alles anders. Schon beim ersten Augenschein im Weingebiet, am Zusammenfluss von Glan und Nahe, fasziniert mich die Landschaft und – die Kultur, die sich darin in Jahrhunderten entwickeln konnte. Das Weingut von Racknitz auf dem Disibodenberg und natürlich seine ausgezeichneten trockenen Rieslinge sind eigentlich unser Reiseziel. Doch da muss ich mich das erste Mal entscheiden: Landschaft, Kultur oder Weinprobe? Ich habe mich für die Kultur entschieden, bin hinaufgestiegen zu den Ruinen des Zisterzienserklosters, wo in der Frauenklause einst Hildegard von Bingen lebte und wirkte. Wieder einmal begegne ich den Zisterziensern, deren Spuren ich schon so oft mitten in Weingebieten angetroffen habe.
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Ruine des Zisterzienserklosters aus dem 12.Jahrhundert
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Tatsächlich hat der Reformorden der Benediktiner bereits im 12 Jahrhundert viel zur Entwicklung des Weinbaus beigetragen, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Die Zisterzienser gingen zum Beispiel der Frage nach, welche Reben mit welchen Böden am besten harmonieren, und welches die besten klimatischen Bedingungen für einzelne Rebsorten sind. Irgendwie stimmt mich traurig, was da noch übrig geblieben ist, von einer einst großen und stolzen Kultur. So habe ich die erste Rieslingprobe auf dem Weingut wegen der Landschaft und dem kulturellem Erbe verpasst. Schmerzhaft für einen Weinfreund, verkraftbar aber für einen fast ausschließlichen Rotweinkonsumenten. Ich habe das Verpasste später im kleinen Rahmen nachgeholt. Dabei fasziniert mich vor allem der deutliche Unterschied bei den sogenannten Gesteinweinen: Schieferboden oder Vulkangestein. Im „Traiser Rotenfels“ glaubte ich den dominierenden Felsen vor meinem Hotelfenster wieder zu erkennen, zumindest zu spüren, denn die bis zu 70 Jahre alten Reben gedeihen am Fuße dieses Berges, auf vulkanischem Boden.
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Rebberg Traiser Rotenfels hinter den Gleisen am Fuß des Berges
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Allmählich entwickelt sich in mir eine Art Landschaftsdramaturgie. Denn bald einmal haben wir eine ganze Reihe großartiger Weingüter aufgesucht und immer wieder – so empfinde ich es jedenfalls – ein gutes Stück des Weinlandes Nahe kennen gelernt. Dazu haben oft auch die Namen der Weine beigetragen. Nicht immer, aber häufig, tragen sie den Namen von Reblagen oder einer Bodenbeschaffenheit, von Hügeln und Felsformationen, von Landschaft und Weilern. Jeden Abend bin ich über der Landkarte gesessen: aus der Kartographie entwickelt sich langsam eine Landschaft, aus der Naheweinstraße werden Erinnerungen an Weine. So verwandeln sich in mir zum Beispiel bei Kruger-Rumpf die Rieslinge „Quarzit“, „Münsterer Dautenpflänzler“ und „Pittersberg“ in Phantasielandschaften, die sich immer stärker mit dem Eindruck der durchfahrenen Gegend vermischen.
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Landschaft an der Nahe. Im Vordergrund Waldböckelheim.
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Je länger wir an der Nahe sind – nur vier Tage –, um so mehr Weine wir verkosten oder am Abend trinken, desto prächtiger wird in mir das Weinland. Es entwickelt sich eine Dramaturgie aus Schönheit, Genuss, Interesse, Kultur und Phantasie. Die Namen von Orten, Hügeln, Bergen, Wassern, Burgen, Straßen bleiben im Gedächtnis kaum haften. Dafür aber das Erlebnis einer Landschaft, die sich zu recht „Weinland“ nennt. Die Nahe als Fluss ist nichts anderes als ein gemeinsamer Merkpunkt, Orientierungshilfe für ein Gebiet, wo Reben wachsen und wo Weingüter liegen, die auch gute Weine machen. Es ist eine abwechslungsreiche Landschaft, kein nur von Reben und nochmals Reben dominiertes Gebiet. Da gibt es auch viel Wald, Getreide, Gemüse, Wiesen, Früchte, Hügel, ja Berge oder Fastberge, da gibt es Steillagen, aber auch Ebenen und Felder.

Ich weiß, dies alles lässt sich von vielen ähnlichen deutsche Weingebieten sagen. Die Einmaligkeit liegt nicht einfach in der Landschaft, im Wein, bei den Winzern, in den Rebsorten, in der Kultur. Einmalig ist vielmehr das, was ich erlebe, wenn es mir gelingt, all diese Elemente miteinander zu verbinden. So entsteht eine Dramaturgie, ein Kompositionsprinzip, das Dinge in jene Ordnung bringen kann, aus der eine neue Welt entsteht, eben eine eigene Weinwelt. Diese sollten wir Weinliebhaber öfters und immer wieder versuchen zu schaffen. Nicht nur Weine bewundern, kritisieren, benoten und natürlich auch genießen. Ab und zu auch eindringen in ein Weinland, das uns so im Augenblick durch den Wein nah(e) scheint und eigentlich doch so fern ist.
Herzlich
Ihr/Euer