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16.02.2010
"... mit schrillem Schrei nach Norden"
Wein im Land der tausend Fjorde
Von Peter Züllig
Leserkommentare (bisher 0)

Wenn der Weinliebhaber eine Reise unternimmt, fährt er in der Regel nach Süden. Einer guten Flasche stets zugetan, bin ich trotzdem nach Norden abgehauen, bis an den nördlichsten Punkt unseres Kontinents, das Nordkap. Ich liebe Skandinavien, besonders Norwegen, das Land der tausend Fjorde. Alles ist anders: die Natur, das Meer, die Menschen, der Tag und die Nacht, auch der Wein. Natürlich muss der Wein importiert werden, denn das Klima in Norwegen ist nicht für Trauben geschaffen, trotz Erwärmung durch den Golfstrom. Dies schmerzt den Weinliebhaber kaum, denn in der globalisierten Welt gelangen Weine mühelos auch bis zum Breitengrad 71°10‘21“, dem Nordkap.

Vinmonopolet, ein weitmaschiges Netz von staatlichen Läden, in denen Alkohol verkauft wird

Es ist nicht die weite Reise, die den Wein dort so teuer macht; es ist der Staat, der mit Höchststeuern den Alkoholkonsum einzudämmen versucht. Für uns aber ist es ein ungewohntes Bild, wenn in allen Lebensmittel-Geschäften und Discountern das sonst üppige Wein- und Spirituosenangebot fehlt. Auch von Tabak ist da weit und breit nichts zu sehen. Auf Verlangen greift aber die Verkäuferin hinter eine – für das Auge undurchdringliche – Lamellenwand und fördert ein Päckchen Zigaretten oder einen Tabakbeutel zu Tage. Kein Problem, absolut legal, nur sehr teuer. Für hochprozentige alkoholische Getränke hingegen (in Norwegen sind dies bereits Getränke mit mehr als 4.75 Volumenprozent Alkohol) gibt es keine versteckten Regale. Wein und Spirituosen sind nur im staatlichen „Vinmonopolet“ zu kaufen oder in einem lizenzierten Restaurant zu konsumieren.

Ein Restaurant im alten Stil in Bergen - vorwiegend von Touristen besucht.

Auf öffentlichem Grund ist es sogar verboten, Wein oder gar Spirituosen zu trinken. Seit hundert Jahren versucht Norwegen (in den anderen skandinavischen Ländern ist es ähnlich) mit restriktiven gesetzlichen Bestimmungen dem vor allem im 19. Jahrhundert weitverbreiteten Alkoholismus Herr zu werden. Die vielen kleinen, abgelegenen Siedlungen, der harte Alltag der Fischer und Bauern, die lange Dunkelheit, wo die Sonne im Winter während zwei Monaten nie mehr auftaucht, der karge Boden, die raue Natur, der bissig kalte Wind bis tief in die Fjorde hinein, sie haben dazu beigetragen, dass Menschen ihre Sorgen und Nöte all zu oft im Alkohol ertränkt haben.

Fischerdorf im Trondheimsfjord, am Fuße von kahlen Buckelbergen.

Noch vor zwanzig Jahren besaßen nur wenige Gaststätten die Lizenz, Alkohol auszuschenken. Als ich damals in einem Hotel in Bergen Wein bestellte, brachte man mir einen süßlichen Saft, der die Definition von Wein – aus den Früchten der Reben vergoren – bei weitem nicht erfüllen konnte. Inzwischen ist vieles anders geworden. Norwegen ist heute – dank Erdölförderung – ein reiches Land, mit gut ausgebauten sozialen Netzwerken, imposanter Verkehrserschließung und attraktiven Ferien-Angeboten. Eine wichtige touristische Institution ist das einstige Postschiff „Hurtigruten“, das Bergen im Süden Norwegens mit Kirkenes im „hohen Norden“ verbindet.

Gedeckter Tisch auf dem Postschiff Hurtigrute. Die Weinkarte enthält 30 Weine.

Sechs Tage braucht das Schiff, bis es oben die russische Grenze erreicht, um sich nach ein paar Stunden wieder auf den mühsamen Weg zu machen, zurück nach Bergen. Rund 2500 Seemeilen (4630 Kilometer) legt es dabei zurück und steuert 34 meist kleine Häfen an. „Die schönste Seereise der Welt“ verkündet die Touristenwerbung. Zu Recht, meine ich. Deshalb kann mich der beste Wein ab und zu nicht in den Süden locken, das Verlangen nach dem Land der Hurtigruten und Rentiere im Norden ist viel, viel stärker.

Glossar zum Thema

Der Tourismus bewirkte auch eine Lockerung der strengen Alkohol-Vorschriften. In fast allen Hotels, in vielen Restaurants, die von Touristen besucht werden, sind sowohl Wein als auch Spirituosen eine Selbstverständlichkeit. Doch da gibt es für Weinliebhaber ein schon fast bitteres Erwachen. Die Weine sind sehr teuer und die Auswahl ist – sagen wir einmal – sehr eigenwillig.

Mit dem alten Postschiff (Jahrgang 1964) unterwegs.

Ich habe manche Weinkarte studiert und mich tapfer durch die Rotweine der Hurtigruten „gekämpft“. Darunter waren keine schlechten Weine, aber belanglose, eben Touristenweine und zwar aus vielen Weingebieten der Welt: Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Österreich, Deutschland, Argentinien, Chile, Kalifornien.

Der „Schiffswein“, der einfachste Wein auf der Karte, ist auch glasweise zu beziehen. Ein Deziliter kostet etwa 9 Euro, die ganze Flasche 45 Euro. Ein stolzer Preis für einen Wein, der für 7 Euro in Deutschland zu kaufen ist. Es ist „Periquita“ vom portugiesischen Traditionshaus J.M. da Fonseca, das schon seit über hundert Jahren Wein in die ganze Welt exportiert. Es fällt rasch einmal auf, dass fast alle angebotenen Weine von großen Exportfirmen kommen. Es sind kaum Weine darunter, die auf dem Weingut abgefüllt wurden, kaum Weine, die den AOC Status erreichen.

Schiffswein Periquita von José Maria da Fonseca, Portugal

Mein geliebtes Languedoc war ausgerechnet mit einem eher auf gute Massenproduktion ausgerichteten Merlot aus dem Hause Baron Philippe Rothschild vertreten, der immerhin stolze 50 Euro kostet (in Deutschland im Geschäft für 7 Euro zu kaufen). Zugegeben, dies sind Restaurant-Preise. Auch wenn man mit dem hohen Faktor 3 rechnet, ist leicht zu erahnen, wie stark Alkohol in Norwegen besteuert wird (allein die Mehrwertsteuer beträgt 25 Prozent für alkoholische Getränke).

Für den Weinliebhaber ist es aber nicht allein der Preis, der ihm zu schaffen macht. Es ist noch viel mehr die Auswahl: Vinmonopolet besorgt den Einkauf, so dass in allen Geschäften etwa die gleichen Weine zu kaufen sind. Fast ausschließlich „Händlerweine“, die zwar gut zu trinken sind, aber kaum individuellen Charakter haben. Der beste Wein, den ich mir auf dieser Reise gegönnt habe, kam von der nördlichen Rhone: „C“ vom „Cave de Claimonts“ aus dem Weingebiet Crôzes Hermitage, einem Familienunternehmen, das heute ca. 140 Hektar bewirtschaftet (Kosten in Deutschland: 10 Euro), am Tisch kostet er etwa 65 Euro.

Das Polarlicht nördlich des 70. Breitengrads

Als Weinfreak musste ich also während der 12 Reisetage nie auf Wein verzichten, ich brauchte auch nicht im Gepäck ein paar Flaschen ins Land zu schmuggeln. Es gab in jeder gewünschten Situation Wein, doch: zu welchem Preis und welche Art von Wein? Bacchus hat das Zepter an Poseidon abgegeben. Und der zaubert – wenn man dem Wein nicht allzu sehr zugesprochen hat – ein wunderbares Schauspiel an den Himmel: das Polarlicht. Wer in den Norden zieht, hat sich zu entscheiden: Bacchus oder Poseidon. Zwei Göttern kann man nicht dienen.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

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