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"Fine" Chefredakteur Thomas Schröder
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Thomas Schröder leitete nach Stationen als Kulturredakteur bei der „Welt”, beim „Spiegel” und der „Zeit” über 20 Jahre lang das legendäre FAZ-Magazin. Als Produzent von anspruchsvollen TV-Dokumentationen verantwortete der 66-jährige Journalist beispielsweise die 30-teilige Reihe „Weinprobe” auf Arte. FINE erscheint vierteljährlich und wird von der ersten deutschen Ausgabe an für 15 Euro zu haben sein.
Wein-Plus: Herr Schröder, was haben Sie gestern zum Abendessen getrunken? Schröder: Ich habe Wein getrunken, und zwar mit meiner Frau in einem Wiesbadener Restaurant. Wir haben uns für zwei Flaschen Ca´Marcanda entschieden, den Wein eines toskanischen Weinguts, das Gaja gehört.
Wein-Plus: Wäre das ein Wein, über den auch in FINE geschrieben werden würde?
Schröder: Vielleicht im Zusammenhang mit einer Geschichte über Gaja. Ca´Marcanda gehört nicht schon zur Kategorie großer Weine, wie wir sie in FINE verstehen, der große Barbaresco von Gaja dagegen schon.
Wein-Plus: Wann ist für die FINE-Redaktion ein Wein groß?
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Eine Ausgabe der skandinavischen Fine
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Schröder: Das ist eine komplizierte Frage. Da gelten viele Kriterien. Sie haben mit Liebe und Leidenschaft zum Wein zu tun, mit Terroir und Winzerkunst, mit Geschichte und Beständigkeit im Wandel. Natürlich findet man ihn erstmal in den oberen Rängen der Klassifikation. Die Verkostungen ergeben aber oft, dass große Weine auch in großen Jahrgängen manchmal sehr klein sind. Kleinere Weine, vierte und fünfte Gewächse, haben sich dagegen als bedeutend herausgestellt. Wir drucken in der ersten Ausgabe eine Bewertung des Jahrgangs 2001 im Bordelais. An der Verkostung in London haben der Bordeaux-Experte Jan-Erik Paulson sowie Jancis Robinson teilgenommen. Paulson gesteht, dass er bei der Blindverkostung dieses problematischen Jahrgangs den Siegerwein für einen Petrus gehalten hat. Es war aber etwas anderes. Was, verraten wir im ersten Heft.
Wein-Plus: Schade! Welche Akzente in der Wein-Berichterstattung werden Sie denn in FINE setzen?
Schröder: Weinkritik ist in etwa so kompliziert wie Musikkritik. Wenn Joachim Kaiser, der Großmeister der Musikkritik, einen Klavierabend rezensiert, kann er verständlich machen, warum der Pianist an diesem Abend ein großer Pianist war. So ist das auch mit dem Wein. Es kann sein, dass ein Kritiker ein Geschmackserlebnis so durchdringt, dass er die richtigen Worte findet. Es kommt uns darauf an, verständliche, aber auch originelle Formulierungen zu finden, die das Richtige ausdrücken und nicht in Klischees hängen bleiben.
Wein-Plus: Wie ist ihr persönliches Verhältnis zum Wein? Sind Sie Enthusiast, Sammler, Kritiker, Konsument?
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"Fine" Herausgeber Ralf Frenzel
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Schröder: Wahrscheinlich von allem etwas, aber am wenigsten bin ich Konsument. Konsumiert habe ich Wein nie. Ich habe ihn noch immer getrunken und nicht selten genossen. Ich kenne niemanden, der sich am Petrus betrinkt und hielte das auch für völlig unangemessen. Ich bin Journalist, und da treibt einen die Neugier. Die bezieht sich aber sicher nicht nur auf die ganz großen Weine, von denen ich bis heute sehr viele trinken durfte.
Wein-Plus: Wann ist eine Wein-Geschichte eine FINE-Geschichte? Schröder: Wir werden nicht immer über Güter wie Latour, Petrus oder Yquem berichten. Sie werden andererseits immer heimlicher Gegenstand unserer Berichterstattung sein - denn sie setzen die Maßstäbe dafür, was großer Wein ist. Es gibt nur sehr wenige Weine, die über das Geschmackserlebnis hinaus noch ganz andere Dinge erzählen, die Zusammenhänge auftun, die das schiere Geschmackserlebnis gewissermaßen auf eine Meta-Ebene heben. Und es gibt Weine, die erzählen überhaupt keine Geschichte, oder eine, die man als Weinfreund nicht gern hören mag. Die gibt es hin und wieder auch bei den großen Châteaux.
Wein-Plus: Die wollen Sie nicht erzählen?
Schröder: Warum sollten wir das nicht tun? Diese Aspekte machen das Bild einer Wein-Persönlichkeit ja oft erst schlüssig. In jeder interessanten Persönlichkeit gibt es auch dunkle Seiten, die zu ergründen sich lohnen. Denn sie wecken ja nicht selten das besondere Interesse des Lesers.
Wein-Plus: Also doch nur Petrus und Latour?
Schröder: Nein. Wir haben zwar ein europäisches Verständnis von Wein, in dem vor allem die Weine aus dem Bordelais oder der Bourgogne groß sind. Aber auch in Italien und Spanien sind große Weine entstanden. Und auch in den neuen Weinwelten gibt es mittlerweile Winzer, die mit außerordentlicher Leidenschaft Wein machen. Sie haben eine feine Empfindung, das Richtige zu tun; und sie wissen, was es bedeutet, einen zu Wein erzeugen, der bewundernswert ist. Ebenso gehört dazu, dass wir dabei sein wollen, wenn in der Weinwelt etwas Großes geschieht oder sich andeutet.
Wein-Plus: Ein Beispiel?
Schröder: Der 1974er Martha’s Vineyard, dieser wundervolle Cabernet Sauvignon von Heitz, ist so ein gelungener, großer Wein. Hinter ihm steht auch ein bedeutendes Kapitel amerikanischer Weinbau-Historie. Wein ist ja nicht einfach nur da, er birgt auch Geschichte. Dieser Zusammenhang gehört für mich zu einem großen Wein. Er steht für Krieg und Frieden, Wetter-Katastrophen, Umbrüche in der Weinwirtschaft, Verkäufe des Hauses, Pflege des Terroirs und vieles andere.
Wein-Plus: Man trinkt die Geschichte so eines Weines mit?
Schröder: Ich sprach kürzlich mit einem Freund über den 1811er Chateau d’Yquem. Er fragte: Kann man den denn überhaupt noch trinken? Ich habe ihm gesagt: Ja, man kann ihn noch trinken. Aber wenn man diesen Wein nur als eine samtene goldbraune Flüssigkeit zu sich nimmt und sich nicht ins Bewusstsein hebt, dass er zum Beispiel zehn Jahre vor Napoleons Tod gewachsen ist oder 14 Jahre, bevor Goethe den Faust II begonnen hat - dann ist man es nicht wert, ihn zu trinken. Wein ist kein Luxus-, sondern ein Kulturgut. Große Weine sind Hochkultur. Goethe ist auch kein Luxus, sondern ein notwendiger, virulenter Teil unserer geistigen Existenz. Wer das nicht versteht, sollte etwas anderes trinken.
Wein-Plus: Erwarten sie dieses Bewusstsein von ihren Lesern?
Schröder: Ich glaube ja. Unser Leser ist an der Geschichte und den Geschichten der großen Weine interessiert. Deswegen sind auch unsere Verkostungen sehr wichtig und so komplex. Er will diese Jahrgangseindrücke von kompetenten Experten umfassend vermittelt bekommen.
Wein-Plus: Welche Experten werden für FINE verkosten?
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Künstler und Weinexperte Pekka Nuikki
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Schröder: Pekka Nuikki, der Gründer von FINE, Philip Tuck, Master of Wine, Essi Avellan, Master of Wine, Juha Lihtonen, 2003 bester Sommelier in Skandinavien, Andreas Larsson, weltbester Sommelier 2007, sowie der deutsche Herausgeber Ralf Frenzel und hin und wieder auch ich. Es werden sicher auch Teams in wechselnder Besetzung arbeiten. Jan-Erik Paulson etwa macht die Jahrgangsverkostungen mit seiner britischen Gruppe.
Wein-Plus: Werden Sie auch historische Weine verkosten?
Schröder: Pekka Nuikkis Verkostungen sehr alter Weine gehören zur Essenz des Blattes. Sicher gehören auch Verkostungen ähnlich dem Fine & Rare Tasting 1765 - 1904 dazu, das in der aktuellen skandinavischen Ausgabe zu finden ist. Das alles interessiert mich selbst sehr, und ich kenne einige Sammler, die sich auf solche Geschichten stürzen werden.
Wein-Plus: Wie groß schätzen Sie diesen feinen Leserkreis?Schröder: Der Kern unserer Leserschaft umfasst vielleicht 3000 bis 4000 Personen. Sie trinken solche Weine, fahren auf Auktionen, treffen einander. Drumherum gibt es viele Menschen, die großes Interesse an diesen Themen haben, die zu Weinproben gehen und ihr Wissen vertiefen. Dazu können wir auch eine Menge weiterer Leser erreichen, die sich vom Charme des Blattes und seiner Anmutung einnehmen lassen. Ich halte deshalb die Aussage, längerfristig 20.000 Leser zu gewinnen, für nicht allzu waghalsig.
Wein-Plus: Sie werden also nicht nur auf die Berichte der skandinavischen Kollegen zurückgreifen?
Schröder: Wir haben das Privileg, den Charakter und die Marke von FINE transportieren zu dürfen, aber wir wollen kein Second-Hand-Magazin machen. Wir werden viel mit den Kollegen reisen, verkosten und unsere eigenen Schwerpunkte setzen. In drei, vier Heften wird man das deutlicher sehen als jetzt - wobei wir hoffen, dass unsere Arbeit für das deutsche FINE in die Magazine der internationalen Gruppe einfließt.
Wein-Plus: Wie viele deutsche Weine sind denn so groß, dass FINE über sie berichten würde?
Schröder: Es gibt eine ganze Menge, die mit den Großen der Welt mithalten - aber ich möchte Ihnen nicht unser Jahresprogramm verraten.
Wein-Plus: Brauchen große Weine auch große Autoren?
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Jürgen Dollase, der wohl einflussreichste Gourmetkritiker in Europa, ist Kolumnist der "Fine", Foto: Peter Schulte Gourmetvision für CPA!
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Schröder: Es kann ja kein Fehler sein, bedeutende Federn im Blatt zu haben. So wird zum Beispiel Jürgen Dollase bei uns eine Kolumne haben, der wohl einflussreichste Gourmetkritiker in Europa. Er wird über den komplexen Zusammenhang von Speisen und Wein schreiben. Kein anderer besitzt ein so geschliffenes Arsenal an Instrumenten zur Analyse der physiologischen Vorgänge, die wir Geschmack nennen. Es ist für mich nur ein Mangel an Anstrengung bei denen, die finden, das sei alles übertriebenes Zeug. Das Gegenteil ist der Fall! Und es wäre ein Herzenswunsch von mir, dass beispielsweise Umberto Eco über den Piemontesen Angelo Gaja schriebe oder Martin Mosebach über den Weinkeller des Papstes.
Wein-Plus: Wenn Sie ihre Auflagenziele erreicht haben, welche Flasche machen Sie zur Feier auf?
Schröder: Dann gehe ich zum Herausgeber Ralf Frenzel und sage: Wir gehen jetzt in deinen Keller und du machst die beste Flasche auf, die du hast.